Lade Inhalte...

Abseits vom Arbeitsmarkt Behinderte profitieren nicht vom Job-Boom

Behinderte werden seltener eingestellt, haben wenig Chancen auf Fortbildung und gehen beim Job-Boom leer aus. Das belegt eine neue Studie des DGB.

30.11.2011 12:27
Roland Bunzenthal

Im Großraumbüro der Wetzlarer Arbeitsagentur fällt Barbara Muskatewitz nicht besonders auf. Nur ihr Monitor ist deutlich größer als der ihrer Kolleg(inn)en ringsum. Auch die Schrift darauf hat ein XXL-Format.
Muskatewitz hat wie die anderen ein Headset auf und pendelt zwischen Anrufer und Bildschirm.

"Service-Center" nennt sich die Abteilung mit zwei Funktionen: Eine einfache und unbürokratische Anlaufstelle für Rat und Ansprechpartner Suchende und zum anderen eine Art Filter, der die eigentlichen Fachkräfte der Behörde vor überflüssigen Anrufen schützen soll. Als sich Muskatewitz umdreht, wird klar, welcher Art ihre Behinderung ist: Sie ist seit der Geburt fast blind. Das hindert sie nicht daran, mit den Anrufern freundlich und kompetent - "ich lerne jeden Tag was dazu" - zu sprechen.

Obwohl die ehemalige Kauffrau zweifellos über Fähigkeiten wie den richtigen Umgang mit Kunden verfügt, hat sie zwei Jahre vergeblich nach einem neuen Job Ausschau gehalten. Doch die inzwischen 44-Jährige hatte die hundertste Bewerbung bereits hinter sich, als die Wetzlarer Jobvermittler ihre Fähigkeiten erkannten und ihr einen festen Job im Hause anboten. Die angeschriebenen Arbeitgeber hatten dagegen
auf das Stichwort "schwer sehbehindert"" unisono reagiert und stets dankend abgelehnt.

Ähnlich erging es ihrer etwa halb so alten Kollegin am Nachbartisch. Die 20-jährige hatte die Schule mit Bestnoten im Zeugnis abgeschlossen. Sie ist seit einiger Zeit an den Rollstuhl gefesselt - Folge eines
Unfalls. Rund 80 mal habe sie bislang versucht, doch noch eine qualifizierte Ausbildung zu bekommen. Das gängige Argument der Personalchefs könnte sie rasend machen: "Wir haben kein behindertengerechtes
Klo". Selbst der Hinweis, dass ein Umbau vom Staat finanziert werde, habe bislang nichts gebracht. Einzig Positives dieser Frust-Zeit: Als Lehrling in der Job-Vermittlung bringt sie von daher reichlich Erfahrung mit.

Frank Martin hat für die beiden Frauen, die "nicht aufgaben", viel Sympathie übrig. Der Leiter der Regionaldirektion Hessen (das frühere Landesarbeitsamt) ist extra nach Wetzlar gereist, um kurz vor dem
Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung (3. Dezember) der Öffentlichkeit zu zeigen, dass Behinderte nicht immer leistungsschwach sein müssen.

Fünf neue Leute, alle mit Behinderung, habe die Job-Filiale gerade eingestellt. Zwar ist sein kategorischer Imperativ : „Jeder muss die Chance auf eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt haben", ethisch korrekt, aber im rauen Wind der Marktwirtschaft offenbar nur begrenzt realisierbar. So schiebt Martin lieber noch ein pragmatisches Argument hinterher:: "Im Hinblick auf den drohenden Fachkräftemangel ist die weitere Exklusion von Behinderten eine nicht zukunftsweisende Strategie".

Was der Experte aus Frankfurt etwas umständlich formuliert hat, könnte man auch verkürzt so sagen:: wenn die jungen Jahrgänge schrumpfen, müssen eben Migranten, Alte und Behinderte mehr mit anpacken. Daran stört allerdings der Gedanke der Ausputzer - und Lückenbüßer-Funktion dieser "Randgruppen".

Um normale Behinderte in normale Arbeitsplätze zu vermitteln, braucht es also Anreize und Sanktionen. Genau dies ist der Gedanke der gesetzlichen Ausgleichsabgabe, die solche Unternehmer bestraft, die
weniger als fünf Prozent der Belegschaft mit jenen Arbeitnehmern besetzen, die den grünen Behindertenausweis vorweisen können.

