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Arbeiten in der Krise Gefährdungsanalyse Psyche

Arbeitsmedizinerin Wahl-Wachendorf spricht im Interview über die zunehmende Offenheit gegenüber psychischen Problemen und die Ratschläge der Fachleute.

Arbeit
Die Firmen müssen sich mehr einbringen, wenn die Mitarbeiter psychisch erkranken. Foto: rtr

Frau Wahl-Wachendorf, haben Betriebsärzte häufiger als früher mit psychischen Problemen von Mitarbeitern zu tun?
Ja, definitiv. Selbst in konservativen Branchen kommt das Thema langsam an. Auch in der Bauwirtschaft beispielsweise ist das Thema Psyche ein ganz anderes als noch vor fünf Jahren. Betriebsärzte aus allen Branchen berichten, dass Mitarbeiter ihnen viel öfter als früher in ganz normalen Beratungsgesprächen von belastenden Problemen erzählen.

Liegt das daran, dass das Thema nicht mehr so stigmatisiert ist, oder daran, dass die Probleme zugenommen haben?
Sicherlich ist beides richtig. Die Menschen sind bereiter, über solche Dinge zu sprechen. Aber die enorme Arbeitsverdichtung, die zunehmend entfremdete Arbeitswelt befördert auch die Zunahme von Belastungsstörungen.

Beschäftigen sich die Unternehmen Ihrer Meinung nach ausreichend mit dem Thema?
Seit 2013 müssen Unternehmen, egal wie groß oder klein sie sind, eine Gefährdungsanalyse Psyche erstellen. Sie müssen also schauen, welchen potenziellen psychischen Belastungen ihre Mitarbeiter ausgesetzt sind. Wenn in einem Unternehmen viele Mitarbeiter draußen arbeiten, stellt Hitze zum Beispiel eine mögliche psychische Belastung dar. Wer viele Mitarbeiter im Home Office beschäftigt, muss berücksichtigen, dass ihnen ein Team fehlen könnte. Auch wenig Austausch zwischen Chefs und Mitarbeitern kann eine Belastung sein. Die Unternehmen müssen das erkennen und Maßnahmen einleiten.

Machen sie das denn?
Viele kleine Unternehmen noch nicht, obgleich sie müssten. Viele Firmen sind aber auch sehr engagiert, aber es fehlt oft noch ein richtiges Konzept. Da haben es große Konzerne mit ihren Ressourcen natürlich leichter. Insgesamt lässt sich aber sagen: Das Bewusstsein für das Thema ist größer geworden. Der erste Schritt ist immer, wenn Firmen überhaupt erkennen, dass es da möglicherweise ein Problem gibt. Bei einem kleinen Unternehmen kann dann zum Beispiel schon eine erste Maßnahme sein, jeden Abend das Team kurz noch zum Austausch zusammenzubringen, um eine gute Atmosphäre zu schaffen – das ist gelebte psychische Gesundheit. Es muss nicht immer alles gleich total elaboriert und aufwendig sein; das kann man von kleineren Unternehmen auch nicht verlangen. Firmen tun aber gut daran, bei größeren Maßnahmen Experten zu Rate zu ziehen, denn das Thema ist ja schon sensibel.

Wo können Unternehmen denn Unterstützung finden?
Checklisten für die Erstellung der Gefährdungsanalyse Psyche kann man zum Beispiel bei den Berufsgenossenschaften bekommen. Beim Ausschuss für Arbeitsmedizin im Bundesministerium für Arbeit haben wir, das heißt Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter und Betriebsärzte, eine Unterstützungshilfe „psychische Gesundheit“ erstellt, da können Firmen auch einen guten Überblick über mögliche Maßnahmen bekommen.

Sie sagten vorhin, es kommen inzwischen viele Mitarbeiter mit ihren Problemen zu den Betriebsärzten. Haben sie denn keine Angst sich Ihnen anzuvertrauen – so unter dem Motto: „Dann bekomme ich einen Vermerk in meiner Personalakte“?
Immer weniger. Wir unterliegen ja auch der ärztlichen Schweigepflicht. Betriebsärzte haben beim Arbeitsbezug einen Vorteil gegenüber Hausärzten: Wir können den Mitarbeitern oft mit konkreten Maßnahmen helfen, wenn sie uns über Probleme am Arbeitsplatz berichten. Wenn jemand etwa erzählt, dass der Lärm im Großraumbüro ihn sehr belastet, dann kennen wir die Verhältnisse vor Ort und beraten die Unternehmensführung zu Anpassungen am Arbeitsplatz.

Was sehen Sie denn in großen Unternehmen häufig für Angebote für Mitarbeiter mit persönlichen Problemen?
Viele Unternehmen bauen sich ein Netzwerk von Ärzten auf, um Mitarbeiter ohne lange Wartezeiten in Therapien oder Kliniken vermitteln zu können. In Ausbildungsbetrieben werden Ausbilder immer häufiger geschult, ein gutes Auge für Jugendliche mit Suchtproblemen zu entwickeln und diesen gegebenenfalls Hilfe anzubieten. Große Unternehmen haben sehr oft auch eigene Suchtberater. Das sind häufig Mitarbeiter mit einer speziellen Fortbildung, die selbst einmal Suchtprobleme hatten und dadurch wissen, wovon sie reden. Immer mehr Unternehmen nehmen ihre Fürsorgepflicht für die Mitarbeiter sehr ernst.

Interview: Nina Luttmer

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