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Arbeitsmarkt "Aus viel Arbeit gute Arbeit machen"

Die Zahl der Jobsuchenden sinkt auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren. Arbeitsmarkt-Forscher sind jedoch nicht so restlos begeistert wie die Politiker: Die Qualität der Arbeit sei oftmals schlecht. Nun sei die Politik gefordert.

Arbeiter an der Elbphilharmonie in Hamburg: Auch in der Baubranche hat die Zahl der Beschäftigten wegen der stabilen Konjunktur im vergangenen Jahr zugenommen. Foto: picture alliance / dpa

Für Wirtschaftsminister Philipp Rösler ist die Arbeitswelt in Ordnung: 2011 könne „als das mit Abstand erfolgreichste Jahr für die Erwerbstätigen im wiedervereinigten Deutschland bezeichnet werden“, bilanziert der FDP-Politiker. Zum einen habe die Zahl der Beschäftigten einen Höchststand erreicht. Zum anderen seien die Entgelte je Arbeitnehmer kräftig gestiegen. Unabhängige Arbeitsmarkt-Forscher wie Gerhard Bosch von der Uni Duisburg-Essen sind dagegen keineswegs restlos begeistert.

Was auch Bosch positiv bewertet: Die Zahl der registrierten Arbeitslosen ist auf den niedrigsten Stand seit 1991 gesunken. Insgesamt waren 2011 im Jahresdurchschnitt 2,98 Millionen Menschen bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeldet. An diesen Trend gebe es nichts „herumzumäkeln“, betont der Arbeitsmarkt-Experte Bosch. Natürlich müsse man bedenken, dass in der offiziellen Statistik nie das volle Niveau der Arbeitslosigkeit erfasst werde. Anfang der 1990er Jahre sei aber eher mehr getrickst worden als heute: „Nach der Wiedervereinigung waren die Arbeitslosenzahlen unrealistischer.“

Wer wissen will, wie viele Menschen tatsächlich keinen Job haben, obwohl sie einen suchen, sollte sich die Unterbeschäftigung anschauen, die die BA ebenfalls ausweist. Hier sind auch Ein-Euro-Jobber und Arbeitslose in Weiterbildung erfasst. Mitgezählt werden zudem ältere Hartz-IV-Empfänger, die ein Jahr lang kein Stellenangebot erhielten und deswegen – unsinnigerweise – aus der offiziellen Statistik fallen.

Insgesamt waren im Dezember knapp 3,9 Millionen Menschen unterbeschäftigt. Es fehlen also noch ungeheuer viele reguläre Stellen. Immerhin ist auch hier der Trend positiv: Im Dezember gab es 490.000 weniger unterbeschäftigte Menschen als ein Jahr zuvor.

Qualität der Arbeit ist oft schlecht

Der sinkenden Arbeitslosigkeit steht eine wachsende Beschäftigung gegenüber. Bundesweit ist die Zahl der Erwerbstätigen im vorigen Jahr erstmals auf über 41 Millionen Menschen gestiegen. Das Problem: Die Qualität der Arbeit ist oft schlecht, betont Bosch. Langfristig habe gering bezahlte Arbeit und unfreiwillige Teilzeit zugenommen. Aufgabe der Politik sei es nun, „aus viel Arbeit auch gute Arbeit zu machen“.

Nötig sei ein gesetzlicher Mindestlohn. Die jüngsten Studien im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums hätten gezeigt, dass die in Deutschland bereits bestehenden Branchen-Mindestlöhne die Beschäftigung nicht reduziert hätten. Eine Lohn-Untergrenze würde zudem „einen Nachfrage-Impuls von über zehn Milliarden Euro geben“, betont der Direktor des Instituts Arbeit und Qualifikation. „Das wäre ein kleines Konjunkturprogramm, das den öffentlichen Haushalt nicht belastet.“

Zudem sollten mehr Tarifverträge für allgemein verbindlich erklärt werden. Dies hätte zur Folge, dass sich alle Firmen in einer Branche an die Tarife halten müssen. Keine Unternehmen könnte sich mit Niedrigstlöhnen Wettbewerbsvorteile verschaffen. In Ländern wie Frankreich und den Niederlanden seien solche allgemein verbindlichen Tarifverträge gang und gäbe. Schließlich müssten Leiharbeiter und Minijobber wie Festangestellte entlohnt werden.

Die zweite große Aufgabe der Politik sei es, mehr in Bildung zu investieren, gerade in die Weiterbildung Erwachsener. Wer von den Menschen verlange, länger zu arbeiten, müsse sie auch dafür ausrüsten, sagt Bosch mit Blick auf die Rente mit 67. Statt Arbeitslose mit Fast-Food-Trainings abzuspeisen, müsse der Staat berufliche Abschlüsse fördern.

Und was ist mit der jüngsten Lohnentwicklung, die Rösler als Erfolg vermeldet? Nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen sind die realen Stundenlöhne im vorigen Jahr im Schnitt um 0,5 Prozent gestiegen. Üppig ist das nicht.

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