26. Februar 201713°C Frankfurt a. M.
Lade Inhalte...

Appell an die Wirtschaftslehre Lehre ohne akademische Prostitution

In einem Aufruf üben Professoren harsche Kritik an der herrschenden Wirtschaftslehre. Es geht um Ethik und Moral in der abstrakten Welt des "idealen Marktes".

Was an den Universitäten gelehrt wird, betrifft die gesamte Gesellschaft. Foto: dpa

Mit der globalen Finanzkrise ist auch die Wirtschaftswissenschaft unter Beschuss geraten. Nicht nur haben die Ökonomen die Krise nicht vorhergesehen – das ökonomische Denken hat die Grundlage für die Krise gelegt, so die Kritiker. Mit ihren mathematischen Modellen und abstrakten Konstrukten zeichnen die Professoren ein Bild des Ideal-Marktes, fern von Moral und Ethik. Dagegen wendet sich nun ein Aufruf „besorgter Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen“. 98 Ökonomen, Soziologen, Politologen und Philosophen fordern darin die Erneuerung einer Lehre, die „sich ökonomisch verkapselt hat“.

Was gut und richtig ist

Was an den Universitäten gelehrt wird, betrifft nicht nur Professoren und Studenten. Denn der Lehrinhalt formt das Weltbild der Absolventen, die anschließend die Politik beraten oder in die Chefetagen von Banken und Konzernen aufsteigen und dort ihr Wissen praktisch anwenden. Zudem beeinflusst die Lehre die in der Gesellschaft vorherrschende Sicht auf Markt, Geld und Unternehmen und legt so fest, was als gut und richtig gilt.

Dieser Aufgabe ist das Fach derzeit nicht gewachsen, kritisieren die Akademiker in ihrem Aufruf. „Die Wirtschaftswissenschaften haben sich seit Jahrzehnten dogmatisch verkapselt“, so der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann, Initiator des Aufrufs. Trotz Finanzkrise würden Lehre und Forschung immer noch von einer einzigen Sichtweise dominiert, die sich selbst zu wenig in Frage stelle. Das sei „unwissenschaftlich“ – und hat Folgen.

Stichwort Marktgläubigkeit: Laut Umfragen vertrauen nur 28 Prozent aller Deutschen auf die Selbstheilungskräfte des Marktes. Anders bei den Ökonomen: „Der Glaube an den Markt hat in unserer Disziplin oft die Fakten übertrumpft“, kritisierte der Nobelpreisträger Paul Krugman.

Folge ist laut Thielemann ein um sich greifender Ökonomismus – die Marktmächte werden als Natur-Tatsache hingenommen. Gleichzeitig gilt das Prinzip Markt als Inbegriff der Vernunft. Fragen der Gerechtigkeit bleiben außen vor. Zum Beispiel, ob die Tauschgewinne und die Lasten der Erzeugung fair verteilt sind. Die zunehmende Ungleichheit weltweit spricht eher dagegen. Auch die Behauptung, der Markt diene dem Wohle aller, ist fragwürdig. „Der Wettbewerb schafft immer Gewinner und Verlierer“, erklärt Thielemann.

Stichwort Ökonomisierung: Ökonomie-Kritiker beklagen zudem das Verdrängen rentabilitätsfremder Gesichtspunkte: Alles, was dem Markterfolg nicht dient, schadet. Dass derartige Ansichten sich verbreiten, zeigt eine Umfrage der Uni Bielefeld: „Menschen, die wenig nützlich sind, kann sich eine Gesellschaft nicht leisten“ – diesen Satz fand fast ein Drittel der Befragten eher oder ganz zutreffend, ebenso wie den Satz „Wir nehmen in unserer Gesellschaft zu viel Rücksicht auf Versager.“ 60 Prozent stimmten dem Satz zu „In Deutschland müssen zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden.“

Durch diese Ökonomisierung werden laut Thielemann wettbewerbsethische Grundfragen ausgeblendet: Lohnt sich der Stress noch? Und dürfen die unbedingt Wettbewerbsfähigen und -willigen den Rest der Welt unter das Konkurrenzdiktat zwingen?
Stichwort Gewinnmaximierung: In der Wirtschaftswissenschaft gilt das strikte Verfolgen des Eigeninteresses als Inbegriff von Rationalität – vernünftig ist, was sich rentiert.

Verschanzt in Theoriegebäuden

Dieses Prinzip sei „unter gar keinen Umständen rechtfertigungsfähig“, kritisiert Thielemann. Daher regt sich nun Widerstand: US-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz propagiert ein „neues ökonomisches Denken“, und in Frankreich hat sich die Bewegung der „post-autistischen Ökonomie“ gebildet. Doch das Gros der Disziplin verschanzt sich in seinem Theoriegebäude.

Diese Unbeweglichkeit werde durch den Wissenschaftsbetrieb zementiert, rügt der Professoren-Aufruf. So müssen Ökonomen zum Beispiel Beiträge in wissenschaftlich angesehenen Zeitschriften veröffentlichen, um sich Geltung zu verschaffen. Dort aber ist nur die Standardsicht anerkannt. Folge: Nachwuchswissenschaftler schrecken davor zurück, abweichende Positionen einzunehmen, da sie um ihre Karriere fürchten. So komme es zu „akademischer Prostitution“.

Thielemann und seine Mitstreiter fordern daher eine Vielfalt der Meinungen und eine „redlich geführte Streitkultur“ um die Grundlagen der Ökonomik. Denn deren Anspruch „als eine reife undogmatische Sozialwissenschaft sollte darin bestehen, der guten und gerechten Ordnung der Gesellschaft dienlich zu sein“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum