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AKW Obrigheim Beispielloser Castor-Transport

Der Atomkonzern ENBW transportiert erstmals Atommüll auf dem Neckar. Kernkraftgegner warnen vor Unfällen, Demonstranten versperren dem Castor zeitweise den Weg.

28.06.2017 16:28
Auf dem Neckar
Aktivisten stoppen zwischenzeitlich den Castor-Transport. Foto: Uwe Anspach (dpa)

Los ging es in aller Hergottsfrühe, um 6.12 Uhr. Der baden-württembergische Stromkonzern ENBW führte am Mittwoch den bundesweit ersten Castor-Transport mit hoch radioaktivem Atommüll auf einem Fluss durch. Es war die erste von fünf Fuhren, mit denen der Energieversorger insgesamt 342 abgebrannte Brennelemente vom stillgelegten Atomkraftwerk Obrigheim in das Zwischenlager am AKW Neckarwestheim bringen will - und zwar über den Neckar, der an beiden Anlagen vorbeifließt.

Die erste der bereits Mitte Mai genehmigten Castor-Touren war mit Spannung erwartet worden. Atomkraftgegner halten die Transporte, bei denen jeweils drei der rund 110 Tonnen schweren Castoren auf ein Spezialschiff geladen werden müssen, für zu gefährlich. Sie befürchten Unfälle und eine mögliche Verseuchung des Neckars, der ein Nebenfluss des Rheins ist. Das „Bündnis Neckar castorfrei“ hatte Protestaktionen an der rund 50 Kilometer langen Flussstrecke angekündigt.

Gegen Mittag gelang es Aktivisten der Umweltorganisation Robin Wood, den Transport vorübergehend zu stoppen. Sie hatten sich mit einem Transparent mit der Aufschrift „Verhindern statt verschieben“ von einer Brücke in Bad Wimpfen (Kreis Heilbronn) abgeseilt. Die Polizei beendete die Aktion. Spezialkräfte seilten sich mit zwei Atomgegnern in ein Boot ab, an zwei weiteren Aktivisten, die noch an der Brücke hingen, fuhr das Schiff langsam vorbei.

Auf der Brücke und am Ufer befanden sich Sicherheitskräfte, unter der Brücke patrouillierten derweil Polizeiboote. In Heilbronn, unweit des Castor-Zielorts Neckarwestheim gelegen, protestierten mehrere Dutzend Atomgegner auf einer Kundgebung gegen den Transport. Redner warfen dem baden-württembergischen Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) Versagen vor.

„Eine Atomaufsicht, die diesen Namen verdient, gibt es nicht“, kritisierten sie laut dpa. Das Umweltministerium informierte unterdessen per Twitter über Strahlenmessungen, die an der Transportstrecke gemacht worden waren. Sie zeigten einen „einwandfreien“ Ablauf. „Gleiches gilt für das Schiff selbst.“ ENBW führt die spektakulären Transporte durch, um den Bau eines neuen Zwischenlagers in Obrigheim zu vermeiden. Das dortige AKW war 2005 aufgrund des rot-grünen Ausstiegsbeschlusses von 2000 abgeschaltet worden und befindet sich in der Rückbauphase.

Im Zwischenlager Neckarwestheim ist noch genug Platz für die 15 Castoren aus Obrigheim. Der Konzern, der noch zwei seiner ursprünglich fünf aktiven AKW betreibt, hält die Beförderung per Schiff für eine sichere Lösung. Die Wege zur Be- und Entladung des Transportschiffs seien kurz, zudem müssten keine Straßen gesperrt werden.

Atomgegner werfen ENBW allerdings vor, mit der Castor-Verschiffung vor allem Geld sparen zu wollen. „Dieser Transport findet nur statt, weil die ENBW im Gegensatz zu allen anderen Betreibern von AKW kein Geld dafür ausgeben will, an jedem Standort ein ordentliches Castor-Lager zu bauen“, kritisierte die Anti-Atom-Organisation „ausgestrahlt“.

Das Atommüllproblem werde nicht kleiner, wenn der hochradioaktive Abfall statt in Obrigheim künftig in Neckarwestheim stehe. Ausgestrahlt-Sprecher Jochen Stay wies darauf hin, dass der aufwendige Polizeieinsatz nicht von ENBW bezahlt werde, sondern von der Allgemeinheit.

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