23. Februar 201713°C Frankfurt a. M.
Lade Inhalte...

99 Designs „Viele ernähren mit ihrer Arbeit ihre Familie“

Patrick Llewellyn, Chef des weltweit größten und umstrittenen Design-Marktplatzes, spricht im Interview mit der FR über Kreativität und die Ausbeutung in seinem Beruf.

Chef von 99 Designs: Patrick Llewellyn. Foto: Paulus Ponizak

In Berlin-Kreuzberg hat der weltweit größte Online-Marktplatz für Design seine Europazentrale bezogen. An den Wänden des Büros von 99 Designs hängen Plakate, die Designer auf der Website erstellt haben. Die Plattform ist umstritten: Auftraggeber können auf ihr Design-Wettbewerbe ausschreiben – und die Designer werden nur bezahlt, wenn ihre Entwürfe gewinnen. Über eine halbe Million Wettbewerbe gab es inzwischen, das Preisgeld beträgt im Durchschnitt nur rund 310 Euro. Im Interview verteidigt 99 Designs-Chef Patrick Llewellyn das Geschäftsmodell.

Herr Llewellyn, Sie betreiben mit 99 Designs eine Plattform, auf der Designer für ihre Arbeit meistens nicht bezahlt werden. Finden Sie das fair?
Moment. Um das zu verstehen, muss man den Hintergrund der Plattform kennen. 99 Designs ist daraus entstanden, dass Designer in Online-Foren zum Zeitvertreib Photoshop-Tennis gespielt haben.

Photoshop-Tennis?
Dabei verändern Designer gemeinsam ein Bild immer weiter. Sie erschaffen Designs nach Fantasie-Aufgabenstellungen. Eines Tages sagte ein Designer: Ich brauche ein Logo für einen Website-Kunden, wieso schickt ihr mir nicht eure Ideen und ich bezahle euch dafür, wenn ich eine Idee nutze? Und die Designer sagten: Ok, wir erstellen Designs ohnehin umsonst, wieso sollten wir das nicht auch für Geld machen? Daraus entstand die erste Variante des Marktplatzes. Es gab also kein bösartiges Genie, das sich ein Modell ausdachte, um Designer umsonst arbeiten zu lassen. Die Plattform ist aus der Design-Community heraus entstanden.

Professionelle Freelancer müssen sehr genau kalkulieren, was sie in der Stunde verdienen, um über die Runden zu kommen. Haben Sie sich schon mal die Frage gestellt, wie viel ein Designer auf Ihrer Plattform im Durchschnitt verdient?
Das ist sehr schwer zu kalkulieren. Wir wissen nicht, wie lange ein Designer für eine Arbeit braucht.

Sie könnten Durchschnittswerte für die Berechnung nehmen, etwa für das Design eines Logos.
Uns interessiert eher, was unterm Strich für den Designer herauskommt. Ob wir Designer für uns gewinnen können, die eine hohe Qualität abliefern. Wir sind sehr zufrieden mit der Qualität, die wir anziehen. Sie sprechen von professionellen Freelancern, die sehr strikt kalkulieren. Aber mal ehrlich: Wie viele Freelancer kennen Sie, die wirklich so handeln? Typisch ist doch: Ich bin Designer, weil ich kreativ bin. Aus Leidenschaft. Das Letzte, worin ich gut bin, ist genau zu kalkulieren, was meine wirklichen Arbeitskosten sind. Ich will kreatives Zeug machen und auf 99 Designs kann ich genau das tun. Wir nehmen den Designern die lästige Bürokratie ab.

Das klingt, als versuchten Sie Designer anzusprechen, die eher naiv an die Sache herangehen. So verständlich es ist, dass Menschen aus Leidenschaft umsonst arbeiten: Wenn Sie etwas hauptberuflich machen möchten, müssen Sie dafür sorgen, dass die Rechnung stimmt – spätestens, wenn Sie auch noch eine Familie ernähren müssen.
Wir haben viele Designer auf der Plattform, die mit ihrer Arbeit bei 99 Designs ihre Familie ernähren. Im letzten Jahre haben wir an einen Designer in Rumänien 90 000 US-Dollar ausgezahlt. Das ist 3,5 Mal so viel wie der Durchschnittslohn von Geschäftsführern in dem Land oder zwölfmal so viel wie ein Designer in dem Markt verdient. Davon kann man in Rumänien gut eine Familie ernähren. Viele spezialisieren sich sehr genau auf einen ganz bestimmten Design-Bereich. Dann wissen sie: Wenn ich an einem Wettbewerb teilnehme, dann gewinne ich in 70 Prozent der Fälle.

Wie oft nehmen Designer im Durchschnitt an Wettbewerben teil, bevor sie honoriert werden, also einen Wettbewerb gewinnen?
Das ist sehr unterschiedlich. Da ist es schwer, einen Durchschnitt zu berechnen. Neue Designer sind natürlich nicht so erfolgreich wie erfahrene Designer.

Im Netz kursiert die Rechnung, dass ein Designer im Durchschnitt zwölfmal umsonst arbeitet, bevor er einen Ihrer Wettbewerbe gewinnt.
Diese Zahl kenne ich nicht. Ich kann nicht sagen, woher sie kommt. Ich denke, dass man im Durchschnitt sieben oder zehnmal teilnehmen muss, um das erste Mal einen Wettbewerb zu gewinnen.

