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Interview Trauer trifft jeden

Schwester Monika Uecker und Pfarrer Joachim Metzner vom Zentrum für Trauerseelsorge über die Begleitung Hinterbliebener. Vor allem das Weihnachtsfest ist für viele Trauernde nach dem Verlust des Partners sehr schmerzhaft.

25.11.2011 10:33
Das Jahr neigt sich dem Ende zu: Trauerseelsorger Joachim Metzner und Schwester Monika    Uecker besprechen die Termine für 2012. Foto: Thelen

Trauer ist etwas ganz Individuelles. Das wissen auch Pfarrer Joachim Metzner und Schwester Monika Uecker. Sie sind Seelsorger im Zentrum für Trauerseelsorge St. Michael im Frankfurter Nordend. Im Interview sprechen sie über ihre Arbeit und ihre Erfahrungen. Gerade in der Advents- und Weihnachtszeit suchen Hinterbliebene, die einen vertrauten und geliebten Menschen verloren haben, Trost, Beistand oder Begleitung.

Was ist überhaupt das Zentrum für Trauerseelsorge?

Joachim Metzner: Das Zentrum ist gedacht für ein besonderes Feld der Seelsorge: Wir haben den trauernden Menschen im Blick. Trauer ist zum einen ein Thema, mit dem viele Menschen zum Teil nur sehr schwer zurecht kommen. Andererseits muss man auch sagen, Trauer ist keine Krankheit, sondern etwas ganz Normales. Aber Menschen in dieser besonderen Lebenssituation beizustehen, das ist unser Thema und unser Auftrag. Unser Ziel ist, Menschen zu begleiten, um versöhnt mit Trauer umgehen zu können. Man kann die Trauer nicht aus der Welt schaffen. Aber es stellt sich die Frage, wie geht man mit ihr um, damit sie einen nicht übermannt und nicht am Leben hindert.

Wie gehen Sie persönlich mit Trauer um?

Monika Uecker: Für mich ist die Einstellung zum Tod eine bewusstere geworden, zu merken, der Tod gehört zum Leben. Das andere ist zu merken, dass es ist wichtig ist, die Trauer auszuhalten. Wir können den Toten nicht lebendig machen. Aber wir können etwas tun, was in unserer Gesellschaft zu kurz kommt, nämlich dabeibleiben und mitaushalten. Wir hören immer wieder von Trauernden, dass man ihnen sagt ’Du müsstest schon darüber weg sein’, ’Du findest jemand neuen’ oder, oder, oder, weil man selber das nicht aushalten möchte. Man muss lernen, mit der Trauer zu leben. Sie ist etwas, durch das man hindurch gehen kann.

Steckt dann in so platten Sprüchen wie „Die Zeit heilt alle Wunden“ doch etwas Wahres drin?

Monika Uecker: Tatsächlich sollte man solche Sprüche nie in einem Trauergespräch sagen. Die Erfahrung ist aber: Trauer verändert sich. Es gibt Ratgeber zu den Themen wie Trauerphasen. Das sind hilfreiche Modelle, solange man nicht daran klebt. Es ist hilfreich zu wissen, was für Phänomene zur Trauer dazugehören können, wenn mir beispielsweise Hinterbliebene erzählen, sie würden die Schritte des Verstorbenen im Hausflur hören. Das ist ein solches Phänomen und darüber debattiere ich auch nicht mit den Trauernden, sonst akzeptiere ich es und versuche, sie einfach zu ermutigen und zu bestärken.

Wie kam es, dass diese Anlaufstelle des Bistums Limburg gegründet wurde?

Joachim Metzner: Die Gründung geht auf den zwischenzeitlich emeritierten Bischof Kamphaus zurück, der Frankfurt 2004 visitierte. Da kamen ihm zwei Ideen: Einmal ein besonderes geistliches Zentrum in Frankfurt zu schaffen. Daraus ist das Meditationszentrum in Heilig-Kreuz in Bornheim geworden. Die andere Idee war – mit Blick auf die Großstadt Frankfurt –, wie eine Metropole mit dem Sterben und dem Tod umgeht und wie Christen besondere Zeichen setzen könnten. Und so hatte er die Idee, ein Zentrum für Trauerseelsorge zu gründen. Eröffnung war dann schließlich 2007.

