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Abstiegsängste „Einige fahren nach oben, andere nach unten“

Der Soziologe Oliver Nachtwey spricht im Interview über die Abstiegsängste in der deutschen Gesellschaft.

Oliver Nachtwey
Oliver Nachtwey lehrt an der TU Darmstadt Soziologie. Foto: privat

Ungleichheit und soziale Gerechtigkeit stehen wieder im Zentrum der politischen Debatte. Doch während es für Ungleichheit statistische Maße gibt, bleibt die Gerechtigkeit unscharf. „Der Begriff ist zunächst von wunderbar leerer Bedeutung“, sagt Oliver Nachtwey. „Er muss gefüllt werden und wird ständig neu bestimmt.“ Der Soziologe warnt im Interview davor, Gerechtigkeit auf Chancengleichheit zu verengen.

Herr Nachtwey, wie finden Sie den Slogan von Martin Schulz „Zeit für mehr soziale Gerechtigkeit“?
Klingt gut. Und kommt gut an. Wie gut Martin Schulz damit ankommt, hat mich allerdings überrascht, wie viele andere auch, und ich könnte mir vorstellen, Martin Schulz ebenfalls.

Was bedeutet „soziale Gerechtigkeit“?
Klassischerweise verstand die Sozialdemokratie darunter eine Verklammerung von Chancen-, Verteilungsgerechtigkeit und Leistungsgerechtigkeit. Es wurde gesagt: Wir brauchen Umverteilung von oben nach unten, damit die Kinder der Arbeiterklasse auch vernünftig lernen können und die Chance zum Aufstieg erhalten. Verteilungsgerechtigkeit war damit die Voraussetzung für Chancengleichheit und Chancengleichheit die Voraussetzung für Leistungsgerechtigkeit.

Heute werden die Begriffe eher gegeneinander gestellt nach dem Muster: Mehr Chancen, weniger Umverteilung. „Chancengleichheit hat Vorrang vor Verteilungsgleichheit“, so ein Thesenpapier der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Die Sozialdemokratie hat seit den 90ern ihren Gerechtigkeitsbegriff deutlich anders akzentuiert. Stück für Stück wandte sie sich von einem komplexen Gerechtigkeitsbegriff ab. An seine Stelle setzte sie ein nunmehr liberales Verständnis von Chancengerechtigkeit. Hier geht es vor allem um den gleichen Zugang zu Bildung oder Jobs.

Was ist dagegen zu sagen?
Dass es nur um den formell gleichen Zugang geht, im Sinne von: Niemand darf von Bildung ausgeschlossen werden. Doch selbst wenn dies erreicht würde, wäre es nicht genug. Denn Kinder aus reichem Hause haben einfach mehr Möglichkeiten als Kinder aus armem Hause, sie haben bessere Startchancen und erhalten nachweislich öfter Nachhilfeunterricht. Wessen Eltern wenig Geld haben, der muss nach der Schule arbeiten gehen – auch wenn er das gleiche Recht hat zu studieren wie sein wohlhabender Nachbar.

Als Ideal der liberalen Chancengleichheit gilt, dass nur die Qualifikation oder die Leistung zählt, nicht das Geschlecht oder die Hautfarbe oder andere individuelle Eigenheiten. Das klingt erstmal gut.
Das stimmt. Dieses Ideal ist allerdings gleichzeitig das Modell des reinen Wettbewerbs, der unverfälschten Konkurrenz um Jobs und Ausbildungsplätze. Gemäß diesem Ideal sollen alle in den Ring steigen können und der Stärkste gewinnt. Was man als Abschaffung von Privilegien und Benachteiligungen feiern kann, produziert jedoch häufig die Verschärfung der Konkurrenz. Und in dieser Konkurrenz haben die Wohlhabenden wie gesagt die besseren Chancen.

Viele Menschen versprechen sich von der Chancengleichheit eine Minderung der sozialen Ungleichheit.
Wir erleben häufig, dass das Gegenteil der Fall ist. Denn die Leistungskonkurrenz produziert Gewinner und Verlierer. Diese Ungleichheit kann dann damit gerechtfertigt werden, dass sie ja ein Ergebnis von Chancen- und Leistungsgerechtigkeit ist. Es gilt: Je mehr eine Gesellschaft auf Chancengleichheit und weniger auf Umverteilung setzt, desto ungleicher wird sie und desto legitimer erscheinen die Ungleichheiten: Die Verlierer sind selbst schuld.

