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Zeitdruck wächst - Was Experten der Nonstop-Gesellschaft raten

Es ist mitten in der Nacht, wenn am kommenden Wochenende unsere Uhren auf Winterzeit zurückgedreht werden - wieder einmal eine vertane Chance auf etwas Müßiggang.

23.10.2006 00:10
Von Dorothée Junkers
Der ständige Blick aufs Zifferblatt, atemlose Terminhetze, Effizienz auch am Sonntag: Immer mehr Menschen fühlen sich im Würgegriff der Zeit. Foto: dpa

Hamburg (dpa). Es ist mitten in der Nacht, wenn am kommenden Wochenende unsere Uhren auf Winterzeit zurückgedreht werden - wieder einmal eine vertane Chance auf etwas Müßiggang, findet Zeitforscher Karlheinz Geißler. "Eine Stunde, die doppelt zählt, ist doch ein Erlebnis, das man sich gönnen sollte - an einem Samstagnachmittag zum Beispiel", meint der Münchner Professor. Stattdessen werde die Zeitschleife in einen toten Winkel verlegt und um 3.00 Uhr am Sonntagmorgen allgemein verschlafen. "Das ist typisch für unsere Gesellschaft, die sich dem Risiko nicht aussetzen will, dass man einmal lebt, ohne auf die Uhr zu schauen."

Der ständige Blick aufs Zifferblatt, atemlose Terminhetze, Effizienz auch am Sonntag: Immer mehr Menschen fühlen sich im Würgegriff der Zeit. Genau beziffern lasse sich das Phänomen nicht, erklärt Geißler, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik. Zeitdruck habe verschiedene Ursachen, die sich nicht über einen Kamm scheren ließen. Doch zeichneten zahlreiche Studien das Bild der gehetzten Gesellschaft. So klagen 84 Prozent der Deutschen dem Meinungsforschungsinstitut Emnid zufolge über zunehmenden Zeitdruck am Arbeitsplatz.

Jeder Fünfte leide an Stresssymptomen wie Kopfschmerzen, Magenbeschwerden oder Herzklopfen, jeder Vierte könne wegen unerledigter Aufgaben schlecht schlafen. Die Wirtschaft hat einen Millionen-Markt erkannt und springt auf den Zug auf mit - meist kostspieligen - Angeboten zur geruhsamen Essensaufnahme ("Slow Food"), Meditation im Kloster ("Retreat"), unbezahltem Endlosurlaub für Mitarbeiter ("Sabbatical") oder Wochenend-Kuren in Luxushotels ("Wellness-Weekend"). "Zeit wird immer mehr zur Schlüsselressource", schreibt das Kelkheimer Zukunftsinstitut von Matthias Horx in einer Studie und hat ein neues Luxusgut ausgemacht: "Zeitwohlstand", den es zu vermehren gelte.

Nur zu einem geringen Teil ist Zeitforschern zufolge das Problem tatsächlicher Zeitmangel. Für den Autoren Stefan Klein ("Zeit. Der Stoff, aus dem das Leben ist") sind die Informationsflut und zu viel Auswahl Wurzeln des Übels. "Wir können nicht mehr aussieben, unsere Filter funktionieren nicht mehr." Notwendig sei eine neue "Zeitkultur". "Wir müssen aufhören, uns als Opfer eines äußeren Taktes zu fühlen." Keine Zeit zu haben, gelte in einer Gesellschaft, in der Zeit Geld sei, als Statussymbol. Dagegen müsse die Fähigkeit, Herr über die eigene Zeit zu sein, wieder als Wert ankannt werden.

Hartmut Seifert, Arbeitszeitexperte an der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, sieht die Sache anders. Der Trend, dass Vollbeschäftigte immer kürzere Arbeitszeiten hätten, sei im Zuge der Konkurrenz durch Billiglohnländer schon vor fünf Jahren unterbrochen worden. Überdies hätten die Unternehmen die Arbeitszeitverkürzungen Mitte der 80er Jahre durch ein immer höheres Arbeitstempo ausgeglichen. "Wenn die Leute abends heim kommen, fühlen sie sich ausgebrannt, plumpsen erstmal in den Sessel und sehen fern."

Die effektive Wochenarbeitszeit liegt der Stiftung zufolge bei mehr als 42 Stunden, eine Stunde über EU-Schnitt. Auch arbeiteten die Menschen immer häufiger am Wochenende, fügt Seifert hinzu: ""Samstags gehört Vati mir" - das ist lange vorbei." Jetzt seien die Betriebsräte gefragt, Modelle zu entwickeln, aus dem vollen Tagesplan Druck abzulassen. "Das brauchen wir dringend, schließlich ist bei uns in Zeiten alternder Belegschaften die Rede von der Rente mit 67."

Wer es sich leisten kann, dem kann mittels der Dienstleister von morgen auch ohne Betriebsrat geholfen werden. Ob das "weiche Aussteigertum" auf dem fränkischen Weinberg, wo bei gemütlicher Weinlese ein Wochenende lang Winzerromantik gelebt wird, oder "mobile Zeitritter", die Agenturen wie die Frankfurter Agentur CS zum Geschenkekauf, Blumen gießen oder Handwerkersuchen vermitteln: Erfolg hätten künftig "Zeitsparprodukte", die eine Entschleunigung des Zeitempfindens oder eine Auslagerung lästiger Alltagspflichten böten, schreiben die Kelkheimer Trendforscher des Zukunftsinstituts.

Derlei Angebote sorgen bei Zeitforscher Geißler für Schmunzeln: "Der Kapitalismus ist so stabil, weil er erst Probleme und Sehnsüchte schafft und diese dann für sich zum Geschäft macht." Noch nie habe man für Ruhe so viel zahlen müssen wie heute. "Wir müssen einfach wieder lernen, den Augenblick zu schätzen", rät Autor Klein. Teetrinken mit dem Partner, Kochen, Spazierengehen: "Wir brauchen Zonen, in denen wir uns ausklinken, Computer und Handys aus sind und wir keine Entscheidungen treffen müssen."

(www.zeitpolitik.de; www.zukunftsinstitut.de; www.boeckler.de; www.agentcs.de; www.ptb.de)

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