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AfD in den Betriebsräten „Völkische Ideologie ist ein Sprengsatz für Solidarität“

Der Soziologe Klaus Dörre spricht im Interview über rechte Betriebsräte, die Frustration bei Arbeitern und die Antwort der AfD auf die soziale Frage.

Demonstration in Cottbus
Demonstranten stehen auf dem Altmarkt von Brandenburg und protestieren gegen Zuwanderung und die Asyl-Politik der Bundesregierung Foto: dpa

Und wenn die Ausländer arbeiten, dann heißt es, sie nähmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg. Was halten Sie von dieser Problemdiagnose?
Sie passt nicht dazu, dass die Ausländerfeindlichkeit ausgerechnet dort groß ist, wo es wenig Ausländer gibt – und wenig Arbeitsplätze. Aber darum geht es oft auch gar nicht. In unseren Befragungen im Osten Thüringens gab bis zu einem Drittel der Personen an, man wolle keine Einwanderung, obwohl der eigene Arbeitsplatz nicht bedroht sei. Auch hier geht es einfach um ein Ressentiment, nicht um eine wirtschaftliche Bedrohung.

Arbeitsplätze zuerst für Deutsche! Was ist an dieser Forderung so verkehrt?
Das ist ja faktisch Gesetz. Die Arbeitsagenturen arbeiten klar nach der Regel, dass deutsche Staatsbürger zu bevorzugen sind. Ob die Regel sinnvoll ist, ist eine andere Frage – die Integration macht sie nicht leichter.

Jetzt werden in Deutschland 180.000 Betriebsräte gewählt. Die AfD und andere rechte Gruppierungen, heißt es, haben eigene Listen aufgestellt. Warum sollte das ein Problem sein – können rechte Betriebsräte die Interessen der Beschäftigten schlechter vertreten als linke?
Tatsächlich kümmern sich rechte Betriebsräte vielfach in ihren Betrieben um die Belange der Beschäftigten und lassen sich dabei auch nichts zu Schulden kommen, verzichten also auf fremdenfeindliche Äußerungen. Ich habe einen sehr guten Betriebsrat kennengelernt, der hervorragend für sein Werk gekämpft hat und abends auf Pegida-Demonstrationen gegangen ist. Das Problem ist aber: Die völkische Ideologie, die andere Kulturen als minderwertig abtut, ist ein Sprengsatz für gewerkschaftliche Solidarität. In vielen Betrieben arbeiten Menschen aus vielen Kulturen und Ländern zusammen. Wenn rechte Gedanken dort Platz greifen, dann führt das zu Spaltungen, die nicht mehr beherrschbar sind und die der Arbeitnehmerseite schaden. Daher sind die DGB-Gewerkschaften gut beraten, dagegen anzugehen.

Christian Schickart vom rechten Gewerkschaftsverein „Zentrum Automobil“ bei Daimler sagt, er wolle die „Macht der Monopolgewerkschaften“ brechen, denn „die etablierten Gewerkschaften haben unsere Interessen schon lange verraten“. 
Einige Arbeitnehmer gerade im Osten werfen den Gewerkschaften vor, sie seien zu angepasst. Das ist verständlich, die Gewerkschaften haben in der Vergangenheit gerade im Osten viele Kompromisse machen müssen. Das liegt an den Machtverhältnissen zwischen Kapital und Arbeit. Daher sollte sich niemand einbilden, „patriotische“ Gewerkschaften wären erfolgreicher. Sie sind erstens viel zu klein und bringen keine echte Gegenmacht auf die Straße. Zweitens könnten sie an den Machtverhältnissen nichts ändern, auch wenn sie größer wären.

Wie groß sind die rechten Strömungen in Gewerkschaft und Betriebsräten überhaupt?
Bislang sind rechte Listen eher die Ausnahme, das größere Problem sind Betriebsräte mit AfD-Sympathie, die über die Personenwahl in die Gremien kommen und sich im Betrieb als vorbildliche Gewerkschafter präsentieren. In jedem Fall ist das Potenzial für die äußerste Rechte aber da. Denn es gibt immer unzufriedene Teile der Belegschaft, die mit den Kompromissen, die Betriebsräte eingehen müssen, nicht einverstanden sind, die sich bedroht fühlen. Als Arbeiter hat man in dieser Gesellschaft kein besonders hohes Ansehen. Viele haben das Gefühl, nicht weiterzukommen, man steckt fest, obwohl alle davon reden, dass es in Deutschland aufwärts geht. In den sechziger Jahren gab es eher das Bewusstsein eines gemeinsamen Aufstiegs. Heute herrscht eher das Gefühl vor: Wenn ich vorwärts kommen will, muss ich die Ellenbogen ausfahren und sehen, wo ich bleibe.

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