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Abgas-Manipulation bei VW Die Betrüger aus Wolfsburg

Die Tricksereien des Autoherstellers Volkswagen beschäftigen Justiz und Politik. Der Schaden ist immens – nicht nur für den VW-Konzern, sondern auch für die Marke „Made in Germany“.

Volkswagen - Winterkorn
Im Fokus: Martin Winterkorn, VW-Vorstandsvorsitzender, hat Fehler seines Unternehmens in der Abgasaffäre eingeräumt. Foto: dpa

Der Schummelskandal bei Dieselautos des Volkswagen-Konzerns hat einen Schock ausgelöst. Die Aktie des Unternehmens verlor am Montag mehr als ein Fünftel ihres Werts. Branchenkenner erwarten erhebliche finanzielle Belastungen für die Wolfsburger. Aber auch andere Autobauer könnte es noch treffen. Denn für Umweltschützer besteht kein Zweifel, dass nicht nur in den USA, sondern auch in Europa die offiziellen Abgaswerte in großem Stil manipuliert werden.

Fast panikartig versuchten Anleger die VW-Vorzugspapiere loszuwerden. Durch den Kurssturz wurde am Montag ein Aktienwert von fast 16 Milliarden Euro vernichtet – nachdem Volkswagen-Chef Martin Winterkorn zugegeben hatte, dass bei den offiziellen Abgasüberprüfungen in den USA manipuliert wurde. Das könnte ein Bußgeld in Milliardenhöhe nach sich ziehen. Zudem drohe die Nachbesserung oder Rücknahme von mehreren hunderttausend Autos, schreibt Frank Schwope, Analyst bei der NordLB.

Ferner müsse geprüft werden, ob auch in anderen Ländern bei den Abgaswerten getrickst wurde. Überdies halten Experten für Kapitalmarktrecht Schadenersatzklagen durch Aktionäre für möglich, da der Konzern nicht rechtzeitig über die Ermittlungen der US-Umweltbehörde EPA informiert habe. Alle Experten sind sich einig: Die Folgen, die das alles nach sich zieht, sind noch längst nicht abzusehen. Der weltweite Imageschaden ist in jedem Fall immens. Und er dürfte sich nicht nur auf Volkswagen, sondern auf die gesamte deutsche Autobranche beziehen. Gerade mit ihren vermeintlich effizienten Diesel-Pkw haben die hiesigen Konzerne in vielen Ländern zuletzt massiv geworben. Bei Volkswagen könnten Milliardenzahlungen sogar das gesamte Investitionsprogramm des Konzerns torpedieren und die Entwicklung neuer Modelle, nebst den Neu- und Umbau von Autowerken bremsen.

Die Wolfsburger Zentrale stoppte am Montag zunächst einmal den Verkauf von Dieselfahrzeugen mit Vier-Zylinder-Motoren der Marken VW und Audi in den USA. Die US-Umweltbehörde hat bei Pkw dieser Typen aus den Modelljahren 2009 bis 2015 festgestellt, dass die Abgasreinigung nur bei offiziellen Tests vollständig aktiviert ist, im Normalbetrieb wird sie durch den Bordcomputer de facto abgeschaltet, um die Leistung der Fahrzeuge zu erhöhen. Eine derart vorsätzliche Täuschung gilt in den USA als Straftat.

Spannend könnte es am Freitag werden. Dann trifft sich der VW-Aufsichtsrat, um über Konsequenzen zu beraten. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) fordert, dass VW-Chef Martin Winterkorn vor dem Kontrollgremium nun lückenlos offenlegt, bei welchen weiteren Diesel-Pkw geschummelt wurde. Am Montag kam von mehreren Seiten die Forderung nach einem Rücktritt Winterkorns.

Umweltschützer und der alternative Verkehrsclub VCD gehen indes davon aus, dass Volkswagen kein Einzelfall ist. Die Anzahl der „hoch-emittierenden Diesel-Pkw“ in Europa gehe in die Millionen, mutmaßt die Deutsche Umwelthilfe. Abschalteinrichtungen würden „mangels behördlicher Kontrollen“ auch von anderen Diesel-Pkw-Herstellern wie BMW, Daimler, Ford und Opel eingesetzt. Deshalb müssten Behörden Selbstzünder nun flächendeckend überprüfen.

„Autos müssen Abgasgrenzwerte auch im Realbetrieb auf der Straße einhalten, alles andere ist ein Skandal“, sagt auch Jens Hilgenberg, Verkehrsexperte des Bundes für Umwelt und Naturschutz. Er fordert die „sofortige Einführung eines Messverfahrens, das alle Emissionen neuer Fahrzeuge im Realbetrieb auf der Straße ermittelt. Zusätzlich müssen sich alle in den letzten Jahren auf die Straße gekommenen Dieselfahrzeuge einer unabhängigen Prüfung unterziehen.“ Umweltschützer, der ADAC und die europäische Nicht-Regierungsorganisation ICCT registrieren seit Jahren, dass auch in Europa die offiziellen Verbrauchswerte der Pkw und damit auch ihre Schadstoffemissionen immer stärker von der Realität auf der Straße abweichen.

Die EPA hat durch Nachprüfungen bei den VW-Fahrzeugen festgestellt, dass unter anderem der tatsächliche Ausstoß von Stickoxiden bis zu 40-mal höher liegt als der Normwert.

Stickstoffdioxid (NO2) ist auch hierzulande ein Riesenproblem. In allen deutschen Ballungsgebieten werden die von der Europäischen Union und der Weltgesundheitsorganisation festgelegten Grenzwerte deutlich überschritten. NO2 entsteht beim Verbrennen von Diesel und wird unter anderem für viele Atemwegserkrankungen verantwortlich gemacht. Für Hilgenberg steht deshalb fest, dass Autos mit erhöhtem NO2-Ausstoß „auf Kosten der Hersteller so nachgebessert werden, dass Grenzwerte auch im Realbetrieb auf der Straße eingehalten werden“.

Der VCD erinnert derweil daran, dass er neben anderen Organisationen schon 2013 auf Manipulationen bei den Normwerten aufmerksam gemacht habe. Immer wieder seien – ohne Erfolg – von der Politik Nachprüfungen gefordert worden. Es gehe dabei auch um das Treibhausgas CO2 und damit den Kraftstoffverbrauch. Seit 2003 wird die Kfz-Steuer teilweise nach dem CO2-Ausstoß festgesetzt. Allein bei den Neuwagen entgingen dem Fiskus durch Hersteller-Tricksereien mehr als 200 Millionen Euro Einnahmen pro Jahr, rechnete Gert Lottsiepen, verkehrspolitischer Sprecher des VCD, vor.

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