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Digitalisierung Gegen die moderne Sklaverei

Die Digitalisierung verändert das Arbeitsleben schon jetzt massiv. DGB und Hans-Böckler-Stiftung zeigen mit dem „Atlas der Arbeit“, worauf es ihnen dabei ankommt.

Robot arms coat a Porsche Macan at the new plant in the eastern German city of Leipzig
Die Wirtschaft 4.0 verändert die menschliche Arbeit. Foto: rtr

Als in den 70er und 80er Jahren eine Rationalisierungswelle durch Deutschlands Fabriken rollte, stellten sich Gewerkschafter und Betriebsräte vielerorts die bange Frage, ob Arbeiter und Angestellte dereinst überhaupt noch benötigt werden. Das Thema „Zukunft der Arbeit“ wurde, als sichtbarer Ausdruck der Verunsicherung, mit einem Fragezeichen versehen. Heute, zu Beginn des digitalen Zeitalters, spricht der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Reiner Hoffmann, selbstbewusst von der „Arbeit der Zukunft!“ und legt dabei Wert auf das Ausrufezeichen. Denn dass Roboter und Rechner den Menschen weitgehend ersetzen und so Millionen Erwerbstätigen ihre materielle Grundlage entziehen könnten, glaubt Hoffmann nicht.

Vielmehr macht der neue „Atlas der Arbeit“, den DGB-Chef Hoffmann und die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung am Montag in Berlin vorgestellt haben, deutlich, dass die Wirtschaft 4.0 menschliche Arbeit gewiss verändert, aber wohl kaum überflüssig machen dürfte. Positiv betrachtet könnte die Automatisierung den demographisch bedingten Rückgang der Erwerbspersonenzahlen in den kommenden 15 Jahren teilweise auffangen. Damit stiege die Produktivität des einzelnen Beschäftigten weiter an. Wem aber kommen diese Digitalisierungsgewinne zugute und wie werden sie eingesetzt, fragt der Geschäftsführer der Böckler-Stiftung, Michael Guggemos. Aus Gewerkschaftssicht wünschenswert wäre etwa eine Aufwertung und bessere Bezahlung von Pflege-, Erziehungs- und Hauswirtschaftstätigkeiten. Mit der Digitalisierungsdividende könnten also Dienstleistungen von Menschen für Menschen finanziert werden.

Völlig andere Fragestellungen ergeben sich aus Umbrüchen, die die Digitalisierung in der Arbeitswelt bereits heute verursacht. Unternehmen wie etwa der US-Fahrdienst Uber entziehen sich sämtlichen Pflichten als Arbeitgeber – dem Abführen von Sozialbeiträgen, der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, dem Anspruch auf Urlaub oder der Einhaltung des Mindestlohngesetzes – mit der simplen Behauptung, gar kein Arbeitgeber zu sein, sondern lediglich Vermittler tausender soloselbstständiger Fahrer. „Uber-Fahrer sind aber eben keine Selbstständigen, schon weil sie den Fahrpreis nicht selbst festlegen können und pauschal 20 Prozent ihrer Einnahmen an Uber abführen müssen“, sagt Hoffmann.

Nach dem Uber-Prinzip verfahren auch Firmen, die im Internet Arbeitsangebote an Crowd-Worker vermitteln: Wer mitmacht, ist Unternehmer in eigener Sache, kann daher keine Arbeitnehmerrechte geltend machen und wird nur bezahlt, wenn das Unternehmen mit den Ergebnissen zufrieden ist. Der Vermittler ist eben nur Vermittler, nicht etwa Arbeitgeber, und damit fein raus. Um dieser Form moderner Sklaverei zu begegnen, plädiert die Böckler-Stiftung für eine Haftung der Auftraggeber: Per Gesetz sollen jene, die Leistungen bestellen, alle Pflichten eines Arbeitgebers übernehmen. Bis Ende des Jahres werden laut Guggemos Eckpunkte eines solchen Gesetzes vorliegen.

Wie die Zukunft der Arbeit aus Gewerkschaftssicht keinesfalls aussehen sollte, zeigt der Atlas der Arbeit anhand zahlreicher Grafiken zur aktuellen Situation am Arbeitsmarkt. So verbindet eine Mehrheit der Beschäftigten in DGB-Umfragen die Digitalisierung mit steigenden Leistungsanforderungen, verdichteter Arbeit, erweiterten Kontrollmöglichkeiten der Arbeitgeber und entgrenzten Arbeitszeiten. Zugleich kommen die volkswirtschaftlichen Gewinne des nunmehr acht Jahre währenden Aufschwungs vor allem den Unternehmen und Kapitaleignern zugute, während der Anteil der Geringverdiener fast unverändert bei einem knappen Viertel der Beschäftigten verharrt.

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