Aber geht eine Ungleichheit, die auf Leistungsunterschieden beruht, nicht in Ordnung?
Das Problem ist: Was gilt als Leistung in unserer Gesellschaft? Der Aufwand ist es offensichtlich nicht: Viele Menschen arbeiten hart, bekommen dafür aber wenig Anerkennung und insbesondere wenig Gehalt. Denken sie nur an Krankenschwestern oder Kindergärtnerinnen. Andere gelten als Leistungsträger, zum Beispiel Manager, vor allem weil sie viel verdienen. Und selbst bei objektiv schlechten Leistungen erhalten sie einen hohen Bonus, schließlich sind sie ja per Definition Leistungsträger. Der Begriff der Leistung hat heutzutage wenig mit Aufwand und viel mit Status und Macht zu tun. Zuweilen dient er dazu, andere gesellschaftliche Gruppen abzuwerten.

Wie das?
Die Vorstellung der Leistungsgerechtigkeit war mal etwas Fortschrittliches. Das Bürgertum richtete ihn gegen den unproduktiven Adel. Auch die frühe Arbeiterbewegung hat ihre Forderungen noch mit der Leistung begründet, gemäß der Parole: Ein gerechter Lohn für ein gerechtes Tagewerk. In den vergangenen Jahren ist der Leistungsbegriff jedoch benutzt worden, um die Arbeitenden gegen die Nicht-Arbeitenden auszuspielen, also gegen die Arbeitslosen, die als faul denunziert wurden. „Kein Recht auf Faulheit“, damit leitete SPD-Kanzler Gerhard Schröder die Agenda 2010 ein. Daran sieht man, wie flexibel verwendbar der Gerechtigkeitsbegriff ist: Aus einer emanzipatorischen Forderung an die da oben wurde eine Abgrenzung gegen die noch weiter unten.

Nach all der Kritik – was ist für Sie soziale Gerechtigkeit?
Wenn man schon in einer Marktgesellschaft leben muss, dann macht die Position des US-Philosophen John Rawls Sinn. Nach seiner Vorstellung können die Reichen in einer Marktgesellschaft reicher werden, sofern von dem dazugewonnen Wohlstand die Armen mehr profitieren. Das hat zumindest bis in die 70er Jahre noch für die Industriestaaten gegolten. Und das hat die Gesellschaft auch befriedet. Solange man selber gut zurechtkommt, ist es nicht so schlimm, dass die Aldi-Eigner Milliarden haben. Heute ist das anders: Die ökonomische und damit die politische Macht konzentriert sich an der Spitze, die unteren Einkommensgruppen kommen nicht mehr mit oder steigen sogar ab.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sagt, es gehe den Deutschen so gut wie lange nicht mehr.
Wenn das stimmen würde, wäre es rätselhaft, warum viele Menschen so unzufrieden sind.

Das könnte daran liegen, dass die Bevölkerung irrt und nicht erkennt, wie gut es ihr eigentlich geht.
Publikumsbeschimpfung ist immer noch ein beliebtes Mittel, wenn Politiker sich in ihrer Arbeit kritisiert sehen. Vielleicht sollte sich die Regierung ein neues Volk wählen.

Aber es gibt auch Daten, die Entwarnung geben: Seit 2005 steigt die Einkommensungleichheit demnach nicht mehr …
…wobei sie allerdings bis 2005 auf einen historischen Höchststand gestiegen und dort geblieben war. Neuere Daten deuten zudem darauf hin, dass die Schere inzwischen wieder auseinandergeht.

Dazu kommt: Es gab noch nie so viele Erwerbstätige in Deutschland wie derzeit, die Arbeitslosigkeit fällt auf immer neue Nach-Wende-Tiefs. Der Anteil atypischer Jobs wie Teilzeit oder Zeitarbeit geht seit 2010 zurück. Bei den Einkommen ist kein Einbruch festzustellen, zumindest nicht im Durchschnitt. Die Mittelschicht schrumpft etwas, aber nicht stark. Wo liegt also das Problem?
Weniger in der absoluten Einkommenshöhe, obwohl es sehr viel Armut in Deutschland gibt. Was wir in den letzten Jahren allerdings beobachten, ist eine völlig neue Dynamik in der Gesellschaft. Bis in die 80er Jahre hatten wir eine Aufstiegsgesellschaft. Das bedeutete: Die Menschen konnten sich tatsächlich durch eigene Anstrengung oder Bildung sozial verbessern. Auch die Arbeiterschaft konnte sich aus der wirtschaftlichen Unsicherheit befreien und ein Leben in der unteren Mittelschicht führen. Die passende Metapher für diese Gesellschaft war der Fahrstuhl, mit dem alle nach oben fuhren – wenn auch nicht gleich hoch.

Und heute?
Heute ist eher das Bild der Rolltreppe passend. Einige fahren nach oben, andere fahren nach unten und müssen gegen die Fahrtrichtung laufen, sprich: Sie müssen sich anstrengen, um überhaupt ihren Status zu halten. Der Wohlstand ist da, aber er ist gefährdet. Es ist ein Wohlstand auf Abruf. Die Sicherheit ist verschwunden – die Sicherheit für das eigene Leben und die Sicherheit, dass es die Kinder mal besser haben werden. Heute machen sich viele Eltern Sorgen, dass die Kinder keinen ordentlichen Job finden.

Als Lösung für dieses Problem wird immer wieder ein Mittel genannt: Bildung, Bildung, Bildung. Wer sich qualifiziert und permanent weiterbildet, der schafft es, heißt es.
Natürlich kann und muss jeder Einzelne diesen Weg gehen. Doch wenn alle sich immer weiter qualifizieren und ihre Kenntnisse erweitern, wächst die Bildungskonkurrenz. Das Ergebnis: Alle stellen sich auf die Zehenspitzen und niemand sieht besser. Wir sehen eine relative Entwertung von Qualifikationstiteln und einen intensivierten Bildungswettbewerb. Auch hier gilt das Prinzip der Rolltreppe, die nach unten fährt: Wer in der Bildungskonkurrenz nicht mitmacht, steigt ab. Wer mitmacht, der verhindert zwar vielleicht seinen Abstieg, der Aufstieg ist ihm aber nicht mehr garantiert.

Laut Statistik verdienen aber hochqualifizierte Personen mehr Geld als geringqualifizierte.
Das mag ganz allgemein gelten. Doch selbst in ehemalige Prestige-Berufe sind Angst und Unsicherheit gekrochen. So existiert bei Architekten, Journalisten oder Anwälten eine Polarisierung. Auf der einen Seite die sehr Erfolgreichen, die hohe Honorare verlangen können. Auf der anderen Seite jene, die gerade so zurechtkommen – trotz anspruchsvoller Qualifikation und Sozialprestige.

Jetzt malen Sie aber sehr schwarz. Viele Menschen haben noch sichere Jobs und Vermögen…
Selbst diese Menschen sehen die Unsicherheit und Gefahren bei ihren sozialen Nachbarn, also bei Menschen aus ihrer Schicht. Jeder hat Freunde, Verwandte oder Bekannte, deren Leben und Einkommen prekär geworden ist. Das stärkt die empfundene Unsicherheit, die Sorge vor dem Absturz. Die Agenda 2010 war ein schwerer Schlag für viele Menschen. Weil sie bedeutete, dass man in kürzester Zeit aus einem ganz normalen Leben auf Hartz-IV-Niveau und damit in die Armut abrutschen konnte.

Aber an der allgemeinen Verunsicherung ist doch nicht nur Hartz IV schuld?
Natürlich nicht. Die globale Wirtschaft befindet sich in einem permanenten Umbruch, menschliche Arbeitskraft wird durch Maschinen ersetzt oder wird überflüssig, an vielen Orten fürchtet man die betriebliche Restrukturierung oder die Abwertung der eigenen Tätigkeit. Und Hartz IV steht als Drohkulisse im Hintergrund.

Interview: Stephan Kaufmann

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