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Biathlon-Skandal Prostitution und Korruption beim Biathlon

Der Biathlon-Sumpf wird immer tiefer. Die ehemaligen Bosse des Biathlon-Weltverbandes geraten in die Kritik. Der IBU-Skandal verdeutlicht, dass die russische Staatsdopingaffäre noch längst nicht ausgestanden ist.

16.04.2018 17:34
IBU-Präsident Anders Besseberg
Er soll Schmiergeld bekommen, auf Jagdausflüge eingeladen worden sein und die Dienste von Prostituierten angenommen haben: der ehemalige IBU-Präsident Anders Besseberg. Foto: afp

Bezahlte Jagd-Ausflüge, Besuche bei Prostituierten, Stimmenkauf: Die in einem Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur formulierten Vorwürfe gegen den zurückgetretenen Biathlon-Boss Anders Besseberg gehen weit über Vertuschung russischer Doping-Proben hinaus. Der WADA-Report, der der ARD-Dopingredaktion vorliegt, legt nahe, dass Russland mit Hilfe von Bestechung seit mehr als einem Jahrzehnt im Weltverband IBU quasi Narrenfreiheit genoss.

Nicht nur der Biathlon-Skandal belegt zudem, dass der russische Staatsdopingskandal noch längst nicht ausgestanden ist. Die WADA bestätigte der ARD, dass die Auswertung der Daten aus dem Moskauer Kontrolllabor 9000 auffällige Proben ans Tageslicht beförderte, die geschätzt 4500 Athleten betreffen.

Die WADA hat mittlerweile 60 Sportverbände informiert, die unter WADA-Anleitung die Verdachtsfälle untersuchen sollen. Im vergangenen November war die oberste Anti-Doping-Behörde durch einen Whistleblower an das sogenannten Laboratory Information Management System (LIMS) des Moskauer Kontrolllabors gelangt. Die gigantische Datensammlung beinhaltet alle Testergebnisse zwischen Januar 2012 und August 2015.

Die Behörden, die gegen den mittlerweile zurückgetretenen norwegischen IBU-Präsidenten Besseberg und die deutsche Generalsekretärin Nicole Resch ermitteln, gehen unterdessen nicht nur dem Verdacht nach, dass seit 2011 65 Dopingfälle russischer Biathleten vertuscht worden seien. Die WADA wirft Besseberg vor, dass dieser sich in den vergangenen 15 Jahren von den Russen nach allen Regeln der Kunst hat schmieren lassen.

Von bezahlten Jagdausflügen nach Russland ist die Rede, von der Vermittlung von Prostituierten. Besseberg soll als Gegenleistung unter anderem im Jahr 2016 proaktiv die Vergabe der WM 2021 an die russische Stadt Tjumen forciert haben, obwohl der Staatsdopingskandal gerade den Weltsport erschütterte. Für den Stimmenkauf zugunsten Tjumens, so behauptet die WADA, sollen bis zu 100 000 Euro an Mitglieder des IBU-Boards geflossen sein. Im Februar 2017 zog die IBU die WM-Zusage für Tjumen auf öffentlichen Druck wieder zurück.

Besseberg habe sich gegenüber Russland „unglaublich loyal und unterstützend“ gezeigt, schreibt die WADA. Resch habe im Verband praktisch die alleinige Hoheit über das Doping-Verwaltungsprogramm gehabt und anderen IBU-Mitarbeitern den Zugang verwehrt. Das alles soll unter anderem dazu beigetragen haben, dass in der vergangenen Saison im Welt- und IBU-Cup 17 von 22 russischen Athleten gedopt an den Start gegangen sind – und unbehelligt blieben.

Die seit Ende 2017 laufenden Ermittlungen der österreichischen Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKSTA) in Wien gegen Besseberg und Resch sowie russische Sportler und Betreuer gehen weiter. Die WKSTA bestätigte dem norwegischen Sender NRK am Montag, dass insgesamt gegen zehn Personen wegen Dopingbetrugs und gegen zwei Personen – dabei dürfte es sich um Besseberg und Resch handeln – wegen Korruption ermittelt werde.

Besseberg hatte sich zuletzt demonstrativ gelassen zu den Vorwürfen geäußert und die WADA attackiert. „Ich habe gehört, die WADA hat die Untersuchungen initiiert. Ich denke, sie sind in einer deprimierenden Situation. Sie haben nur Rodtschenkow als Zeugen und sonst nichts. Und es ist klar, dass ihm niemand glaubt“, sagte Besseberg der norwegischen Tageszeitung Dagbladet: „Ich denke, sie (die WADA, d. Red.) bekommen ein bisschen Panik.“ Am Montag war er für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Ob sich die WADA bei ihren Vorwürfen tatsächlich ausschließlich auf Aussagen des in die USA geflohenen russischen Whistleblowers Gregorij Rodtschenkow stützt, ist ungewiss. Laut der französischen Sporttageszeitung L‘Equipe beruft sich der Report auf mindestens einen weiteren Hinweisgeber.

Klar ist dagegen, dass Staatsanwaltschaften in Österreich, Norwegen und Deutschland die Anschuldigungen als seriös genug einstuften, um Hausdurchsuchungen durchzuführen. Eine WKSTA-Sprecherin sagte NRK am Montag, man habe so viel Beweismaterial gesammelt, dass die Aufarbeitung Monate in Anspruch nehmen werde.

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