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Andreas Gassen „Wir sind nicht die Deppen der Nation“

Andreas Gassen, oberster Lobbyist der Kassenärzte, spricht im Interview über längere Sprechstundenzeiten, knappe Budgets und fehlende Mediziner.

Andreas Gassen
Andreas Gassen. Foto: Britta Pedersen

Manchmal müssen Journalisten gar nicht selbst aktiv werden, um Interviewpartner zu finden. Nachdem wir an dieser Stelle im März die Chefin des Kassenverbandes, Doris Pfeiffer, zum Thema Wartezeiten interviewt hatten, meldete sich umgehend der oberste Kassenarzt Andreas Gassen mit dem Wunsch, seine Sicht der Dinge darzulegen.

Herr Gassen, die große Koalition will die vorgeschriebene Sprechstundenzeit von 20 auf 25 Wochenstunden anheben, wogegen Sie sich wehren. Ich habe hier die Visitenkarte eines Arztes, zu dem ich manchmal gehe. Wenn ich die Sprechstunden zusammenzähle, komme ich nur auf 15. Wie kann das sein?
In der öffentlichen Debatte wird die Zahl der Sprechstunden sehr häufig mit der Arbeitszeit der Ärzte gleichgesetzt. Tatsächlich arbeiten die Kollegen natürlich viel länger als die ausgewiesenen Sprechstunden, im Schnitt über 50 Stunden. Das ist unbestritten.
 
Pardon, aber in dem Vertrag der Kassenärzte mit den gesetzlichen Krankenkassen ist doch von den ausgewiesenen Sprechstunden die Rede, oder irre ich mich?
Dort steht, dass der Arzt, der einen vollen Kassensitz hat, persönlich mindestens 20 Stunden in seiner Praxis zur Verfügung steht. Die ärztliche Tätigkeit und auch die Art der Sprechstunde sind von Fachgruppe zu Fachgruppe aber natürlich unterschiedlich. Ich persönlich habe einen großen Teil meiner Arbeitszeit mit Operationen zugebracht, natürlich überwiegend mit Operationen an gesetzlich versicherten Patienten.
 
Die Grünen wollen durch eine parlamentarische Anfrage herausgefunden haben, dass es keinerlei Kontrolle über die Zeit gibt, die Ärzte für Kassenpatienten zur Verfügung stehen.
Das ist doch Unsinn. Um das herauszufinden, muss man ja nicht die angeschlagenen Sprechstundenzeiten kontrollieren. Die Kassenärztlichen Vereinigungen wissen sehr wohl Bescheid, denn jede abgerechnete Leistung ist mit einem konkreten Zeitkontingent unterlegt. Eigentlich müssten wir schon jetzt überall die Notbremse ziehen und den Ärzten das weitere Arbeiten verbieten, weil ihr Verhalten unwirtschaftlich ist.


 
Bitte was?

Dass es für die von uns erbrachten Leistungen Budgets und für die Niederlassung von Ärzten eine Begrenzung durch die sogenannte Bedarfsplanung gibt, stammt aus einer Zeit, als von einer Ärzteschwemme die Rede war. Mitte der 90er Jahre wollte die Politik mit diesen Maßnahmen die Kosten im Griff behalten. Mit einer endlichen Summe Geld sollte eine endliche Summe Leistungen angeboten werden. Jeder Arzt mehr, jede zusätzliche Arbeitsstunde, so die damalige Ansicht, sei unwirtschaftlich, weil eine höhere Nachfrage der Patienten erzeugt werde.
 
Aus der Praxis weiß man, dass das auch stimmt.
Jedenfalls werden seit Jahren die Budgets überschritten und uns im Schnitt zehn Prozent der Leistungen nicht bezahlt, da die Zahl der Behandlungen immer weiter steigt. Nach derzeitiger Gesetzeslage arbeiten wir also zu viel. Inzwischen hat die Politik aber einen Paradigmenwechsel eingeleitet. Sie will den Wunsch der Bevölkerung erfüllen, umfangreicher und schneller behandelt zu werden. Eine Beschränkung ist offensichtlich nicht mehr erwünscht. Das ist aber mit der bisherigen Budgetierung nicht zu vereinbaren. Sie muss deshalb weg. 
 
Sie wollen also mehr Geld. Die Kassenärzte verdienen allerdings schon sehr gut, beklagen die Krankenkassen. Überziehen Sie nicht?
Ich leugne ja nicht, dass wir gut verdienen. Allerdings ist ein Monatsbrutto von 5000 bis 8000 Euro, das viele niedergelassene Ärzte erwirtschaften, angesichts des wirtschaftlichen Risikos einer Praxis auch nicht exorbitant. Und es ist schon gar kein Grund, Behandlungen nicht zu bezahlen.

Eines verstehe ich aber nicht: Wenn Sie sagen, dass Ärzte über 50 Stunden in der Woche arbeiten, dann ist da auch keine Luft mehr nach oben. Was nützt da mehr Geld?  
Damit wird es durchaus möglich sein, bei dem einen oder anderen Kollegen doch noch ein wenig Behandlungszeit herauszukitzeln. Ein unbegrenztes Angebot, das die Politik offenbar nun anstrebt, werden wir aber auch damit nicht erfüllen können. Es gibt schlicht nicht genug Ärzte.
 
Gesundheitsminister Jens Spahn hat schon mehr Geld zugesagt. Wer über die Terminservicestellen einen zusätzlichen Patienten aufnimmt, solle dafür nicht auch noch bestraft werden, sagt er.
Dass er Ärzte nicht bestrafen will, ist zunächst einmal zu begrüßen. Eine reine Lösung über die Terminservicestellen macht aber keinen Sinn. Dann werden ja de facto die ersten 90 Patienten voll vergütet, die nächsten zehn behandeln wir wegen der Budgetierung umsonst und dann kommen Patienten über die Terminservicestelle, die dann wieder komplett bezahlt werden. Deutlich sinnvoller und in der Umsetzung wesentlich einfacher ist unser Vorschlag: Der Erstkontakt und gewisse Grundleistungen, die auch nur einmal abgerechnet werden können, bezahlen die Kassen ungedeckelt. Das kostet sie gerade einmal 450 Millionen Euro. 

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