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ADHS-Hersteller Shire Wie ein Pharmakonzern das Werbeverbot austrickst

Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente ist in Deutschland eigentlich verboten, aber es gibt für alles einen Ausweg. Ein Beispiel ist die Art und Weise, wie der Pharmakonzern Shire seine "Informationen" über ADHS unters Volk bringt.

18.04.2012 16:39
Von Katja Irle
ADHS-Patient oder einfach nur ein Zappelphilipp? Foto: dpa

Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente ist in Deutschland eigentlich verboten, aber es gibt für alles einen Ausweg. Ein Beispiel ist die Art und Weise, wie der Pharmakonzern Shire seine "Informationen" über ADHS unters Volk bringt.

In der Werbung werden wilde Krieger ganz ruhig. An einem Schreibtisch sitzt ein Junge mit Indianerschmuck und erledigt seine Hausaufgaben.

Die Botschaft, die der weltweit operierende Pharmakonzern Shire vor zwei Jahren mit Hilfe einer Mannheimer Kommunikationsagentur auf den deutschen Markt brachte, ist simpel: Shire-Medikamente helfen Kindern mit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) sich zu konzentrieren. Indianer dürfen sie trotzdem bleiben.

Der Vertreiber von Psychostimulanzien wie dem ADHS-Medikament Equasym Retard steht auch hinter einer Informationskampagne, die nach eigenem Bekunden „Mythen und Fehlurteilen“ über ADHS entgegenwirken und um Verständnis für die betroffenen Familien werben will. „ADHS und Zukunftsträume“ heißt die Aktion, bei der Shire lediglich im Kleingedruckten als „Initiator“ auftaucht.

Schirmherrin der Kampagne ist die ehemalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD). Auch der Präsident des bayerischen Lehrerverbands, Klaus Wenzel, unterstützt die „Zukunftsträume“. Bei einer Pressekonferenz am Dienstag in München forderten Experten, Kinder mit ADHS-Diagnose gezielter zu fördern als bisher.

"Für uns ist das pharmagesponserte Indoktrination"

„Sie können in der Schule erfolgreich sein, wenn sie frühzeitig unterstützt und behandelt werden“, heißt es da – verbunden mit dem Appell, auffällige Kinder möglichst frühzeitig zu untersuchen und Diagnosen zu stellen.

Offiziell propagiert die Initiative multimodale Therapien. Das heißt, dass neben der medikamentösen Behandlung auch auf die Wirksamkeit von komplementären Verfahren wie Elterntraining, kognitivem Training sowie auf den relativ neuen Ansatz des so genannten Neurofeedbacks (eine Art Konzentrationstraining) hingewiesen wird. Doch Kritiker haben massive Zweifel am karitativen Design der ADHS-Aufklärungsinitiative.

„Für uns ist das keine Aufklärung, sondern eine pharmagesponserte Indoktrination“, sagt der Brühler Psychotherapeut Hans-Reinhard Schmidt, Sprecher der ADHS-Konferenz, einer unabhängigen Vereinigung von Experten. Die Tendenz, alle möglichen Symptome bei Kindern auf ADHS zurückzuführen, sei eine unzulässige Simplifizierung.

Gegen den Vorwurf, aus eigenem Geschäftsinteresse einer „Modediagnose“ den Boden zu bereiten, wehren sich Pharmakonzerne wie Shire vehement. Auch die von Shire gelenkte Initiative „Zukunftsträume“ hebt darauf ab: ADHS sei eine „nicht heilbare, aber behandelbare“ Krankheit und keine Modediagnose, heißt es.

Doch Informationen darüber, warum sich die in Deutschland verschriebene Menge des Wirkstoffs Methylphenidat (der sich unter anderem in ADHS-Medikamenten wie Ritalin oder Equasym Retard befindet) von 34 Kilo im Jahr 1993 auf rund 1,8 Tonnen im Jahr 2010 vervielfacht hat, sucht man vergebens. Shire bemüht sich gerade, seine Produkte nicht nur für Minderjährige, sondern auch für Erwachsene mit ADHS auf dem Weltmarkt zu platzieren.

Dennoch hat Schirmherrin Renate Schmidt keine Bedenken, ihren Namen für die pharmagesteuerte Aktion herzugeben. „Auch wenn diese Kampagne von einem Pharmaunternehmen finanziert ist, heißt das nicht, dass wir hier Werbung für Medikamente machen“, sagte sie bei der Auftaktveranstaltung vor einem Jahr in Berlin.

Weiter: Werbung ist eigentlich verboten

Das dürfte Shire auch gar nicht, denn Pharmakonzernen ist es in Deutschland gesetzlich verboten, öffentlich für verschreibungspflichtige Medikamente zu werben.

Für die Shire-Initiative machte sich Schmidt kürzlich auch bei der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ stark. Um das Argument der Modediagnose zu entkräften, verwies sie darauf, dass rund fünf Prozent aller Kinder unter ADHS litten – und zwar auf der ganzen Welt, nicht nur in den westlichen Industrieländern.

ADHS-Experten wie Professor Gerd Lehmkuhl vom Zentrum für Neurologie und Psychiatrie der Uniklinik in Köln haben an solchen Aussagen massive Zweifel. Zwar gebe es für die Industrieländer verlässliche Zahlen, allerdings nicht für die so genannten Entwicklungsländer.

Zudem sei ADHS durch zahlreiche alltägliche Faktoren und gesellschaftlichen Anforderungen beeinflusst, sagt Lehmkuhl – in den Industrieländern vor allem durch Schulsystem und den Leistungsgedanken. Deshalb müssten Ärzte sehr kritisch mit der Diagnose umgehen: „Wir müssen immer wieder hinterfragen, was ist ein normales Verhalten und was nicht?“

Auch Klaus Wenzel, Chef des Lehrerverbands, hält schulische Strukturen für mitverantwortlich. „20 Prozent der Grundschulkinder sind in ihrem Verhalten so auffällig, dass sie eine Therapie brauchen“, warnt er. Er fordert deshalb kleinere Klassen mit jeweils zwei Fachkräften sowie pädagogische Leitlinien, die das Kind in seiner Persönlichkeit annehmen.

Auch Wenzel hat kein Problem damit, dass ausgerechnet ein Pharmakonzern diese Botschaften an die Öffentlichkeit bringt. Die Firma springe eben in eine Lücke, die andere Akteure leider nicht füllten, kritisiert er: „Mir wäre es auch lieber, wenn das Gesundheitsministerium die Kampagne gestartet hätte. Hat es aber nicht.“

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