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Arbeit Die Lüge von der Leistungsgesellschaft

Wer viel leistet, soll ein gutes Leben haben. Wer mehr leistet, ein noch besseres. Das Mantra der freien Wirtschaft. Doch wie misst man Leistung und bestimmt sie wirklich unser Einkommen?

"THE WYLD" im Friedrichstadt-Palast in Berlin
In der arbeitsteiligen Wirtschaft kann kaum jemand etwas wirklich selbst herstellen: Entsprechend schwierig ist die Frage, wie die Einnahmen verteilt werden. Foto: rtr

Alle loben sie: die harte Arbeit, die Leistung. Politiker, Ökonomen und Manager werben um Leistungsträger, sie preisen die Leistungsfähigkeit der Deutschen und fordern Leistungsgerechtigkeit. Die Arbeitsleistung, so heißt es, ist das Fundament der Gesellschaft, die dadurch zur Leistungsgesellschaft wird, in der jeder gemäß seiner Leistung bezahlt wird oder werden sollte. Das Problem: Die wirtschaftliche Leistung des Einzelnen lässt sich überhaupt nicht errechnen. Und was sich errechnen lässt, hat mit der gängigen Vorstellung von Leistung wenig zu tun.

Leistung soll den Beitrag jedes Individuums zur gesamten Wirtschaftsleistung benennen. Sie dient als Erklärung für das Einkommen – und damit für Einkommensunterschiede. Ungleichheit wird mit unterschiedlicher Leistungsfähigkeit begründet: Wer mehr tut, hat auch mehr verdient. Dieses Ideal dient als Ausgangspunkt für eine nicht endende Beschwerdewelle: Millionengehälter für Banker und Manager seien nicht leistungsgerecht, heißt es. In Büros und Fabriken wird geklagt über tüchtige Kollegen, die mehr verdient hätten und über Faulenzer, die zu viel Geld erhalten. Erbschaften wiederum sind leistungslose Einkommen und gelten vielen daher als nicht gerechtfertigt.

Nicht die Anstrengung zählt

Doch wie misst man Leistung? Nicht unbedingt am Arbeitseinsatz oder Engagement. Jemand, der sich anstrengt und lange arbeitet, leistet nicht unbedingt mehr als jemand, der es ruhiger angehen lässt. Was zählt, ist das Ergebnis. Eine besondere Leistung scheint auch nicht vorzuliegen, wenn jemand einen besonders schmutzigen, anstrengenden, monotonen oder unbeliebten Job erledigt – eher ist es umgekehrt: schlechte Jobs werden auch schlecht bezahlt.

Das Einkommen richtet sich auch nicht danach, wie gesellschaftlich nützlich eine Arbeitsleistung ist: So erhält eine Altenpflegerin weniger Geld als ein Ingenieur, der am Sound eines Porsche-Motors bastelt – und der Ingenieur erhält weniger als ein Banker, der mit Aktien spekuliert. „Die Gehälter vieler Banker sind hoch – vor der Finanzkrise galt das noch als leistungsgerecht, seit der Finanzkrise dürften viele Menschen das anders sehen“, sagt Gustav Horn, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts IMK, das den Gewerkschaften nahesteht – also der Institution, die sich um Lohn und Arbeitsleistung kümmert.

Mit der Frage der Leistung konfrontiert, behelfen sich Ökonomen mit einem Maß: der Produktivität. Hoch produktive Arbeitskräfte werden demnach besser bezahlt, im Niedriglohnsektor tummeln sich die Niedrigproduktiven. Gemessen wird Produktivität an Kennzahlen wie Gewinn je Mitarbeiter oder Umsatz je Mitarbeiter oder gesamte Wirtschaftsleistung je Erwerbstätiger. Das jedoch bedeutet: „Nicht die Anstrengung, das Talent oder das Produkt zählt, sondern nur das Marktergebnis“, so Horn. Was am Markt keinen Erfolg hat, was sich nicht verkauft, gilt Ökonomen nicht als Produkt. Wer hart arbeitet und etwas Gutes herstellt, das sich aber nicht verkauft, war unproduktiv und hat damit nichts geleistet. Punkt.

