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Analyse Es ist die Software, Dummkopf!

Digitale Konzerne gewinnen weiter an Bedeutung. Daraus ergeben sich gleich mehrere sozial-politische Herausforderungen.

Die digitale Wirtschaft ist eine Wirtschaft der Gewinner, der Superstars. Sie lässt nur wenig Platz für die Zweit- und Drittbesten. Amazon dominiert den Onlinehandel, Google das Suchgeschäft, Uber die Fahrdienstleistungen. Und alle diese Unternehmen breiten sich in neue Geschäftsfelder aus. Denn im Kern beherrschen sie vor allem die Software besser als alle anderen Firmen. Wer Taxis perfekt koordinieren kann, der kann das auch mit Fahrrädern. Wer Reisenden die perfekte Unterkunft vermittelt, kann ihnen auch Erlebnisse verkaufen. In Abwandlung eines Slogans von Ex-US-Präsident Bill Clinton könnte man sagen: Es ist die Software, Dummkopf!

Diese Software vertieft den Graben zwischen den Kapitalbesitzern und denjenigen, die nur ihre Arbeitskraft anzubieten haben. Denn die Software gewinnt bei der Wertschöpfung an Bedeutung, während die Arbeitskraft tendenziell an Bedeutung verliert. Schön sichtbar macht das ein Vergleich des altehrwürdigen Siemens-Konzerns mit dem Newcomer Facebook. Während Siemens im vergangenen Jahr nur 16 164 Euro Gewinn je Mitarbeiter erzielte, kam Facebook auf umgerechnet 544 780 Euro. Das ist das 34-Fache.

Software ist wie Doping für die Unternehmen. Genauso wie Siemens produktiver arbeitet als ein Krankenhausbetreiber, der stark von menschlicher Arbeit abhängig ist, arbeitet Facebook produktiver als der deutsche Industriekonzern.

Wenn Software viel Arbeit erledigt, liegt der Vermutung allerdings nahe - und die vorherige Beispielrechnung bestätigt es – dass die erzielte Wertschöpfung vermehrt bei Kapitalgebern und Firmeneigentümern landet. Diesen Verdacht bestätigt jetzt eine Analyse der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Demnach spiegelt sich der Siegeszug der Technologiefirmen auch in dem allgemein geringen Lohnwachstum wider. Denn anders als in der Vergangenheit kämen Produktivitätsgewinne nicht mehr bei der Gesamtheit der Arbeitnehmer an, heißt es in der am Mittwoch vorgestellten Studie. Ein großer Teil der Produktivitätszuwächse sei auf eine kleine Zahl von innovativen Firmen zurückzuführen, heißt es darin. Diese beschäftigten vergleichsweise wenige Mitarbeiter. Daher gehe ein größerer Teil des Einkommens an Investoren und nicht an Arbeitnehmer.

Da anzunehmen ist, dass in den kommenden Jahren die Software durch alle Unternehmen und Branchen hinweg an Bedeutung gewinnen wird, ergeben sich aus dieser Erkenntnis gleich mehrere sozialpolitische Herausforderungen: Erstens muss die Politik dafür sorgen, dass neue Arbeitsplätze entstehen, die wegfallende ersetzen können. Denn Arbeit bleibt für viele Menschen der zentrale, sinnstiftende Lebensinhalt. Als Zweites braucht es einen Kraftakt, um einen neuen sozialen Ausgleich zu schaffen. Des bedeutet, dass einerseits die Macht der Arbeitnehmer in den Verhandlungen mit den Arbeitgebern gestärkt werden muss, und zwar so, dass davon nicht nur einzelne Berufsgruppen profitieren (zum Beispiel Softwareingenieure). Und andererseits muss sich die Finanzierung der Staatsaufgaben und Sozialversicherungen von den Arbeitseinkommen weg- und zu den Kapitalgebern hinbewegen. Nur so lassen sich soziale Verwerfungen verhindern.

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