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Paralympics Die Nische in der Nische

Rollstuhlcurling ist ein faszinierender Sport, der auf einem winzigen Fundament fußt.

Rollstuhl-Curling
Rollstuhlcurling ist Teamarbeit: Harry Pavel (links) stoppt die Zeit, und Heike Melchior gibt Christiane Putzich Halt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

Die deutschen Rollstuhlcurler verstehen sich, auch ohne lange zu sprechen. Sie denken Spielzüge voraus, prüfen die Beschaffenheit des Eises, geben sich Zeichen, manchmal ein Kopfnicken, manchmal ein Augenaufschlag. Mit einem teleskopartigen Stab wird das zwanzig Kilo schwere Spielgerät auf die Bahn geschickt. Der Stein gleitet kerzengerade, die Spieler blicken hinterher, fast flehentlich. Die nachträgliche Korrektur durch Wischen wie bei den olympischen Kollegen ist nicht gestattet. Kurz vor dem Ziel macht der Granitblock einen kleinen Schwenk, direkt ins kreisförmige Ziel, das „Haus“.

Rollstuhlcurling erfordert Gefühl, Genauigkeit, und ja, auch Ausdauer. Im Morgengrauen sind die deutschen Spieler im paralympischen Dorf aufgebrochen, und 19 Stunden später, nach Mitternacht, werden sie wieder in ihren Betten liegen. Fast jeden Tag müssen sie bei den Paralympics in Pyeongchang zwei Spiele bestreiten, mit einer Dauer von zweieinhalb Stunden. „Wir beschweren uns nicht“, sagt Teammanagerin Petra Schlitt auf der Tribüne. „Wir genießen jeden Moment.“ Die Halle in der Küstenstadt Gangneung ist zu zwei Dritteln gefüllt. Familien, Senioren und Schulklassen scheint es ähnlich zu gehen: Sie staunen. Für das deutsche Team stehen nach dem vierten Wettkampftag vier Siege und drei Niederlagen zu Buche. Bei vier ausstehenden Spielen ist der Einzug ins Halbfinale weiterhin möglich.

Weltklasse im Rollstuhl

Spätestens seit ihrer Kommerzialisierung in den vergangenen zehn Jahren umgibt die Paralympics eine Bewunderungskultur. Menschen mit Beeinträchtigungen laufen kraftvoller, springen höher, rasen schneller den Abhang herunter als die meisten Menschen ohne Behinderung. Doch Rollstuhlcurling zählt zu den Sportarten, die einen zweiten Blick erfordern. Die fünf Mitglieder des deutschen Teams haben ein Durchschnittsalter von knapp 52 Jahren. Ihr Körpermaßindex entspricht nicht dem Ideal – trotzdem sind sie Weltklasse. „Rollstuhlcurling hinterfragt die gängigen Idealvorstellungen von Leistungssport“, sagt Thomas Abel, Paralympics-Experte der Sporthochschule Köln. Nicht „Höher, schneller, weiter“, sondern: Taktischer, präziser, geduldiger.

Das Fundament für diese Faszination ist klein. Anfang des Jahrtausends entstanden die ersten Teams. Das Internationale Paralympische Komitee IPC nahm Rollstuhlcurling 2004 auf. Bei den bisherigen drei Weltspielen gewann Kanada Gold, aktueller Weltmeister ist Norwegen. Mittlerweile wird Rollstuhlcurling in 25 Ländern betrieben, besonders intensiv auch in der Schweiz, Schottland, China oder Russland. In Deutschland besteht die Szene aus einem größeren Bekanntenkreis. Es gibt zwar etliche privat betriebene Eishallen, aber nur wenige können für eine Curlingbahn hergerichtet werden. Und noch weniger sind zugänglich für Rollstuhlfahrer. „Wir sind eine Nische in der Nische“, sagt Petra Schlitt. „Wir suchen dringend Nachwuchs.“

Rund neun Prozent der Deutschen haben eine schwere Behinderung. Von diesen rund sieben Millionen Menschen sind 17 000 querschnittsgelähmt, zum Vergleich: 340 000 haben eine Sehbehinderung. In dieser kleinen Gruppe sind zwei Prozent im Alter zwischen 18 und 25, wofür sich der Leistungssport am meisten interessiert. Berücksichtigt man, dass in fast allen Bereichen, ob Sport, Musik oder Wissenschaft, zwei Prozent der Beteiligten als hochbegabt gelten, so ist die Zukunft des Rollstuhlcurlings mehr als fraglich. Die Zielgruppen sind winzig – aus medizinischer Sicht ist das natürlich eine gute Nachricht.

Trotzdem denken die Sportarten an ihr Fortbestehen, und das verlief in der Geschichte des Behindertensports nicht immer reibungslos, wie der Historiker und Buchautor Bernd Wedemeyer-Kolwe nachgezeichnet hat. Es waren anfangs vor allem Versehrte aus dem Zweiten Weltkrieg, die auf einen Rollstuhl angewiesen waren, aber auf Sport nicht verzichten wollten. In den Jahrzehnten danach bestand immer wieder auch Distanz zwischen körperlich behinderten, gehörlosen oder sehgeschädigten Sportlern. Es entstanden Untergruppen und Fachverbände, 1977 auch der Deutsche Rollstuhl-Sportverband, mit nunmehr mit 9000 Aktiven in 330 Vereinen. Zu den 28 Sportarten zählen Basketball, Tennis, Handbike oder Fechten. Aber auch Boccia, Yoga oder Tischkicker.

Es geht bei der Mitgliederbewerbung zwischen den Rollstuhlsportarten manchmal etwas ruppig zu, aber das ist in der olympischen Welt nicht anders. Der Forscher Thomas Abel betrachtet es als Vorteil, dass Menschen nach Unfällen oder Krebserkrankungen ein so großes Bewegungsangebot vorfinden, allerdings mit regionalen Konzentrierungen. Auch die deutschen Curler haben nach Schicksalsschlägen Zuversicht geschöpft und Freundschaften geschlossen. „Die Szene ist hervorragend vernetzt und wir kommen international gut rum“, sagt Teammanagerin Petra Schlitt. Sie wünscht sich gemeinsame Mitgliederaktionen zwischen den Rollstuhlsportarten. Und sie wünscht sich junge Mitglieder, die nicht vor der alten Eisfläche zurückschrecken. Dafür gibt’s Tee und beheizte Fußsohlen.

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