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WM Qualifikation Färöer - Deutschland "Das Spiel findet eh nicht statt"

Fredi Bobic erinnert sich an das mühevolle 2:0 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft im Sommer 2003 unter schwierigen Bedingungen auf den Färöern.

10.09.2013 06:57
Jan Christian Müller
Der Nebel hatte sich verzogen: Deutsche Spieler vor zehn Jahren vor ungewöhnlicher Kulisse. Foto: imago

Fredi Bobic war vor etwas mehr als zehn Jahren der letzte deutsche Spieler, der für die deutsche A-Nationalmannschaft auf den Färöern getroffen hat. Der mittlerweile 41-Jährige erinnert sich noch gern an den Abend im kleinen Stadion von Torshavn, in dem mittlerweile ein Kunstrasen liegt. Der Sportvorstand des VfB Stuttgart ist sicher, dass es die deutsche Mannschaft heute Abend (20.45 Uhr, ARD) auf dem artifiziellen Geläuf leichter haben wird als die deutsche Mannschaft im Juni 2003 auf einer besseren Schafswiese.

Herr Bobic, wie war das damals mit ihrem späten Tor?

Ich bin angeschossen worden, so ähnlich wie Miroslav Klose am Freitag gegen Österreich. Wir haben ständig voll nachgepresst. Irgendwann mussten die Tore fallen. Es war ein lustiges Spiel auf einer coolen Insel. Ich werde das nie vergessen. Von der Insel, auf der der Flughafen gelegen ist, geht es durch einen ziemlich tiefen Tunnel unterm Meer auf die Insel mit dem Stadion.

Wie waren die Bedingungen im Spiel?

Schwierig: Wechselnde Winde, mitten im Nordatlantik. Brutal! Dazu komisches Gras auf sehr tiefem Boden, und zu Spielbeginn eine Sicht von kaum mehr als fünf Metern. Als ich morgens aus der Herberge geschaut habe, habe ich im Grunde gar nichts gesehen und war mir sicher: Das Spiel findet eh nicht statt, das muss wegen Nebels abgesagt werden.

Das Hotel war eher schlicht?

Ja, es war eine bessere Jugendherberge. Wir haben in einem Trakt geschlafen, die Färinger im anderen Trakt. Ich fand es klasse, zumal wir direkt danach drei Wochen Urlaub hatten. Es war damals das letzte Saisonspiel.

Sie brauchten 89 Minuten, um durch Klose 1:0 in Führung zu gehen, in der 92. Haben Sie dann den 2:0-Endstand erzielt.

Davor habe ich dreimal den Pfosten getroffen, der Torwart hat überragend gehalten. Wir hatten 35:0 Torschüsse. Wenn das Spiel noch fünf Minuten länger gedauert hätte, hätten wir wahrscheinlich 10:0 gewonnen.

Jetzt übertreiben Sie aber!

Aber nur ein bisschen, die Färinger waren fix und fertig, so viel sind sie gelaufen, und ich muss sagen: Die haben das wirklich gut gemacht! Ganz ehrlich: Wir brauchten nur dieses blöde Tor. Wenn wir es nach fünf Minuten gemacht hätten, hätten wir wahrscheinlich wirklich 10:0 gewonnen. Wir waren nämlich eigentlich gut drauf.

Sogar Carsten Ramelow, der super defensive Mittelfeldspieler, hat den Pfosten getroffen.

Da sehen Sie, wie überlegen wir waren.

Oliver Kahn musste zur Pause mit Sehstörungen ausgewechselt und durch Frank Rost ersetzt werden!

Da hat der Olli wohl den falschen Fisch gegessen (lacht). Nein, im Ernst: Der Fisch auf den Färöern war fantastisch.

Michael Ballack fehlte auch. Wadenprobleme. Was bedeutete das damals für die deutsche Mannschaft?

Da fehlte uns vor allem seine Torgefahr aus dem Mittelfeld. Ich habe immer gern mit ihm zusammengespielt. Obwohl er manchmal auch nicht zu sehen war, wie wir alle damals hin und wieder.

Miro Klose hat seinerzeit als Einwechselspieler für Jens Jeremies sein 15. Länderspiel gemacht. Verrückt, dass er immer noch dabei ist, oder?

Wahnsinn! Er hatte damals eine schlechte Phase und hat wenig gespielt. Es war die Zeit, als für mich meine zweite Karriere in der Nationalmannschaft begann.

Sie waren zwischen 1998 und 2002 vier Jahre lang nicht nominiert worden, ehe Rudi Völler Sie plötzlich wieder aus dem Hut zauberte, prompt schossen Sie Tore am Fließband.

Ich habe mich über Völlers Anruf sehr gefreut. Ehrlich gesagt, dachte ich zunächst, da wäre irgend so ein Witzbold vom Radio am Telefon, aber es war dann wirklich der Rudi. Ich spielte damals für Hannover 96 und war gut drauf. Ich war sehr entspannt, es hat total Spaß gemacht mit den jungen Burschen. Kevin Kuranyi hat sein Debüt gegeben, Poldi, Schweini und Lahm. Ich bin dankbar gewesen für diese zwei Jahre in der Nationalmannschaft. Die Zeit hat mir einen Teil der vorher verlorenen Jahre zurückgegeben.

Verlorene Jahre?

Ja, ich hatte zuvor auch mit Borussia Dortmund ordentlich gespielt, wie waren in der Champions League, und plötzlich war ich dennoch nicht mehr in der Nationalmannschaft dabei. Von heute auf morgen ohne richtige Begründung. Damals war es so: Wenn du eine schlechte Phase hattest, warst du schnell raus. Ulf Kirsten, Stefan Kuntz und sogar Oliver Bierhoff haben das auch erlebt. Das ist inzwischen anders, und das gönne ich den Jungs.

Drei Monate nach dem Spiel auf den Färöern spielte Deutschland 0:0 in Island. Der Wutausbruch von Rudi Völler ist Legende. Warum haben Sie dort eigentlich nur auf der Bank gesessen?

Das müssten wir noch mal gemeinsam den Rudi fragen. Er hätte sich eine Menge ersparen können, wenn er mich gebracht hätte (lacht). Aber bei mir war es halt oft so: Ich musste immer besonders gut spielen, damit ich auch im nächsten Spiel dabei sein darf.

Sie hätten in Island vermutlich ein Tor geschossen, so wie ein paar Tage später in der EM-Qualifikation beim 2:1 gegen Schottland. Bei der EM 2004 in Portugal lief es dann nicht so gut. Was war los?

Ich wusste schnell, dass wir dort nichts reißen würden. Aber das hatte nichts mit Rudi Völler zu tun oder mit einzelnen Spielern. Der Generationswechsel war schon angelaufen, ohne dass eine richtige Mischung gefunden war. Eigentlich hätten wir mit den alten Säcken durchspielen müssen, die auch die Qualifikation gespielt hatten, aber da war der Jugendwahn schon ausgebrochen, obwohl die Jungs noch nicht ganz so weit waren.

Für Sie war die Europameisterschaft dann auch das Ende in der Nationalmannschaft. Waren Sie sehr betrübt?

Nein, ich war froh. Jürgen Klinsmann hat mich angerufen und mir gesagt, dass er mit jungen Leuten etwas aufbauen will. Das konnte ich gut verstehen und habe ihm gesagt, er soll halt anrufen, wenn er mich alten Sack noch mal braucht.

Interview: Jan Christian Müller

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