Über Gründe und Struktur der berufstätigen Schwerbehinderten hat der Arbeitsmarkt-Experte des DGB, Wilhelm Adamy - zugleich Mitglied des BA-Verwaltungsrates, gerade eine neue Studie geschrieben. Von 2006 bis einschließlich 2009 hätten sich die Zahlen der monatlichen Statistik.parallel zur Gesamtentwicklung bewegt - "wenn auch zeitlich verzögert" In jüngster Zeit verliefen die Entwicklungslinien jedoch nicht mehr parallel, sondern gegenläufig, stellt Adamy fest. Es seien aber besonders Behinderte, die eine adäquate Fortbildung bräuchten und die überdurchschnittlich von Armut bedroht seien, wenn sie ihren Job verlören und Dauerkunde bei Hartz IV werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele "multiple Vermittlungshemmnisse" aufwiesen - zum Beispiel physisches Handicap, kein Berufsabschluss und über 50. Die aktuell ausgewiesenen 173.000 Erwerbslose mit schwerer körperlich, seelischer oder geistiger Einschränkung sind dabei nur die Spitze des "ethischen Eisbergs". Sehr viele von ihnen haben längst die Suche aufgegeben oder arbeiten unter ihrem Niveau in einer Behindertenwerkstatt. Dort fehlt jedoch die nötige Qualifizierung und Motivierung, um den Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt zu finden.

Adamy, der im Nürnberger Verwaltungsrat seit Jahren gegen die Kürzung der arbeitsmarktpolitischen Instrumente ankämpft, kritisiert, dass die Ausgleichsabgabe für die Arbeitgeber unter dem Strich mehr an
die "guten" Unternehmer ausschüttet als von den "schlechten" Arbeitgebern eingezahlt wird.

Die Zahl der geförderten oder qualifizierten Arbeitslosen schrumpfte im laufenden Jahr um rund ein Viertel. Die rein quantitative Wirkungsanalyse zeigt zudem, dass oberflächliche Kurzläufer unter den Instrumenten relativ zunehmen, fundierte Qualifizierung dagegen abnehmen. So treten zunehmend Ein-Euro-Jobs an die Stelle einer adäquaten Qualifizierung. Dort wo die Kommunen allein das arbeitsverwaltungsmäßige Sagen haben, seien die Ergebnisses noch deutlich schlechter, hat der DGB-Experte herausgefunden. Aus der einst angestrebten Förderung aus einer Hand sind längst zwei ("linke") Hände geworden. So zeige sich wachsender Handlungs- und Korrekturbedarf.

Ein möglicher Weg, zwar nicht für alle, aber doch für immer mehr arbeitslose Behinderte , sind die so genannten Integrativen Betriebe. 1981 entstandenen die ersten, mittlerweile sind es 700 Betriebe mit 22.000
Handicap-Beschäftigten. Ihr gemeinsames Ziel ist eine Art soziale Marktwirtschaft auf Betriebsebene. Peter Stadler vom Verband dieser noch wenig bekannten Selbsthilfe-Bewegung, beschreibt das Besondere so:
Diese Betreibe müssten sich am allgemeinen Markt behaupten können, zugleich aber sozialethische Kriterien erfüllen, die eigentlich auch für die ganze Wirtschaft gelten sollten - von der institutionell
festgelegten Mitsprache aller Beschäftigten bis zur leistungsgerechten Ausgestaltung des Arbeitsplatzes. Im Schnitt etwa die Hälfte der Belegschaft seien Behinderte, allerdings weniger körperlich als psychisch
Erkrankte - von der Sucht bis zur Schizophrenie. Diese Gruppen entzögen sich nämlich einer exakten Definition ihrer "wirtschaftlich verwertbaren Mindestleistungsfähigkeit" (Text des Ausgleichsabgabengesetzes).

Ein Beispiel ist die Firma AUB gemeinnützige GmbH im sauerländischen Marsberg mit 63 Beschäftigten, davon 44 Behinderte. Das durchschnittliche Leistungsniveau der Behinderten im Betrieb liegt
vergleichsweise bei rund 70 Prozent der Nichtbehinderten. Das Unternehmen arbeitet wirtschaftlich erfolgreich - einschließlich des für alle Unternehmen geltenden Zuschusses aus dem Ausgleichsabgaben-
Topf.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum