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ALG 2 Happy mit Hartz IV

Ein Verein verwirrt mit einer Kampagne gegen die Gängelung von Arbeitslosen. Was steckt hinter der Aktion? Das Arbeitsamt ist es nicht.

Sanktionsfrei
Wahr oder fake? Werbeplakate in Berliner U-Bahn-Stationen sorgen für Furore. Foto: Robert müller / sanktionsfrei e.v.

Glaubt man den Werbeplakaten und Internet-Videos, dann ist das Leben in Armut eine tolle Sache. „Alleinerziehend und studieren? Easy mit Hartz IV“, sagt zum Beispiel eine gewisse Anna, die angeblich 28 Jahre alt ist und zwischen Uni und Kita pendelt. Die Kampagne scheint vom Jobcenter zu stammen. Zu sehen ist ein rot-weißes Logo, das an das der Bundesagentur für Arbeit erinnert. Und wie sich das für moderne Werbung gehört, gibt es auch eine Webseite (mein-jobcenter.com) sowie einen Hashtag für Twitter. Er lautet #DuBistEsUnsWert.

Die Kampagne hat in den vergangenen Tagen besonders in den sozialen Medien einige Furore gemacht. Etliche User nahmen die Botschaft für bare Münze. „Das ist übelstes Marketing auf allertiefstem Niveau, das mit dem Leben von Menschen spielt“, schrieb einer von ihnen. Andere rätselten, wer der wahre Urheber der bizarren Kampagne sein könnte. Die Filme im Internet sind immerhin ziemlich professionell gemacht. Das Gleiche gilt für die Werbeplakate, die in U-Bahn-Stationen an zwei zentralen Orten in Berlin aufgehängt wurden.

Guerilla-Werbeaktion gegen Armut

Inzwischen ist klar, wer hinter der Aktion mit dem Namen „Happy Hartz“ steht: Die Arbeitsämter sind es jedenfalls nicht, ebenso wenig Satiriker oder die Aktionskünstler vom Zentrum für Politische Schönheit. Es handelt sich vielmehr um eine Kampagne des gemeinnützigen Vereins „Sanktionsfrei e.V.“ aus Berlin. Der hatte die Aktion vor wenigen Tagen gestartet und wollte eigentlich eine Woche lang gar nicht in Erscheinung treten, um sich dann selbst zu outen und auf seine politischen Anliegen aufmerksam zu machen.

Das Outing übernahmen nun vorzeitig die Medien, was die Leute von Sanktionsfrei aber gar nicht so schlimm finden. „Das ist so, da kann man nichts machen“, sagt Sprecher Christian Stollwerk auf Anfrage. Viel wichtiger sei es, nun mit Betroffenen und der Öffentlichkeit ins Gespräch zu kommen.

Der Verein verherrlicht keineswegs das Leben in Armut – im Gegenteil. Er setzt sich nach eigener Darstellung vielmehr gegen eine Gängelung und Sanktionierung von Arbeitslosen ein und will Hilfe zur Selbsthilfe organisieren. Das gegenwärtige Hartz-IV-System sei „von Angst und Demütigung“ geprägt, sagt Stollwerk. Es gehe darum, das Sozialsystem so zu verändern, dass dies nicht mehr der Fall ist. Über die Guerilla-Werbeaktion sagt Stollwerk: „Wir wollen herausfinden, mit wie viel Geld man Hartz IV in Richtung einer echten Existenzsicherung weiterentwickeln kann.“

Aus Hartz IV soll „Happy Hartz“ werden: Der Verein will 100 Leute für ein Jahr lang absichern. Wenn das Jobcenter in dieser Zeit Regelleistungen nicht voll auszahlt oder Sanktionen ausspricht, sollen die Betroffenen das fehlende Geld bis zu einem Betrag von 200 Euro monatlich erhalten. Überdies arbeitet Sanktionsfrei mit Anwälten zusammen, die beim Widerspruch gegen die Bescheide vom Amt helfen. Das Geld für all das soll über Crowdfunding zusammengetragen werden. Der Verein verspricht: „Haben wir bis zum 15. Januar 20 000 Euro zusammen, starten wir mit den ersten 25 Menschen.“

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