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Analyse Korrektur nach unten

42 börsennotierte Firmen haben im ersten Halbjahr Gewinnwarnungen veröffentlicht. Müssen wir uns Sorgen machen? Die Analyse.

Das ist deutlich: Die Zahl der börsennotierten Unternehmen, die im ersten Halbjahr ihre Erwartungen bei Umsatz und Gewinn nach unten korrigieren mussten, ist auf 42 geklettert. Im Vorjahr waren es nur 29 gewesen. Zugleich zeigten aber die wichtigsten Konjunkturdaten, allen voran das Wirtschaftswachstum, nach oben. Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirkt, passt bei genauerem Hinsehen zusammen. Die Daten der Statistiker beziehen sich auf die Vergangenheit, in denen es den Unternehmen noch richtig gut ging. Prognosen hingegen haben es an sich, die Zukunft vorwegnehmen zu wollen.

Das bedeutet aber, dass es bald bergab gehen könnte, wenn die Manager plötzlich geringere Einnahmen und Profite erwarten. Dabei muss man zudem bedenken, dass Führungskräfte „Gewinnwarnungen“ nur sehr ungern aussprechen, weil das immer viele unangenehme Fragen bei Anlegern auslöst.

Müssen wir uns Sorgen also machen? Immerhin: Die Prüf- und Beratungsfirma EY hat sich die rund 300 wichtigsten Aktiengesellschaften angeschaut und herausgefunden, dass es allein im zweiten Quartal 25 Korrekturen nach unten gab. EY spricht von einem Höchstwert für die Zeit von April bis Juni. Allerdings gab es schon in den vergangenen Jahren in manch anderen Quartalen deutlich mehr Mitteilungen mit gestutzten Prognosen. Womöglich kommt bei der aktuellen Ballung das besagte Phänomen der aufgeschobenen Korrektur zum Tragen. Zumal am Ende des zweiten Quartals die Konstellation günstig war, um von eigenen Fehlern abzulenken und bescheidenere Erwartungen auf nicht beeinflussbare geopolitische Entwicklungen zu schieben: die Handelsstreitigkeiten, die US-Präsident Donald Trump losgetreten hat.

Wie komplex die Lage im Einzelnen ist, lässt sich am prominentesten Beispiel für eine aktuelle Gewinnwarnung zeigen: Sicher, Daimler wird darunter leiden, dass China als Vergeltung für höhere US-Einfuhrzölle die Abgaben für Autoimporte aus den USA nach oben gesetzt hat. Das trifft die SUV von Mercedes, die in den USA hergestellt werden. Aber Mercedes hat auch ein Riesenproblem in Europa. Weil ein Modellwechsel bei der A- und der C-Klasse ansteht. Käufer warten ab. Um die Auslaufmodelle dennoch loszukriegen, müssen hohe Rabatte gewährt werden. Dies wiederum kann man als Hinweis darauf lesen, dass Mercedes-PKW nach einer langen Wachstumsphase an Attraktivität verlieren. Hinzu kommt, dass der Aufwand für die Zertifizierung nach dem neuen Abgastestverfahren WLTP unterschätzt wurde, was im Herbst Lieferengpässe bringen wird. Zu Letzterem passt, dass EY negative Korrekturen bei drei weiteren Unternehmen aus der Automobilindustrie registriert hat: Alle deutschen Hersteller und damit auch deren Zulieferer sind von der WLTP-Malaise betroffen.

Womit die Effekte durch Handelsstreitigkeiten nicht verharmlost werden sollen. Die dadurch ausgelöste Verunsicherung kann zu Lähmungserscheinungen führen. Dann besteht die Gefahr, dass Manager Investitionen kürzen und ihre Anstrengungen bei Forschung und Entwicklung zusammenstreichen, um Renditen zwecks Besänftigung von Anlegern abzusichern. Für die deutsche Autoindustrie wäre das brandgefährlich, weil sie bei der Elektromobilität unweigerlich zurückfallen würde – die ist aber die Zukunft der gesamten Branche.

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