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Arbeit „Jobs, die die Welt nicht braucht“

US-Bestsellerautor David Graeber über immer mehr sinnlose Arbeit, Manager-Feudalismus und die wunderbare Chance, endlich zu einer Freizeit-Gesellschaft zu werden.

David Graeber
David Greaber: „Nicht nur entstehen immer mehr Bullshit-Jobs – eigentlich sinnvolle Tätigkeiten werden zunehmend mit Bullshit belastet.“ Foto: REX/Shutterstock

Der Kapitalismus ist hart und effizient. Im Kampf um Rentabilität und Marktanteile streichen Unternehmen Arbeitsplätze, erhöhen die Arbeitsleistung – alles Überflüssige und Unnötige wird weggeschnitten. Doch darin sieht der Anthropologe und Bestseller-Autor David Graeber nur die eine Seite des Systems. Auf der anderen Seite sieht er eine rapide Zunahme sogenannter „Bullshit Jobs“, also von Arbeitsplätzen, die keinerlei erkennbaren Nutzen haben. Sie vermehren sich im Management, in der Verwaltung, in der Werbung und im Finanzsektor. „Man bekommt den Eindruck, immer mehr Jobs werden nur zu dem Zweck eingerichtet, damit wir alle ständig arbeiten“, so Graeber. „Irgendetwas an unserer Zivilisation ist grundlegend falsch.“

Herr Graeber, was meinen Sie, wenn Sie von Bullshit-Jobs sprechen?
Ein Job, den die Welt eigentlich nicht braucht. Es handelt sich nicht um eine schlechte Stelle, bei der man für harte Tätigkeit wenig Geld verdient. Bullshit Jobs sind häufig gut bezahlt. Allerdings ist die Beschäftigung sinnlos oder gar schädlich. 

Nennen Sie ein paar Beispiele.
Da ist die Rezeptionistin, die nichts zu tun hat, weil das Unternehmen gar keinen Publikumsverkehr hat – sie wird aber dennoch eingestellt, weil die Firma meint, sich eine Empfangsdame schuldig zu sein. Eine Frau schrieb mir, ihre Aufgabe sei es gewesen, die Pfefferminzbonbonschale aufzufüllen und eine alte Uhr im Konferenzraum aufzuziehen. Andere Menschen werden nur eingestellt, weil es Vorgesetzte gibt, die unbedingt möglichst viele Untergebene als Statussymbol haben wollen. Sehr viele Beschäftigte in der Werbung beklagen die Sinnlosigkeit ihres Tuns, das nach ihren Worten dazu dient, Bedürfnisse nach nutzlosen Dingen zu wecken. Daneben arbeiten unzählige Menschen an Unternehmens-Hauszeitschriften, die nie jemand liest, die das Management aber liebt, weil sie das Unternehmen gut aussehen lassen.

Maßen Sie sich an zu beurteilen, welche Tätigkeiten gesellschaftlich nützlich sind oder nicht?
Das kann ich gar nicht. Obwohl es Hinweise auf die Nützlichkeit gibt: Wenn zum Beispiel Reinigungskräfte streiken, dann ärgert das viele – schlicht weil die Reinigungskräfte nötig sind, weil wir sie brauchen. Was würde aber geschehen, wenn alle Telefonwerber oder Konzernlobbyisten streiken würden? Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Ärger groß wäre. 

Wie definieren Sie dann Bullshit Jobs?
Ich gehe nicht vom objektiven Nutzen des Jobs aus, sondern vom subjektiven Empfinden des Arbeitenden: Es ist eine Tätigkeit, die die Ausführenden selbst als sinnlos oder schädlich bezeichnen.

Ist das subjektive Empfinden ein guter Maßstab? Schließlich hassen wir alle gelegentlich unsere Jobs, auch wenn das nichts über den objektiven Nutzen unserer Arbeit aussagt.
Es gibt in dieser Frage keinen idealen Maßstab. Ich gehe vom subjektiven Urteil der Arbeitenden aus, erstens weil ich denke, dass sie den Job am besten beurteilen können, schließlich führen sie ihn täglich aus. Zweitens neigen Menschen dazu, eher einen Sinn in ihrer Arbeit zu sehen und ihren Job damit zu rechtfertigen. Bullshit-Jobs hingegen sind so sinnlos, dass nicht einmal der Beschäftigte selbst ihre Existenz rechtfertigen kann – und das, obwohl er sich unter Umständen dazu sogar verpflichtet fühlt. 

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