Amazon Die Opfer des Preiskampfs

Tausende Menschen ziehen im Internet über den Versandhändler Amazon her. Eine Dokumentation der ARD über die Leiharbeiter des mächtigen Versandriesen kratzt heftig am Image des Konzerns.

Der Versandhändler Amazon wächst weiter. Fotograf: REUTERS

Sicherheitspersonal mit kurzrasierten Haaren, Bomberjacken, Lederstiefeln und Klamotten von Thor Steinar: So wurden Menschen, die nach Deutschland gekommen waren, um beim Versandhändler Amazon zu arbeiten, überwacht. Sie wohnten in Ferienparks, in teils unwürdigen Verhältnissen, und konnten jederzeit ihre dürftig bezahlte Arbeit verlieren. Nun ist über Amazon ein Sturm der Empörung hereingebrochen. Tausende Menschen ziehen im Internet über den Versandhändler her, seit Journalisten der ARD diese grausigen Verhältnisse in einer Dokumentation öffentlich gemacht haben.

Das Unternehmen hat am Freitag angekündigt, den Vorwürfen nachzugehen. Es ist nicht das erste Mal, dass Amazon wegen seiner Arbeitsbedingungen in der Kritik steht. Der Online-Riese beschäftigt nach eigenen Angaben in Deutschland etwa 7.700 festangestellte Mitarbeiter in den Logistikzentren in Graben bei Augsburg, Bad Hersfeld, Leipzig, Rheinberg, Werne, Pforzheim und Koblenz. Zusätzliche Arbeitskräfte bestellt Amazon bei Zeitarbeitsfirmen insbesondere für das Weihnachtsgeschäft, wenn besonders viele Pakete mit Fernsehern, Sportjacken oder Kaffeemaschinen verschickt werden müssen.

Die Menschen, um die es in dem ARD-Film geht, wurden von solchen Zeitarbeitsfirmen ins Land geholt. Auch die Sicherheitsdienste hat Amazon nicht selbst beauftragt. Man wolle nun die Zustände überprüfen und gegebenenfalls handeln, teilte der Versandhändler mit. Aber ist Amazon der Sündenpfuhl unter den Arbeitgebern in Deutschland? Eine differenzierte Betrachtung tut Not.

Niedrige Löhne prägen die Branche

Der Einzelhandel ist in Deutschland eine harte Branche: Stationäre Händler und der Onlinehandel konkurrieren um die Gunst der Kunden. Der Preis bleibt dabei eines der wichtigsten Kriterien. Die Preisführerschaft zu gewinnen oder zu verteidigen steht bei den Unternehmen weit oben auf der Agenda. Die Kunden wollen billig einkaufen und fordern gleichzeitig bestmöglichen Service. Niedrige Löhne prägen die Branche: Stundenlöhne von weniger als sechs Euro sind keine Seltenheit. Personal wird so flexibel wie möglich eingesetzt.

Der Staat hat diesen Wettbewerb zugelassen: Die Reformen der Regierung Schröder waren darauf ausgerichtet, Arbeitskräfte billiger und flexibler verfügbar zu machen. Was die Beschäftigung von Arbeitskräften aus dem Ausland über Zeitarbeitsfirmen betrifft, nutzt Amazon die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten aus. Mit Löhnen von nach Unternehmensangaben 9,30 Euro oder mehr liegt Amazon sogar über den Mindestlöhnen für die Zeitarbeitsbranche. Diese betragen 7,50 Euro in den neuen und 8,19 Euro in den alten Bundesländern.

Amazon ist nur eines der Beispiele dafür, wie es (nicht nur) im Einzelhandel zugeht. Auf Arbeitsbedingungen, die verhindern, dass der intensive Wettbewerb auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen wird, konnte sich die Branche in den vergangenen Jahren nicht verständigen. Der Gesetzgeber schaut weiter tatenlos zu – und lässt zu, dass Arbeitnehmer immer mehr entwürdigt werden. Überwachung durch fragwürdiges Sicherheitspersonal ist ein schändliches Beispiel dafür.