Einen großen Teil des Geldes der Auftraggeber geben Sie nicht an die Designer weiter, sondern behalten ihn als Gebühr ein. Es ist auf Ihrer Website nicht transparent dargestellt, wie hoch dieser Anteil bei den einzelnen Wettbewerbskategorien ist. In Foren ist aber teilweise von fünfzig oder sogar siebzig Prozent die Rede.
Das stimmt nicht. Wir nehmen niemals 50 oder 70 Prozent. Im Durchschnitt eher rund 30 Prozent. Der höchste Anteil, den wir einbehalten, ist vielleicht 40 Prozent. Dafür schaffen wir auch sehr viel Wert.

Designer kritisieren, dass Sie mit den Wettbewerben die Preise für Logos drücken. Was sonst tausende Euros kostet, kann ich bei Ihnen über einen Wettbewerb für nur einige hundert Euro bekommen.
Es mag sein, dass einige Auftraggeber weniger ausgeben, da sie bei uns eine deutlich bessere Leistung für weniger Geld bekommen. Vielleicht zahlen einige statt 1 500 oder 2 000 Dollar nun 500 oder 700 Dollar. Aber niemand reduziert etwa das Budget für die Überarbeitung einer Marke von 100 000 Dollar auf 2 000 Dollar. Ich denke eher, dass wir den Markt für Design deutlich vergrößert haben. Früher wussten die Leute doch gar nicht, wie sie an Designer herankommen. Denken Sie mal daran, wie viel schlechtes Design man ständig sieht.

Sie haben sich auch gerade ein neues Logo zugelegt. Haben Sie Ihre eigene Plattform genutzt?
Natürlich.

Und wie viel haben Sie gezahlt?
Wir hatten den Vorteil, dass wir unsere Plattform für unseren eigenen Wettbewerb etwas anpassen konnten. Wir haben etwas mehr gezahlt als sonst vorgesehen ist. Wir hatten sechs Finalisten, die alle 600 Dollar bekamen, darunter Designer aus Russland und Indonesien. Der Gewinner bekam noch mal 3 000 Dollar obendrauf. Insgesamt haben wir also 6 600 Dollar gezahlt.

Das ist sehr viel weniger als ein Unternehmen Ihrer Größe normalerweise ausgeben würde.
Das stimmt. Normalerweise würde man zu einer Agentur gehen und 15 000 oder 20 000 Dollar ausgeben. Wir haben deutlich weniger gezahlt – und ein Ergebnis bekommen, das wir lieben.

Sie erwähnten das Beispiel des Designers aus Rumänien. Kommen die meisten Designer auf Ihrer Plattform aus Ländern mit einem niedrigen Lohnniveau?
Wir sind sehr global aufgestellt. Fast die Hälfte kommt aus den USA, rund 25 Prozent aus Europa und ein hoher Prozentsatz aus Asien.

Man würde erwarten, dass die Plattform vor allem für Designer aus Niedriglohnländern interessant ist.
Wir ziehen sicherlich viele Designer in solchen Ländern an. In Teilen Asiens verdienen Menschen auf unserer Plattform das Zehnfache des Durchschnittslohns. Wir verändern in Ländern wie Indonesien das Leben der Menschen. Aber wir haben auch viele Designer in Deutschland. Die haben schon aufgrund ihrer Sprache einen Wettbewerbsvorteil.

Was zieht Designer aus Deutschland an?
Wir bieten ihnen einen Zugang zu einem stetigen Strom von Aufträgen. Der deutsche Markt wächst rasant, inzwischen haben wir hier fünf bis sechs Millionen Dollar an Designer ausgezahlt. Und wir helfen ihnen, langfristige Beziehungen zu Auftraggebern aufzubauen. Ich kann leicht zusätzlich zu dem anfänglichen 350-Dollar-Preisgeld Aufträge im Volumen von 1 500 bis 2 000 Dollar generieren. Denn wenn ich als Auftraggeber den Designer gefunden habe, dessen Stil ich gesucht habe, schreibe ich keine neuen Wettbewerbe aus. Da ist es sinnvoller, mit dem Designer weiterzuarbeiten, den ich schon kenne.

Auch dabei verdienen Sie mit. Sie zwingen Designer und Auftraggeber zwei Jahre lang alle auf einen Wettbewerb folgenden Direkt-Aufträge über die Plattform abzuwickeln – und kassieren dabei noch mal zehn Prozent des Umsatzes ein.
Wir denken, das ist ziemlich wenig für den Zugang zu den Software-Werkzeugen, die wir zur Verfügung stellen, damit Auftraggeber und Designer zusammenarbeiten können und dafür, dass wir uns um den gesamten Bezahlprozess kümmern, also insgesamt eine vertrauensvolle Umgebung für die Auftragsvergabe schaffen. Es geht uns sowieso nicht in erster Linie um den zusätzlichen Umsatz, sondern darum, zu verstehen, wer gut ist und wer nicht, und worin ein bestimmter Designer gut ist. Das können wir nur, wenn unsere Plattform für die Zusammenarbeit zwischen Designer und Auftraggeber auch nach dem Wettbewerb genutzt wird. Es geht um die Daten.

Sie wollen mit Algorithmen berechnen, was gutes Design ist?
Noch sind wir nicht so weit, es ist sehr schwierig. Wir wollen aber besser darin werden, die Qualität von Design zu evaluieren. Wir wollen anhand der Daten besser verstehen, worin bestimmte Designer wirklich gut sind. So vergeuden wir weniger Zeit für alle. Denn Sie mögen denken: Oh, ich bin sehr gut darin, bestimmte Designs zu erstellen. Aber wir könnten sagen: Ist Ihnen bewusst, dass Sie eigentlich extrem gut in dieser anderen Disziplin sind? Hier sehen wir die Zukunft.

Interview: Jonas Rest.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum