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Aktien Anleger sollten weniger Gefühle zeigen

Viele Fehler, die Anleger an der Börse machen, sind psychologisch begründet – und vermeidbar.

Jahresabschluss Frankfurter Börse
Psychologische Fallen gibt es beim Handel mit Aktien viele. Foto: Frank Rumpenhorst (dpa)

Der Mensch neigt zur Selbstüberschätzung - auch bei der Geldanlage. Das hat die Verhaltensökonomie wissenschaftlich erforscht. Nicht zuletzt durch Richard Thaler, der für seine Grundlagenforschung auf diesem Gebiet 2017 den Wirtschaftsnobelpreis bekommen hat, ist dieses Thema aktueller denn je.

Ein Untergebiet der Verhaltensökonomie ist die „Behavioral Finance“ (zu Deutsch: verhaltensbasierte Finanztheorie). Vertreter dieser Theorie gehen davon aus, dass Anleger an der Börse nicht rational agieren. Und das kann teuer werden. „Etwa 60 bis 70 Prozent des Erfolges an der Börse hat mit Psychologie und dem richtigen Geldeinsatzverhalten zu tun“, sagt Vermögensverwalter Gerd Häcker aus München.

Psychologische Fallen gibt es eine ganze Reihe, weit mehr als im Folgenden aufgeführt. Drei Vermögensverwalter geben Tipps, wie drei der häufigsten – für die Rendite negativen – Verhaltensweisen vermieden werden können.

Selbstüberschätzung

Schlauer als der Markt ist der Theorie nach im Grunde keiner – zumindest nicht auf lange Sicht. Läuft es zeitweise gut, sollte man nicht übermütig werden. Enrico De Giorgi ist Mitglied im Beirat des digitalen Vermögensverwalters Liqid und Inhaber des Lehrstuhls für Mathematik an der Universität St. Gallen. Er sagt, einer der häufigsten psychologisch begründeten Fehler, die Anleger machen, sei es, die eigenen Investment-Kenntnisse zu überschätzen. „Menschen können sich irren.

Das gilt auch bei der Geldanlage“, sagt De Giorgi. „Anleger tendieren zur Überschätzung der eigenen Fähigkeiten und Entscheidungen. Dies gilt insbesondere für Männer. Sie verkaufen bei Kursrückgängen schneller und agieren bei der Geldanlage insgesamt weniger überlegt als Frauen.“ Die Selbstüberschätzung führt also letztlich zu vorschnellen Entscheidungen, die einiges an Rendite kosten können.

Auch bei einer Glückssträhne sollten Anleger nicht vergessen, das Risiko vor jeder Anlageentscheidung erneut bewusst abzuschätzen. Ein altmodischer, aber einfacher Tipp: Alle Entscheidungen dokumentieren und vor künftigen Entscheidungen zurate ziehen. „Dies erleichtert den Lernprozess und verhindert, den gleichen Fehler ein zweites Mal zu begehen“, sagt De Giorgi. „Es entspricht der menschlichen Eitelkeit, richtige Entscheidungen sich selbst, falsche Entscheidungen jedoch anderen oder ungünstigen Umständen zuzuschreiben. So belügt man sich selbst.“

Fehlende Einsicht

Ein anderes Extrem sei es, Aktien, die einmal gekauft wurden, im Depot zu halten, obwohl vieles dafür spricht, dass es eine glatte Fehleinschätzung war – das mag sich aber kaum jemand eingestehen. Denn in der Regel neigt man dazu, unbewusst Informationen, die die eigene Entscheidung untermauern, stärker zu gewichten als Hinweise, die für einen Kursverlust sprechen.

Negative Informationen werden weitestgehend ausgeblendet. Hinzu kommt: Eine schlechte Phase aussitzen tut weniger weh, als sich durch Abstoßen der Position den Fehler aktiv einzugestehen. 

„Im schlimmsten Fall kann eine selektive Wahrnehmung dazu führen, dass man seine Verlustposition sogar noch durch weitere Nachkäufe ausweitet, also einer bereits schlechten Anlage gutes Geld noch weiter hinterher wirft“, sagt Maik Bolsmann, Geschäftsführer der B&K Vermögen GmbH in Köln. Stattdessen rät er, ein maximales Verlustlevel im Vorfeld zu definieren und sich dann auch diszipliniert daran zu halten. Ratsam sei es zudem, die verschiedenen Positionsgrößen in einer Balance, also in einer etwa gleichen Höhe zu halten.

„Weil es dann weniger weh tut, eine einzelne Position aufzugeben“, empfiehlt Vermögensverwalter Häcker. In jedem Fall sollten sich Anleger nicht auf dem Erreichten ausruhen, sondern die Märkte und die eigenen Investments stets beobachten – und bei Bedarf handeln, lautet der Tipp von De Giorgi. Vor jeder Anlageentscheidung gilt es das Risiko erneut abzuschätzen.

Neigung zum Heimatmarkt

Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Das ist zwar kein Börsen-Sprichwort, lässt sich aber auf die Branche übertragen. Denn auch ist immer wieder zu beobachten, dass Anleger, die ihr Portfolio selbst zusammenstellen, Aktien und Anleihen von Unternehmen und Branchen aus ihrer Heimat bevorzugt auswählen – das Phänomen nennt sich „Home Bias“. „In Zeiten der Globalisierung ist dieses aber zu kurz gedacht“, sagt Bolsman. Besser ist es, über den Tellerrand zu schauen und sein Geld in mehreren Ländern und Märkten anzulegen, um das Risiko zu minimieren.

Der Lemminge-Effekt

Bei einem Boom rennen alle Anleger in die gleiche Richtung und investieren unüberlegt. Der Effekt rührt von der Angst, nicht dabei zu sein. „Das lässt sich momentan gut am Bitcoin beobachten“, sagt Häcker. Aber Vorsicht: Nicht alle Entwicklungen bestätigen die Regel. Auch Anlagemöglichkeiten abseits der Trends sollten beobachtet werden. Denn die Gefahr des Effekts: Es könnte eine Blase drohen.

Vor Fehlern sind auch professionelle Anleger oft nicht gefeit. „Die beschriebenen Verhaltensmuster sind tief in unserer Psyche verankert und lassen sich nur mit sehr viel Disziplin vermeiden. Am ehesten lassen sich noch die Fehler vermeiden, auf die man eindeutige Rückmeldungen erhält, die sich also schnell als Fehler erkennen lassen“, sagt De Giorgi. Sein universaler Tipp: Den Blick fürs Ganze behalten und langfristig denken und handeln.

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