Wie geht man denn in einer Großstadt wie Frankfurt mit Trauer um? Hat unsere Gesellschaft ein Problem mit Trauernden?

Joachim Metzner: Eine Großstadt hat großen Nachholbedarf in Sachen Trauer, wenn man bedenkt, wo die Menschen meist sterben, in Krankenhäusern, in Heimen. Auch wenn der Wunsch ein anderer ist, sieht es in der Praxis meist so aus. Oft ist das Sterben verschämt, versteckt. Dabei ist das Sterben ein ständiges Thema in den Medien, im Fernsehen. Aber die unmittelbare Erfahrung mit Tod, mit Sterben ist vielen sehr fremd.

Monika Uecker: Das ist vor allem ein Phänomen der Stadt. In kleineren Orten nehmen die Menschen doch mehr Anteil, wenn jemand gestorben ist. Eine Mitschwester erzählte von ihrem Dorf, wo sie als Kinder die Kränze durch den Ort getragen haben, wenn jemand gestorben war. Da war der Tod mehr präsent und etwas Normales, woran sich die Kinder schon gewöhnt hatten. Solche Rituale gibt es in der Stadt nicht mehr, wie auch die Trauerkleidung, die kaum noch jemand trägt und damit die Trauer offen signalisiert.

Trauer ist ganz unterschiedlich. Wie helfen Sie?

Joachim Metzner: Üblicherweise ist das so, dass Menschen hier anrufen. Erst gestern war das so, dass sich jemand gemeldet hat, weil er aufgrund eines Todesfalls mit dem Leben nicht zurecht kommt. Man bespricht sich am Telefon, vereinbart einen Gesprächstermin. Dann beginnt oft eine große Dynamik. Es gibt Leute, die treffen sich nur einmal mit mir. In anderen Fällen folgen eine Reihe Gespräche, einmal die Woche, im Monat oder noch sporadischer. Jedes Mal mit einem offenen Ende. Denn ich weiß nie, wie lange ich denjenigen auf seinem Weg begleite.

Monika Uecker: Wir bieten auch Veranstaltungen an, etwa zum Thema Trauerphasen. Da ist es schon passiert, dass Leute reinkommen, die eigentlich jemanden suchen, der sie begleitet, die aber nicht den Mut haben, anzurufen, sondern da läuft die Begleitung an diesem einen Abend.

Sie sind eine katholische Einrichtung. Wie konfessionsgebunden sind die Menschen, die zu Ihnen kommen?

Joachim Metzner: Erstaunlicherweise haben wir sehr häufig mit Menschen zu tun, die mit Kirche überhaupt gar nichts am Hut haben. Wir machen zwar keinen Hehl daraus, dass wir eine katholische Institution sind, aber wir fragen nicht. Denn die Trauer trifft jeden. Wer zu uns kommt, ist mutig genug, sich der Trauer zu stellen. Der Umgang mit Trauer ist keine Bekenntnisfrage.

Monika Uecker: Wir wollen niemanden bekehren. Wir sind da für die Nöte der Menschen.

Die Advents- und Weihnachtszeit steht vor der Tür. Wie können Sie Trauernden in der Zeit helfen?

Joachim Metzner: Gerade das Weihnachtsfest ist ein neuralgischer Punkt für Trauernde. Ich denke speziell an Eheleute, wo ein Partner gestorben ist und die mit Schrecken auf das Weihnachtsfest blicken. Wie soll man das ohne den geliebten Partner überstehen? Ich erlebe es leider immer als einen völligen Rückzug, wo die Menschen in Trauer ganz gefangen sind und sich nicht trauen, damit kreativ unzugehen. Andere wiederum sind aktiv auf der Suche nach Hilfe. Wir bieten Anfang Dezember zum Beispiel einen Nachmittag an, wo wir Verwitweten Impulse geben möchten, wie sie ihr Weihnachtsfest verbringen können in ihrem Alleinsein, in ihrer Trauer.

Das Gespräch führte: Sonja Thelen

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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