Lade Inhalte...

Anleihekäufe Von Zombies und Zinsen

Schuldscheine von Staaten und Privaten über 2,5 Billionen Euro hat die Europäische Zentralbank mittlerweile erworben. War das ein Fehler?

Die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) sind auf annähernd 2,5 Billionen Euro angeschwollen. Zum Jahresende, wenn das Programm endet, wird die EZB Schuldscheine von Staaten und Privaten über 2,6 Billionen Euro erworben haben. Eine gigantische Summe. Zwar ist die EZB mit ihrer Politik der quantitativen Lockerung lediglich den Zentralbanken in den USA, Japan und Großbritannien gefolgt. Anders als dort jedoch gab es an ihrem Anleihekaufprogramm heftige Kritik. Vor allem aus Deutschland. Es bleibt festzuhalten: Die Kritik war haltlos. 

Im Jahr 2015 begann die Zentralbank mit ihren Käufen. Damit verbunden war eine Erhöhung der Liquidität, da die EZB den Anleiheverkäufern Zentralbankgeld-Guthaben einräumte – sozusagen „Geld druckte“. Die EZB-Politik, da waren sich viele deutsche Ökonomen sicher, werde zu galoppierender Inflation führen. Denn, so die Logik, mehr Geld bedeutet höhere Preise. „Die Notenbanken drucken und drucken“, sagte der aus Talkshows bekannte Max Otte und sah eine „Inflationsdynamik“ heraufziehen. Der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin wollte sogar sein VWL-Diplom zurückgeben, „wenn wir innerhalb der nächsten zehn Jahre keine starke Inflation bekommen“.

Passiert ist bislang: nichts. Denn eine steigende Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft ist nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für steigende Inflation.

Eine weitere Beschwerde der EZB-Kritiker lautete: Enteignung der deutschen Sparer! Denn die Käufe der Zentralbank drückten die Zinsen, wodurch den Sparern Einnahmen entgingen. Das traf zwar zu. Allerdings blieben die Kritiker stets die Antwort auf die Frage schuldig, was die EZB denn hätte tun sollen? Zinsen erhöhen? Das hätte die deutschen Sparer vielleicht zunächst gefreut. Von den anschließenden Massenpleiten und der schwächeren Konjunktur gerade in Europas Süden im Gefolge des höheren Zinsniveaus hätten sie allerdings kaum profitiert. 

Nächster Vorwurf an die EZB: Zombifizierung! Durch die Senkung des Zinsniveaus, so die Kritik, habe die Zentralbank vielen Unternehmen das Überleben ermöglicht, die unter höheren Zinsen zusammengebrochen wären und daher eigentlich Untote sind, die vom Markt verschwinden müssten. Es sollte alle Bürger der Euro-Zone freuen, dass die Zentralbank die von ihren Kritikern geforderte „Marktbereinigung“ nicht vollzogen hat. Denn dann hätte sich die Euro-Zone niemals aus der Krise herausarbeiten können.

Ernster zu nehmen ist der Vorwurf, die EZB habe mit ihren Anleihekäufen Staatsfinanzierung betrieben. Zwar hat die Zentralbank den Regierungen das Geld nicht direkt geliehen, sie kaufte stattdessen Staatsanleihen an den Finanzmärkten auf. Der Effekt jedoch ist der gleiche: Durch den Erwerb der staatlichen Schulden wurde sie zum Großgläubiger der Staaten, senkte das Zinsniveau und ermöglichte so gerade finanzschwachen Ländern den Abbau ihrer Schulden und Defizite. 

Das mag zwar nicht das offizielle Ziel der EZB gewesen sein. Dennoch sicherte sie so den Fortbestand des Währungsgebietes, für das sie zuständig ist. Es ist daher kein Zufall, dass die radikalsten Kritiker der EZB genau jene sind, die der Euro-Zone zumindest in ihrer derzeitigen Zusammensetzung das Ende wünschen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen