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Apples Cloud Computing Cumulus futurus

Die Apple-Neuheit iCloud soll den künftigen Umgang mit Daten prägen. Hinter der Internet-Wolke verbirgt sich das Cloud Computing, das Festplatten überflüssig macht - aber auch bedeutet, dass Nutzer ihre Daten in die Hände von Apple geben.

08.06.2011 21:58
Patrick Beuth
Apple-Chef Steve Jobs vor einer Großaufnahme der neue iCloud-Datenfarm in San Francisco. Foto: dapd

Menschen wie Steve Jobs und Larry Page, die Chefs von Apple und Google, sind so immens erfolgreich, weil sie früher als andere ahnen, welche technischen Entwicklungen zu kulturellen Entwicklungen führen werden. Beide wissen denn auch schon lange, dass „online“ bald der Normalzustand des Menschen sein wird und „offline“ die Ausnahme. Mit dieser Grundannahme hat Jobs am Montagabend kurzerhand ein neues Zeitalter eingeläutet.

Vor zehn Jahren noch erklärte er den Mac, den stationären Heimcomputer, zum „digital hub“, zum Dreh- und Angelpunkt des digitalen Lebens. Künftig, sagt er nun, werde die Cloud, die Wolke, zu diesem Mittelpunkt, oder besser: Apples iCloud. In ihr sollen die Nutzer von iPhone, iPad, iPod und iMac alle ihre Dateien ablegen. Musik, Videos, Fotos, Briefe, Kalkulationen, Kontakte – gespeichert wird nicht mehr (nur) auf der Festplatte, sondern (immer auch) online in der Datenwolke und damit letztlich in einem Rechenzentrum des Konzerns. Der Vorteil für den Nutzer: Alles ist jederzeit von seinen verschiedenen Apple-Geräten abrufbar.

Google hat vor wenigen Wochen ein ähnliches Prinzip vorgestellt: Die nächste Generation von Notebooks mit Googles Betriebssystem Chrome wird alle Anwendungen aus dem Internetbrowser heraus anbieten. Auch hier gilt: Wer mit Googles Text- und Tabellensoftware eine Datei anlegt, speichert sie standardmäßig auf einem Google-Server. Die ersten Chromebooks, die Samsung noch im Juni auf den Markt bringen will, haben dementsprechend nur winzige Festplatten.

Theoretisch kann ein Unternehmen so die Daten eines Kunden einsehen und sogar verändern. Praktisch ist das schon passiert: Amazon hat vor zwei Jahren die eBook-Ausgaben von George Orwells Romanen „1984“ und „Animal Farm“ von den Kindle-Lesegeräten seiner Kunden aus der Ferne und ohne Vorwarnung gelöscht. Die Firma, die beide Bücher in den Kindle-Store eingestellt hatte, besaß nicht die nötigen Rechte. Auch Microsoft ist mit dem Betriebssystem Windows 7 ins Cloud Computing für Privatanwender eingestiegen. Windows Live SkyDrive heißt der kostenlos nutzbare Onlinespeicher für Dateien aller Art, die bekannte Bürosoftware steht in Form von sogenannten Office Web Apps auch im Netz zur Verfügung.

Das alles hat gravierende Folgen für Unternehmen und Kunden. So müssen die Konzerne erstens diese gigantischen Datenmengen massiv gegen Hackerangriffe absichern. Natürlich versprechen sie hoch und heilig, das zu tun. Wie viel solche Versprechen manchmal wert sind, zeigt aber der Fall Sony: Das Unternehmen wurde diese Woche zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen zum Opfer von Hackern. Zweimal erbeuteten die Angreifer dabei Kundendaten.

Zweitens gibt es jemanden, der sich noch leichter Zugang zu diesen Daten verschaffen kann: Regierungen, Behörden, Geheimdienste. Dem Patriot Act in den USA etwa werden sich Google, Apple und die anderen Firmen nicht entgegenstellen können. Diese Anti-Terror-Gesetze der USA, eingeführt nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und vor wenigen Tagen um weitere vier Jahre verlängert, ermöglichen den Behörden die weitreichende Überwachung von Kommunikationsmitteln und die umfangreiche Beschlagnahmung persönlicher und geschäftlicher Daten von Verdächtigen. Geheimdienste könnten die künftig entstehenden Datensätze aber auch nach Art einer Rasterfahndung durchsuchen wollen – also verdachtsunabhängig. Würden die Gesetze dahingehend geändert, wären die Konzerne machtlos.

Drittens schaffen solche Datenberge neue Begehrlichkeiten – in der Werbeindustrie und bei Datenhändlern, die ihre Informationen etwa an Versicherungen weiterverkaufen, die damit Risikoanalysen bei Neukunden durchführen können. Noch ist es Zukunftsmusik, aber vorstellbar wäre, dass Apple irgendwann Datensätze an Dritte verkauft, schon allein, um den Betrieb der Rechenzentren und Server-Armeen zu finanzieren.

Aus der Musik- und eBook-Sammlung könnte man auf persönliche Vorlieben schließen, Fotos würden hinsichtlich ihrer Beschriftung oder GPS-Informationen ausgewertet und Textdokumente nach werbe- oder sonst wie relevanten Schlagwörtern durchsucht. Im Extremfall bekäme jemand eine Versicherung nicht oder nur für hohe Prämien, weil er die falschen Bücher liest oder Briefe mit Begriffen schreibt, die auf „schwarzen Listen“ stehen.

Es wäre aber auch als Rabattmodell denkbar: Wer einwilligt, Werbeunternehmen seine Daten zur Verfügung zu stellen, bekäme zum Beispiel einen Nachlass bei iTunes. Für Privat- und Firmenkunden heißt das: Wer Daten nicht aus der Hand geben will, darf bald keine Apple-Produkte mehr benutzen, keine Chromebooks, keine Office-Apps von Microsoft. Denn die Grundeinstellung wird sein: Speichere im Internet, nicht lokal auf der Festplatte. Die wenigsten werden dies verändern, weil es so praktisch ist. Die kulturelle Entwicklung dürfte der technischen Vorgabe wieder folgen.

Wer Sicherheitskopien anlegen will, die nicht am Netz hängen, muss sich dann etwas einfallen lassen – so wie ein gewisser „Mendax“ in den 80er Jahren: Der australische Hacker, bei dem es sich wohl um den späteren Wikileaks-Gründer Julian Assange handelte, hatte aus Angst vor einer Hausdurchsuchung die Ergebnisse seiner Hacks, also seiner größten elektronischen Schätze, auf Disketten gespeichert und in einem Bienenstock in seinem Garten versteckt.

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