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Anlagebetrug Der Preis der Gier

In Zeiten niedriger Zinsen haben unseriöse Geldanlagen Hochkonjunktur. Da mit sicheren Anlagen wie Anleihen praktisch nichts mehr zu holen sei, steige die Gefahr, sich von windigen Renditeversprechen locken zu lassen.

16.02.2015 08:34
Sebastian Wolf
In Zeiten niedriger Zinsen haben unseriöse Geldanlagen Hochkonjunktur. Foto: Andreas Arnold

Die Betrüger planen ihre Coups von langer Hand: Um ihren Opfern näherzukommen, melden sie sich zum Beispiel in einem Golf-Club an und laden sie nach erfolgreicher Kontaktaufnahme auf eine Mittelmeerrundfahrt mit ihrer Jacht ein. Ihre eigene Identität verschleiern die Täter. Zu diesem Zweck fälschen sie sogar Einträge auf dem Internet-Lexikon Wikipedia, wo sie sich etwa als erfahrene Investment-Experten präsentieren. Alles, um das Vertrauen ihrer gut betuchten Opfer zu gewinnen.

Scheinbar beiläufig erzählen sie dann von einer Geldanlage, mit der sie selbst angeblich reich geworden sind. Es gebe noch eine Chance einzusteigen, aber man müsse schnell sein. Zehn Prozent jährliche Rendite seien drin. Oder noch viel mehr. Ab 500 000 Euro könne man dabei sein.

Wer bei solchen Offerten zugreift, kann nur verlieren. Denn natürlich wird sich die lukrative Anlage schnell als Flop erweisen. Wenn der Anleger Pech hat, ist sogar der gesamte Einsatz dahin. Und die Betrüger sind auf und davon, ehe er es bemerkt. „Der Schaden liegt in solchen Fällen meist in Millionenhöhe“, sagt Björn Birr von Bismarck, Geschäftsführer der Agentur für Krisenmanagement Oryxx, die auf die Abwehr von kriminellen Handlungen im großen Stil spezialisiert ist.

Spektakuläre Fälle wie die eingangs beschriebenen sind nur die Spitze des Eisbergs. Denn Anlagebetrug hat in Deutschland Hochkonjunktur. 18 Fälle sind es offiziell, die ans Licht kommen – pro Tag. Die Dunkelziffer liegt dabei noch weitaus höher. Denn viele Betrugsfälle werden gar nicht erst zur Anzeige gebracht, „meist aus Scham oder aus Angst vor Reputationsschäden“, sagt Birr von Bismarck. „Auf jeden offiziell gemeldeten Fall kommen zehn, die im Verborgenen bleiben“, schätzt er.

Noch gar nicht eingerechnet in diese Zahlen sind die vielen Fälle, in denen zwar kein Betrug vorliegt, die Anleger aber über die wahren Risiken des Investments nicht aufgeklärt werden: Chancen werden groß dargestellt, Risiken aber werden kaum oder gar nicht erwähnt. Dazu zählen viele Angebote am unregulierten, sogenannten grauen Kapitalmarkt – wie beispielsweise die Genussscheine des Windparkbetreibers Prokon. Mit acht Prozent Rendite warb das Unternehmen. Doch dann melde es Insolvenz an. Die 75 000 Anleger sollen nun freiwillig auf die Hälfte ihres Einsatzes verzichten. Ob sie überhaupt etwas von ihrem Geld zurückbekommen werden, steht noch in den Sternen.Viel Geld haben deutsche Anleger auch mit Schiffsfonds verloren. Geworben wurde auch hier vielfach mit Traumrenditen. In Wahrheit entstanden gigantische Verluste.

Hauptgrund für den geradezu inflationären Anstieg von unseriösen Geldanlagen sind die niedrigen Zinsen für sichere Anlagen wie Anleihen, Festgeld oder Tagesgeld. Da damit praktisch nichts mehr zu holen sei, steige die Gefahr, sich von windigen Renditeversprechen locken zu lassen, bestätigt André Tittel, Partner der Berliner Rechtsanwaltskanzlei Kälberer & Tittel, die auf Kapitalanlagerecht spezialisiert ist.

Risiken bleiben oft unerwähnt

Dabei reicht bisweilen schon der gesunde Menschenverstand, um ein unseriöses Angebot zu identifizieren: „Hohe Renditeversprechen sind mit absoluter Sicherheit, die manchmal vorgegaukelt wird, nicht vereinbar“, sagt Tittel. „Wenn beides gleichzeitig angeboten wird, sollten die Alarmglocken läuten.“ Viele unseriöse Anbieter versuchen, das Vertrauen der Anleger zu gewinnen, indem sie ihnen vermeintliche eigene Sicherheiten wie Garantien oder Wertbriefe vorlegen. „Hier sollte man genau prüfen, was dahinter steckt und ob sie wirklich werthaltig sind“, warnt Tittel. Der Anleger sollte zudem kontrollieren, ob der Anbieter einer Aufsicht unterliegt – zum Beispiel der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) – und/oder der Einlagensicherung der Banken, die einspringt, wenn der Anbieter pleitegeht.

Für Laien schwer zu durchschauen

Vorsicht sei auch dann geboten, wenn man als Anleger das Gefühl habe, dass die Kosten und die Risiken des Geschäfts kleingeredet oder verharmlost werden.

Doch für Laien sind unseriöse Angebote nicht immer sofort erkennbar. Denn der Einfallsreichtum der Vermittler ist groß. So wird Anwalt Tittel zufolge derzeit häufig der Kursverfall des Euro dazu genutzt, angeblich rohstoffgesicherte Kapitalanlagen wie zum Beispiel Goldzertifikate zu verkaufen. „Dem Anleger wird hier vorgespiegelt, in Gold zu investieren. Meist erwirbt er jedoch nur einen schuldrechtlichen Herausgabeanspruch gegen ein Unternehmen, das behauptet, Gold zu besitzen.“ Gehe dieses Unternehmen pleite, stünden auch die Anleger mit leeren Händen da. „Nicht selten existieren die Goldbestände gar nicht“, warnt der Anwalt.

Bei Papieren mit hohen Renditeversprechen handele es sich häufig um Genussscheine, Nachrangdarlehen oder andere unternehmerische Beteiligungen, die hohe Risiken, aber wenig Rechte für die Anleger beinhalten. Genussrechte seien zwar nicht per se unseriös. Die Verlustrisiken seien aber meist beträchtlich. Bei unbekannten Emittenten, die erst kurze Zeit existieren und noch keine nennenswerte Geschäftstätigkeit entfaltet hätten, sei das Risiko besonders hoch. „Das angeblich verheißungsvolle Projekt entpuppt sich später oft als Luftnummer“, warnt der Anwalt.

Ein weiteres Warnsignal sei, wenn der Kunde unter Zeitdruck gesetzt werde. Tittel empfiehlt, nie sofort zu unterschreiben. „Nehmen Sie sich Zeit, sich über das Angebot zu informieren.“ Häufig ließen sich im Internet Warnhinweise von Verbraucherschützern oder anderen Anlegern zu genau diesem Produkt finden. Oft werde das Produkt auch auf der Warnliste der Zeitschrift „Finanztest“ aufgeführt. „Dann heißt es: Finger weg!“, so Tittel.

Doch auch wenn es keine Warnhinweise gibt, ist dies keine Garantie dafür, dass die Anlage sauber ist. Denn neue unseriöse Produkte tauchen fast täglich auf, so dass oft noch keine Erfahrungsberichte vorhanden sind.

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