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Arbeitswelt 4.0 Programme statt Buchhalter

Was bringt der digitale Wandel im Berufsleben? Wie schnell wird er sich vollziehen? Und welche Rolle spielt dabei die Bildung? Unser Autor Frank-Thomas Wenzel gibt Antworten.

Software-Ingenieur bei der Arbeit
Software-Ingenieur bei der Arbeit Foto: afp

Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt grundlegend verändern. Acht von zehn Deutschen befürchten, dass immer mehr Beschäftigte abgehängt werden. Das geht aus einer aktuellen Umfrage des Bundesbildungsministeriums hervor. Doch es ist noch längst nicht ausgemacht, wie sich der Wandel in der Industrie, im Handel und in der Dienstleistungsbranche auf die Arbeitsplätze tatsächlich auswirken wird. Wir erläutern, was auf die Firmen und die Arbeitnehmer zukommen kann.

Wie sehen die Szenarien für die Digitalisierung aus?
Fest steht, dass die wachsende Vernetzung eine neue Stufe der Organisation und Steuerung in allen Wirtschaftsbereichen bringen wird. Der Hightechverband Bitkom spricht davon, dass insbesondere die Produktion flexibilisiert und optimiert werden kann. Immer mehr setzt sich für diesen Prozess der Begriff Industrie 4.0 durch, der darauf anspielt, dass es sich um die vierte industrielle Revolution handelt.

Wie schnell wird sich der Wandel vollziehen?
Geschwindigkeit ist der entscheidende Faktor. Doch dabei darf man nicht den Fehler machen, Prozesse wie etwa den Boom bei Smartphones zum Maßstab zu nehmen, die innerhalb von vier, fünf Jahren die gesamte Mobilfunkbranche umgekrempelt haben. Für den Umbau der Industrie in Europa ist nach Hochrechnungen der Beratungsfirma Roland Berger die gigantische Summe von gut 1300 Milliarden Euro nötig. Ralph Lässig, Partner bei Roland Berger, betont, dass das Nadelöhr bei zahlreichen Industrie 4.0-Anwendungen die komplette Erneuerung der Maschinenparks ist. „Und das sind Prozesse, die sich insbesondere im Mittelstand über Jahre hinziehen können“, so Lässig.

Wie ist der Stand der Umsetzung?
Eine Bitkom-Studie hat ergeben, dass derzeit vor allem die klassische Automatisierung vorangetrieben wird – etwa durch den verstärkten Einsatz von Robotern in der Fertigung. Bei umfassenderen Lösungen hapert es allerdings. Eine aktuelle Befragung des Verbandes hat ergeben, dass in vier von zehn Unternehmen die Digitalisierung durch Anforderungen an Datenschutz und IT-Sicherheit behindert werde. Bei knapp 30 Prozent der Unternehmen fehle es an Akzeptanz in der Belegschaft sowie an qualifizierten Fachkräften.

Werden Arbeitsplätze dennoch in großem Stil verschwinden?
Experten stimmen darin überein, dass durch die Digitalisierung nicht nur einfache Tätigkeiten wie die Arbeit an Fertigungsbändern, sondern auch qualifizierte Jobs verschwinden können. So bieten Softwarefirmen neue intelligente Programme an, die Rechnungen „lesen“ und vollautomatisch begleichen können. Damit werden Beschäftigte in der Buchhaltung von Unternehmen überflüssig. Start-up-Firmen, die unter dem Schlagwort Fin-Tech laufen, arbeiten an Lösungen, die Bankberater überflüssig machen. Ganze Call Center können überflüssig werden, wenn Chat-Bots eingesetzt werden – Computerprogramme, die gesprochene Sprache verstehen und Antworten in gesprochener Sprache erzeugen können. Und sollten in zehn oder 15 Jahren tatsächlich autonome Autos fahren, können Jobs für Taxi- und Lastwagenfahrer wegfallen.

Gibt es Hochrechnungen über die Gesamtzahl der bedrohten Jobs?
Das Lager der Pessimisten hat Zulauf durch eine viel beachtete Untersuchung der Oxforder Wissenschaftler Michael Osborne und Carl Benedikt Frey bekommen, die hochgerechnet haben, dass in den USA in den nächsten 20 Jahren etwa die Hälfte der Arbeitsplätze der Digitalisierung zum Opfer fällt. Der renommierte Informatiker Jaron Lanier erwartet, dass „viele Berufe der Mittelschicht“ verschwinden werden.

Gibt es Gegenbewegungen?

Bitkom-Präsident Thorsten Dirks hält die Debatte über eine vermeintlich drohende Massenarbeitslosigkeit für verfehlt: „Die digitale Transformation schafft weltweit Millionen neuer Jobs. Diese Jobs sind oft nicht mehr an einen bestimmten Standort gebunden. Wir müssen diesen Prozess aktiv so gestalten, dass die Arbeitsplätze in Deutschland entstehen.“ Immerhin sind nach Bitkom-Erhebungen in den vergangenen fünf Jahren hierzulande schon rund 100 000 neue Arbeitsplätze in der Informations- und Kommunikationstechnik entstanden, obwohl viele offene Stellen nicht besetzt werden konnten. Dieser Trend soll sich auch in diesem Jahr fortsetzen. Der Verband kalkuliert damit, dass 21 000 neue Stellen entstehen werden. Aktuell werden Experten vor allem für die Entwicklung von Software benötigt.

Software-Entwickler anstelle von Facharbeitern?
Die Experten der Boston Consulting Group gehen davon aus, dass der Bedarf an Spezialisten mit IT-Kompetenz weiter massiv steigen wird. Diese sollen in Zukunft, „die flexiblen und vernetzten Produktionsabläufe planen, simulieren und überwachen“. Lässig von Roland Berger macht dabei aber darauf aufmerksam, dass bei vielen Facharbeitern Kenntnisse in Computertechnik „längst Standard sind.“ Wie er gehen zahlreiche Experten davon aus, dass es in den nächsten Jahren massiv darauf ankommt, die Weiterbildung der Beschäftigten in Richtung Digitalisierung zu organisieren.

Wie werden sich die Arbeitsbedingungen verändern?
Mit der Digitalisierung entstehen enorme Möglichkeiten der Flexibilisierung der Arbeitswelt. So kann beispielsweise die Fertigung in einer Autofabrik viel stärker an Nachfrageschwankungen angepasst werden. Dafür müssen neue Regelungen getroffen werden. Arbeitszeitkonten dürften eine größere Rolle spielen. Komplett neue Arbeitsweisen wie Crowd-Working sind möglich: Damit können Firmen etwa Entwicklungsprojekte an (Schein)-Selbstständige auslagern, um die Vorhaben zu beschleunigen und die Kosten massiv zu drücken. Gewerkschafter fordern hier, staatliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die faire Arbeitsbedingungen garantieren. Der Tübinger Politikwissenschaftler Daniel Buhr macht sich denn auch dafür stark, dass technische Innovationen mit „sozialen Innovationen“ einhergehen, also die Mitbestimmung in Unternehmen ausgeweitet wird.

Wie muss sich das Lernen in der Schule verändern?
Bitkom fordert, Kompetenzen im Themenfeld Digitales und Medien massiv zu stärken. Informatik solle von der fünften Klasse an zum Pflichtfach werden, Englisch als die Sprache der Digitalwirtschaft von der ersten Klasse an. Aus Sicht des renommierten Erziehungswissenschaftler Wassilios Fthenakis reicht dies aber bei Weitem nicht aus. Der gesamte Bildungsverlauf müsse grundlegend neu organisiert werden – vom Kindergarten bis zur Universität. Die Menschen müssten darauf vorbereitet werden, drei, vier oder fünf Berufe während ihres Lebens auszuüben. „Der Wandel selbst muss Inhalt der Bildung werden“, sagt Wassilios Fthenakis.

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