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Arbeit & Soziales Kfz-Mechaniker sollen länger schrauben

Die hessische Landesinnung kündigt die Tarifverträge. Die IG Metall will Mitglieder in den Werkstätten mobilisieren

Vollgas für Tarifverträge“, unter diesem Motto trafen sich am Mittwoch auf Einladung der IG Metall (IGM) mehr als 100 Betriebsräte und Belegschaftsvertreter aus dem Kfz-Handwerk in Frankfurt. Der Anlass: Der Landesverband Hessen des Kraftfahrzeug-Gewerbes, in dem 22 Kfz-Innungen mit mehr als 4000 Betrieben Mitglied sind, hat zum 30. September die geltenden Tarifverträge gekündigt. Laut IGM weigert sich die Landesinnung, wie bisher Tarifverhandlungen mit der Gewerkschaft zu führen. Stattdessen wurde die Tarifgemeinschaft des hessischen Kraftfahrzeuggewerbes gegründet, die nun mit der IGM verhandeln will.

Die ursprüngliche Funktion von Tarifverträgen, nämlich die Festlegung von Mindeststandards, sei heute wegen der hohen Regelungsdichte durch den Gesetzgeber „in einigen Fällen nicht mehr zeitgemäß“, argumentiert der Geschäftsführer des Landesinnungsverbandes, Joachim Kuhn. „Die Akzeptanz von Flächentarifverträgen im Kraftfahrzeuggewerbe bröckelt deshalb seit Jahren bundesweit.“ Die betriebliche Realität sei oft völlig anders, teilweise behinderten Tarifverträge die in den Betrieben einvernehmlich gefundenen Regelungen, so Kuhn. Deshalb würden Unternehmen sich von der Tarifbindung durch Austritt aus den Innungen „in größerem Maße lösen“.

Als Beispiel nennt Kuhn junge Mitarbeiter im Service-Bereich großer Betriebe, die oft gerne freiwillig 40 und mehr Stunden arbeiten würden, des Verdienstes wegen. Der gekündigte Tarifvertrag sieht eine Wochenarbeitszeit von 36 Stunden vor.

Die Gewerkschaft will nun ihre Mitglieder in den Werkstätten und Autohäusern mobilisieren. In Darmstadt ist für den 1. September ein Autokorso geplant, auch in Wiesbaden, Frankfurt und Nordhessen werden Aktionen vorbereitet. „Wir werden nun jeden Betrieb in Hessen mit mehr als zehn Beschäftigten einzeln zu Tarifverhandlungen auffordern“, kündigte Jörg Köhlinger, IGM-Bezirksleiter Mitte (Hessen, Thüringen, Rheinland-Pfalz, Saarland), am Mittwoch an.

„Damit sind wir in der Lage, den Tarifstreit in jeden Betrieb einzeln zu tragen. Und jeder Betrieb muss dann mit den Aktivitäten der IG Metall rechnen.“ Köhlinger befürchtet, dass künftig „viele und große weiße Flecken entstehen, für die kein tarifvertraglicher Schutz mehr gegeben wäre“. Auf Flugblättern wirft die IGM den Arbeitgebern außerdem vor, einen ruinösen Wettbewerb untereinander zu entfachen, sie fürchtet als Folge Preis- und Lohndumping.

Der zuständige IGM-Tarifsekretär, Josef Windpassinger, sagte der FR, die Tarifgemeinschaft habe ihm ein Papier zugesandt, demzufolge für ein Viertel der Beschäftigten künftig die 40- statt der 36-Stunden-Woche gelten solle. Auch die Entgeltrichtlinien sollten gesenkt werden. Er werde sich Gesprächen natürlich nicht verweigern, so Windpassinger, doch sei bislang noch nicht einmal klar, wie viele Mitgliedsfirmen die Tarifgemeinschaft habe.

Das Verhalten der Arbeitgeber erscheint umso merkwürdiger, als die IG Metall gerade erst im Juni und Juli für die Beschäftigten im Kfz-Handwerk in den Bundesländern Saarland, Rheinland-Pfalz und Thüringen Tarifverträge mit kräftigen Lohnerhöhungen abgeschlossen hat. In den beiden westlichen Bundesländern ist ihr Tarifpartner dabei weiterhin die jeweilige Landesinnung beziehungsweise der Innungsverband. Nur in Thüringen gibt es ebenfalls eine Tarifgemeinschaft.

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