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Air Berlin Ereignisse sind „pures Gift“

200 Piloten der insolventen Air Berlin haben sich krankgemeldet. Sie haben dem Management die Gefolgschaft aufgekündigt.

Air Berlin
Immer mehr Maschinen von Air Berlin bleiben am Boden. Foto: rtr

Vor wenigen Tagen beim Check-in einer Air-Berlin-Maschine von München nach Düsseldorf: Das Flugzeug sei voll besetzt, teilten die Mitarbeiter über Lautsprecher mit. Die Passagiere sollten darum ihr Handgepäck aufgeben. Und keine Sorge: Es würde nicht auf Wertgegenstände durchsucht, um die Fluggesellschaft zu sanieren.

Zumindest einige Air-Berlin-Mitarbeiter schienen da also noch Galgenhumor zu haben. Inzwischen ist er vielen offenbar endgültig vergangen. Am Dienstag meldeten sich rund 200 Piloten der insolventen Fluggesellschaft krank, die meisten von ihnen Kapitäne. Das Kabinenpersonal hingegen erschien zum Dienst – konnte aber nichts ausrichten. Mehr als 100 der rund 750 geplanten Verbindungen mussten gestrichen werden, 12.000 Passagiere waren betroffen. Da wurde deutlich: Die Profis im Cockpit haben die Hoffnung offenbar aufgegeben, dass die laufenden Übernahmeverhandlungen für sie zu einem guten Abschluss führen. Sie haben dem Management die Gefolgschaft aufgekündigt.

Piloten befürchten hohe Einbußen

Hintergrund ist die unsichere Zukunft der Piloten. „Viele von uns verdienen gut“, sagte einer von ihnen der FR. „Wir könnten es verkraften, wenn wir bei einem neuen Eigentümer zehn oder 20 Prozent weniger verdienen.“ Doch es ginge um ganz andere Größenordnungen: Viele Piloten rechnen damit, dass sie bei einem neuen Eigentümer mit dem Gehalt eines Berufseinsteigers wieder anfangen. „Das wären Einbußen von 30 bis 50 Prozent“, sagte der Air-Berlin-Pilot. Auch von der Lufthansa-Tochter Eurowings, die Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) als arbeitnehmerfreundlich gelobt hat, habe es solche Angebote gegeben.

Ihr zentrales Ziel erreichten die Piloten am Dienstag: Sie störten die Verhandlungen mit den Interessenten für Air Berlin empfindlich. Die Reaktion des Vorstandsvorsitzenden Thomas Winkelmann fiel harsch aus. „Was wir heute bei einem Teil der Belegschaft sehen, ist ein Spiel mit dem Feuer“, sagte er. Ein stabiler Betrieb sei die zwingende Voraussetzung dafür, dass die Einigung mit möglichen Investoren gelingt. Dramatisch war auch die Wortwahl von Betriebsleiter Oliver Iffert in einem Brief, den er an die Belegschaft verschickte. „Pures Gift“ seien die Ereignisse, die Betriebsfortführung sei gefährdet.

Die normalerweise durchaus streitbare Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) beeilte sich am Dienstagmorgen mitzuteilen, dass sie mit den offensichtlich koordinierten Krankmeldungen nichts zu tun habe. Man sei davon „überrascht“, hieß es in einer Pressemitteilung: „Die Vereinigung Cockpit ist der Überzeugung, dass Sozialplanverhandlungen über einen geregelten Übergang des Personals der einzige Weg sind, eine möglichst große Zahl von Arbeitsplätzen zu erhalten.“ In der Belegschaft schwindet aber der Glaube, dass dies tatsächlich das Ziel der Verhandlungen ist. „Hier wird das Material verschachert“, sagt der Air-Berlin-Pilot. Darum spielten seine Kollegen nun ihre Macht aus. Rund 1200 Piloten sind bei Air Berlin beschäftigt.

Zu den Zukunftssorgen kommt, dass sich bei den Piloten Frust angestaut hat. Das Management habe die Personalbedarfsplanung so unterminiert, dass es in den vergangenen Wochen zu absurden Szenen gekommen sei, berichtet der Pilot. „Kollegen mussten sich kurz vor dem Abflug teilweise ihre Crews selbst zusammensuchen.“ Und wegen der Probleme mit dem Bodenpersonal in Berlin-Tegel hätten einige selbst beim Verladen des Gepäcks mit angepackt.

Ende nächster Woche könnte feststehen, was aus Air Berlin wird. Am 21. September will der Gläubigerausschuss entscheiden, welcher oder welche Bieter den Zuschlag bekommen. Noch bis Freitag können Angebote abgegeben werden. Buchungen für die Zeit danach will Air Berlin derzeit offenbar vermeiden. Für Flüge im Oktober werden teilweise selbst auf kürzeren Strecken mehr als 500 Euro verlangt.

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