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Wirre Träume Österreich zeigt vorab das "Wunder von Wien"

Vermutlich ist die kühne Idee den bitteren Realitäten geschuldet. Ansonsten hätte das österreichische Fernsehen ORF kaum einen Film über das "Wunder von

29.05.2008 00:05

Vermutlich ist die kühne Idee den bitteren Realitäten geschuldet. Ansonsten hätte das österreichische Fernsehen ORF kaum einen Film über das "Wunder von Wien" produziert, ehe die EM im eigenen Land überhaupt begonnen hat. Am 6. Juni wird das Werk des Satirikers David Schalko ausgestrahlt, in dem Teamchef Josef Hickersberger erzählt, wie der Halbfinalsieg gegen Deutschland gelang und danach sein unterschätztes Ensemble tatsächlich Europameister wurde. In dem Streifen sind weinende deutsche Fans zu sehen, und Gerhard Delling und Günter Netzer heucheln im ARD-Studio Bestürzung vor. Alles wirkt in der 45-minütigen Parodie echt; die Darsteller - von Franz Beckenbauer bis Hans Krankl und Otto Rehhagel - sind es auch. Ausschnitte sind bereits unter www.youtube.com zu sehen - und in der Alpenrepublik ein Renner.

Man muss wohl aus deutscher Distanz verstehen, dass Österreich ein Sommermärchen inszeniert, ehe tatsächlich eines stattgefunden hat. Denn eigentlich spricht alles dafür, dass nach den drei Gruppenspielen gegen Kroatien (8. Juni), Polen (12. Juni) und Deutschland (16. Juni) die große Ernüchterung einkehrt.

Hickersberger mahnt

Auch deshalb mahnt Hickersberger gebetsmühlenartig die breite Unterstützung an. "Ich spüre noch nicht, dass es allen Österreichern bewusst ist, dass diese Spiele die Spiele unseres Lebens werden." Der beredte 60-Jährige, der nach dem legendären 3:2 gegen Deutschland in Cordoba am 21. Juni 1978 als Spieler aus der ÖFB-Auswahl zurücktrat, versucht sich an der Quadratur des Kreises. Der Amstettener sagt, der 101. der Fifa-Weltrangliste sei der größte Außenseiter, der je bei einer EM gestartet sei. Einerseits. Andererseits muss er seinen Auserwählten weismachen, dass die klitzekleine Chance aufs Viertelfinale mutmaßlich groß ist. Aber: Seine aktuelle Auswahl ist taktisch und technisch längst nicht so gut ausgebildet wie jene Nationalelf, die "Hicke" schon zwischen 1987 und 1990 anleitete. Damals führte Andreas Herzog, heute loyaler Assistent, noch Regie im Mittelfeld; stürmte Toni Polster, heute einer der schärfsten Kritiker.

"Eigentlich kommt diese EM für viele Spieler fast zu früh", gesteht Herzog, "denn den Leistungshöhepunkt haben einige noch vor sich." Der gebürtige Wiener denkt dabei an Verteidiger Sebastian Prödl, 23, der nun von Sturm Graz zu Werder Bremen wechselt. An Christian Fuchs, den laufstarken Linksfuß, 22, oder Erwin Hoffer, den stürmenden Irrwisch, 21. Und an Andreas Ivanschitz, Spielmacher und Kapitän, 24 Jahre jung, bei Panathinaikos Athen unter Vertrag. In Griechenland eher Mitläufer, in Österreich uneingeschränkter Herrscher. "Er hat das gewisse Extra", sagt Herzog und wird unweigerlich an seine besten (Bremer) Zeiten erinnert. Ohne den Esprit des Linksfußes geht im Vorwärtsspiel kaum etwas.

In der Vorbereitung haben die Deutschen übrigens als Vorbild gedient. Regenerationstrainingslager auf Sardinien, psychologische Betreuung und ein erweiterter Trainerstab - frühzeitig hatte Herzog Kontakt mit Jürgen Klinsmann aufgenommen. Von Klinsmann könnte auch die Idee stammen, drei Torhüter lange über ihren Status im Unklaren zu klaren. Vor dem jüngsten Testspiel gegen Nigeria beantwortete sich die T-Frage dann aber von selbst: Bei Helge Payer, Tormann von Meister Rapid Wien, wurde urplötzlich ein Teilverschluss von einzelnen Venen im Bauch festgestellt, für ihn der Hoffenheimer Schlussmann Ramazan Özcan nachnominiert. Als unangefochtene Nummer eins geht nun der Ex-Kaiserslauterer Jürgen Macho ins Turnier, der nebenbei am Dienstag beim 1:1 in Graz auch eine Rolle spielte, die tatsächlich für einen filmreifen Helden taugen würde.

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