Wie uneindeutig der Zusammenhang von Produktivität und Bezahlung ist, erkennt man auch in Situationen, in denen ein Unternehmen die Lohnkosten senkt und dadurch mehr Umsatz und Gewinn macht. „Dann ist die Leistung der Belegschaft gestiegen, sie verdient aber weniger“, erklärt Horn. Oder anders: Die Leistung der Arbeitnehmer steigt, weil sie weniger verdienen.

Produktivität ist also kein Maßstab für individuelle Arbeitsleistung, sondern drückt schlicht aus, wie erfolgreich der Betrieb oder die ganze Wirtschaft ist. Wenn Innenminister Thomas de Maiziere sagt „Leistung bringt Wohlstand“, dann ist das nicht korrekt. Denn der Wohlstand ist schon die ganze Leistung. Dieser Wohlstand wiederum hängt nicht vom Arbeitseinsatz der Belegschaft ab, sondern von unzähligen Dingen – dem Ölpreis, dem Wechselkurs, dem Stand der Konjunktur, dem Weltmarkt, der gesellschaftlichen Verteilung, den Aktienmärkten – und vor allem den Strategien der Konkurrenz: Ein Buchhändler mag klug und tüchtig sein, doch wenn Amazon den Markt aufrollt, ist alle Anstrengung vergebens und seine Leistung nichts wert.

Wer bekommt was?

Aber selbst wenn man Produktivität als Maßstab für Leistung anerkennt, so scheitern Betriebe und Ökonomen doch notwendig an der Frage: Welchen Beitrag hat der Einzelne zum gesamten Umsatz des Unternehmens oder einer Branche geleistet? Welcher Teil der Erlöse ist dem Pförtner zuzurechnen, welcher Anteil der Sekretärin, welcher dem Verkaufsleiter? Diese Rechnung ist laut Horn ein Ding der Unmöglichkeit.

Zwar ist die Sache klar, wenn ein Arbeitnehmer zehn Lampen pro Tag zusammenschraubt und der andere 20 - dann ist der zweite produktiver. Doch ist die Wirtschaft heute über das Stadium des einfachen Handwerks hinaus. „Die meisten Jobs sind im Dienstleistungssektor und erbringen keine einzelnen Produkte“, erklärt Horn. Außerdem werde heute vernetzt gearbeitet, man leistet nicht allein, sondern ist auf andere angewiesen. „Ich kann zwar große Wirtschaftsstudien schreiben – doch dafür brauche ich Menschen, die mein Büro reinigen, die unser Institut verwalten und meinen Computer warten. Ohne die müsste ich das alles selbst machen, wenn ich es denn überhaupt könnte.“ In der großen Arbeitsteilung ist nicht mehr zu berechnen, wer zu welchen Anteilen am Betriebserfolg verantwortlich ist. „Es braucht schlicht alle“, so Horn.

Absurder Zirkelschluss

Damit eignen sich weder die Produktivität noch die Leistung als Begründung für Einkommensunterschiede in der Gesellschaft. „Man sollte den Leistungsbegriff vom Lohn trennen“, rät Horn. Gehälter und Gehaltsunterschiede entstünden in der Realität ganz anders. „Sie spiegeln Knappheiten am Markt wieder“, so Horn. Dabei zählen Faktoren wie die Stärke der Gewerkschaften, Arbeitsmarktregulation, die Zahl der Bewerber auf einen Arbeitsplatz oder der Erfolg der Unternehmen – wenn es gut läuft, kann mehr gezahlt werden.

Dass sich der Gedanke, die Leistung begründe den Lohn, so hartnäckig hält, liegt laut Horn an einem beliebten Zirkelschluss: „Wenn jemand viel verdient, wird schlicht davon ausgegangen, dass er viel leistet – andernfalls würde er ja weniger verdienen.“ Damit jedoch bewegt sich das Argument im Kreis – der Lohn bemisst sich an der Leistung und die Leistung misst sich am Lohn. Dieser Zirkelschluss hat Folgen: Denn wer ihn vollzieht, macht die Individuen für die Höhe ihres Einkommens verantwortlich. Wer wenig verdient, soll sich also nicht beschweren, sondern durch mehr Leistung „sein Leben selbst in die Hand nehmen“, rät die FDP.

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