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Arbeitsbedingungen bei Amazon Arbeit bei Amazon kann krank machen

Eine Reportage des britischen Senders BBC deckt extrem harte Arbeitsbedingungen in einem Amazon-Versandlager auf. Ein Experte warnt: "Diese Arbeit kann seelisch und körperlich krank machen." Der US-Konzern weist alle Vorwürfe zurück.

26.11.2013 17:24
Von Daniel Kortschak
110 Artikel und mehr pro Stunde muss ein Mitarbeiter im Amazon-Logistikzentrum im britischen Swansea bearbeiten. Foto: rtr/Symbolbild

Eine Reportage des britischen Senders BBC deckt extrem harte Arbeitsbedingungen in einem Amazon-Versandlager auf. Ein Experte warnt: "Diese Arbeit kann seelisch und körperlich krank machen." Der US-Konzern weist alle Vorwürfe zurück.

Während seiner zehneinhalb Stunden langen Nachtschicht läuft Adam Littler über 17 Kilometer quer durch die Riesenhalle, treppauf, treppab über vier Etagen. Sein ständiger Begleiter ist ein elektronischer Scanner, der ihm den Weg zum nächsten Regal weist und ihm mit einem Sekunden-Countdown vorgibt, wie lange er brauchen darf, bis das gesuchte Produkt im Rollwagen liegt. Dafür bekommt Littler umgerechnet etwas mehr als 10 Euro pro Stunde, Nachtschicht-Zuschlag inklusive.

Der 23-jährige Uni-Absolvent ist einer von 15.000 Zeitarbeitern, die vor Weihnachten in den Logistikzentren des US-Versandhändlers Amazon in Großbritannien die Weihnachtsbestellungen Hunderttausender Kunden zusammenstellen und für den Versand fertigmachen. Seit einigen Monaten arbeitet Littler im Amazon-Versandlager in der südwalisischen Hafenstadt Swansea, erst in der Tag-, anschließend in der Nachtschicht. Beschäftigt ist er nicht bei Amazon direkt, sondern, wie der Großteil seiner Kollegen auch, bei einer Zeitarbeitsfirma.

Doch Adam Littler ist kein normaler Amazon-Leiharbeiter: Er hat sich als verdeckter Reporter für den britischen Sender BBC in das Logistikzentrum eingeschlichen, unter seiner orangenen Warnweste trägt er eine versteckte Kamera. Sie filmt, wie Littler durch die Gänge der riesigen Lagerhalle hetzt, steile Metallstufen in die oberen Regalebenen erklimmt.

Ist er am Ziel angekommen, scannt er die entsprechende Position und legt die Ware in seinen Rollwagen. Dann blinkt auf dem Display der nächste Auftrag auf und der Countdown beginnt zu laufen: Mal hat der Picker - so heißen bei Amazon jene Mitarbeiter, die die bestellten Produkte aus dem Warenlager holen und in die Versandabteilung bringen - 37 Sekunden Zeit, um zum nächsten Regal zu kommen, mal sind es nur 12, immer abhängig von der Entfernung.

Immer wieder schiebt Littler seinen schweren Rollwagen auch durch völlige Dunkelheit: Um Strom zu sparen, schaltet sich das Licht in den Regalreihen per Bewegungsmelder ein und aus. Versagt der Sensor, tappt der Picker im Dunklen, die einzige Lichtquelle ist dann der Handscanner, auf dem der Countdown unerbittlich tickt.

110 Produkte pro Stunde

Bis zu 110 Produkte muss er pro Stunde in seinen Rollwagen laden, so lautet die Vorgabe, die Littler von seinen Vorgesetzten bekommen hat. Bleibt er darunter, heißt es zum Rapport anzutreten: Über die vernetzten Scanner können die Vorgesetzten die Performance jedes einzelnen Pickers überwachen.

"Bist du müde?", fragt ein Manager den verdeckten Reporter gegen Ende der Nachtschicht, als seine Quote deutlich sinkt. "Nimm' einen Energy-Drink und hau' rein", lautet der kumpelhafte Rat des Vorgesetzten an seinen Mitarbeiter.

Deutlich weniger entspannt gibt sich Michael Marmot, Experte für Stress am Arbeitsplatz, als ihn die BBC mit dem Ergebnis ihrer verdeckten Recherche konfrontiert: "Diese Art von Arbeit führt zu einem erhöhten Risiko von psychischen und körperlichen Erkrankungen." Die Arbeit im Amazon-Versandlager würde "sämtliche negativen Aspekte" auf sich vereinen, so Marmot.

Nicht nur in Großbritannien berichten Mitarbeiter von unmenschlichen Arbeitsbedingungen bei Amazon. Bereits vor einigen Monaten schilderte der Journalist Jean-Baptiste Malet seine Erfahrungen als Picker in einem französischen Amazon-Versandlager. „Pickers sind effizienter als Roboter“, schreibt Malet in dem Buch „En Amazonie“ ("In Amazonien").

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