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Analyse Arbeit wird teurer

Deutschlands Wirtschaft brummt seit Jahren, die Löhne steigen, die Arbeitslosigkeit sinkt immer weiter. Trotzdem warnt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft davor, dass die Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit verlieren könnten. Eine Analyse.

Die kräftige Zunahme bei den Lohnnebenkosten ist eine Überraschung - zumindest auf den ersten Blick. Foto: dpa

Vom Ausland aus betrachtet wirkt Deutschland wie eine Insel der Seligen. Die Wirtschaft brummt hierzulande seit Jahren. Viele Firmen schreiben satte Gewinne, die Löhne der Beschäftigten steigen, die Arbeitslosigkeit ist niedrig und sinkt noch weiter. Von solchen Zuständen können andere Länder in Europa nur träumen. Vielerorts wartet man voller Sehnsucht auf den nächsten Aufschwung.

In deutschen Unternehmen allerdings gibt es eine gewisse Sorge, dass es mit der Herrlichkeit irgendwann vorbei ist. So warnte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) am Dienstag davor, dass die heimischen Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit verlieren könnten. Es zeichne sich ab, dass im laufenden Jahr die Lohnstückkosten zum vierten Mal in Folge steigen werden. „Die Tarifpartner müssen aufpassen, die Wettbewerbsfähigkeit nicht aus den Augen zu verlieren“, sagte IW-Experte Christoph Schröder.

Das Institut reagierte damit auf neue Zahlen des Statistischen Bundesamts. Dieses hatte zuvor berichtet, dass sich die Arbeit in Deutschland im ersten Quartal des laufenden Jahres so stark verteuert habe wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Von Januar bis März seien Bruttoverdienste und Lohnnebenkosten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zusammen um 3,2 Prozent gestiegen. Betrachtet man nur die Verdienste, lag das Plus bei 2,9 Prozent. Die Lohnnebenkosten, zu denen unter anderem die Sozialabgaben gehören, kletterten den Angaben zufolge sogar um 4,3 Prozent. Die Werte beziehen sich auf Dienstleistungen und Produzierendes Gewerbe.

Rückläufige Arbeitskosten in Südeuropas Krisenstaaten

Der Anstieg der Verdienste lässt sich auf die ordentlichen Tarifabschlüsse zurückführen, die die Gewerkschaften seit einiger Zeit wieder durchsetzen können. Ebenso dürfte sich bemerkbar gemacht haben, dass zum Jahreswechsel der gesetzliche Mindestlohn eingeführt worden ist. Die kräftige Zunahme bei den Lohnnebenkosten aber erstaunt zumindest auf den ersten Blick. Denn schließlich sind die Beitragssätze zu den Sozialversicherungen weitgehend stabil, die Kassen der Träger gut gefüllt.

Auf Nachfrage erläuterten die Wiesbadener Statistiker gestern aber, warum die Lohnnebenkosten in den ersten drei Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum so stark gestiegen sind. Dies hing im Wesentlichen mit der Witterung zusammen: Der vorvergangene Winter war besonders mild, und zwar noch milder als vergangene. Das führte dazu, dass Anfang 2014 vergleichsweise wenige Arbeitnehmer krankheitsbedingt ausfielen. Die Arbeitgeber mussten also auch nur wenig Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall leisten. Im Vergleich dazu war Anfang 2015 der Krankenstand deutlich höher. Hier macht sich also ein so genannter „Basiseffekt“ bemerkbar. Die Statistiker verbuchen die Entgeltfortzahlung als Lohnnebenkosten.

Neben den jüngsten Arbeitskosten-Trends veröffentlichte das Statistische Bundesamt gestern auch eine Tabelle, die die die internationale Entwicklung beleuchtet. Sie bezieht sich auf das Jahr 2014. Demnach kletterten im vergangenen Jahr die Arbeitskosten in Deutschland gegenüber 2013 um 1,7 Prozent, womit der Anstieg nur geringfügig über dem EU-Durchschnitt von 1,4 Prozent lag. In Frankreich, Deutschlands wichtigstem Handelspartner, nahmen die Arbeitskosten um 0,7 Prozent zu. In Estland schossen sie um fast sieben und in Lettland um fast sechs Prozent in die Höhe. In einigen Krisenstaaten Südeuropas hingegen waren sie rückläufig – so in Griechenland (minus 0,3 Prozent), Portugal (minus 1,9) und Zypern (minus 3,1).

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