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Werder Bremen In Luft aufgelöst

Der Pizarro-Effekt ist verpufft: Binnen acht Tagen empfiehlt sich der SV Werder Bremen als ein Abstiegskandidat.

27.09.2015 14:05
Zuspruch oder Unterredung? Werder-Trainer Viktor Skripnik mit Geschäftsführer Thomas Eichin. Foto: dpa

Sollte der SV Werder ein zweites Mal in seiner Vereinsgeschichte absteigen, dann ginge nicht nur Bremen, sondern auch der Bundesliga viel verloren. Kaum ein Verein investiert personell und materiell so viel in sein soziales Engagement. Beispielsweise stand das Bundesligaspiel im Weserstadion gegen Bayer Leverkusen (0:3) unter dem Motto „Gemeinsam für Inklusion“. Tatsächlich schienen die geladenen Behinderten die ihnen gewidmeten Aufgaben als Glücksmomente zu begreifen – so wie der 19-Jährige mit Down-Syndrom, der den Stadionsprechern Arnd Zeigler und Christian Stoll assistierte.

Es ist, wie Präsident Hubertus Hess-Grunewald herausstellte, ein besonderer Spieltag gewesen. Doch dummerweise wird dieser Samstag auch noch aus einem anderen Grund an der Weser im Gedächtnis bleiben. Als der Tag, an dem Viktor Skripnik mit seinen Spielern die Geduld verlor. Noch nie seit seinem Amtsbeginn als Bundesligatrainer vor knapp einem Jahr ist der gebürtige Ukrainer so auf Distanz gegangen.

„Ich habe keine Erklärung für diese zweite Hälfte. Das war eine Katastrophe“, grantelte der 45-Jährige, dessen Ausführungen in der Feststellung gipfelten: „So schwach habe ich uns noch nie gesehen. Wenn wir so weiterspielen, sind wir ein Abstiegskandidat.“ Am Tag danach hielt Skripnik die angekündigte Krisensitzung ab. „Ich habe kein Theater gemacht, aber ich bin unangenehm und lauter geworden“, berichtete am Sonntagmorgen der Familienvater, der nach eigenem Bekunden im Fußball „alles erlebt“ hat und weiter kämpferisch bleiben will: „Ich bin nicht ratlos. Wir schmeißen kein weißes Handtuch raus.“

Nirgendwo zeigt der Trend gerade so steil nach unten wie bei den Grün-Weißen, auf die nach der Länderspielpause die fast unlösbaren Heimaufgaben gegen Bayern München (17. Oktober) und Borussia Dortmund (31. Oktober) warten. Weil sich die Aufsteiger Ingolstadt (0:1) und Darmstadt (1:2) wie im Selbstbedienungsladen fühlen durften und Leverkusen gleich zwei Nummern zu groß war, haben sich die Bremer für das kommende Nordderby in Hannover mächtig in die Bredouille gebracht.

„Wir müssen am Samstag ein unangenehmer Gegner sein“, flehte Geschäftsführer Thomas Eichin, der zudem darum bangen muss, ob sein für die Kaderplanung zuständiger Sportdirektor Rouven Schröder nicht den Abflug zu den Niedersachsen macht. Eichin war es „unerklärlich“, wie wehr- und willenlos sich die maßgeblich von ihm und Schröder zusammengestellte Mannschaft in die Niederlage fügte: „Als hätte man den Stecker gezogen oder uns Schlafmittel in das Getränk gemischt.“ Der 48-Jährige sprach nach der Partie von einem „blamablen Auftritt“.

Eigens hatte der Trainerstab Szenen von vor sieben Monaten zusammengeschnitten, als Werder am dritten Rückrundenspieltag den Champions-League-Kandidaten aus Leverkusen mit totaler Hingabe in die Knie gezwungen hatte. „Lukimya, Vestergaard, Junuzovic – es waren dieselben Leute gewesen, nur mit einer anderen Körpersprache“, bemerkte Skripnik. Nach den vielen Notverkäufen auf der Zielgeraden der Transferperiode erweist sich das Aufgebot bereits am siebten Spieltag als deutlich zu dünn – der Kader ist wegen der angespannten Kassenlage bewusst auf Kante genäht.
Die Folge davon: Nach den Sperren von Philipp Bargfrede und Fin Bartels, den Ausfällen von Ulisses Garcia und Aaron Johansson gab es kaum noch Alternativen. Luca-Milan Zander und Marcel Hilßner, die eigentlich zum Drittliga-Aufgebot gehören, liefen nach ihrer Einwechslung mit offenen Mündern nur nebenher – und zahlten bitteres Lehrgeld. „Unser Weg geht nur über die jungen Leute“, verteidigte sich Skripnik, „irgendwann müssen sie Bundesligaluft schnuppern.“

Wenn indes seine Leitfiguren wie der noch nicht vollständig genesene Zlatko Junuzovic oder der nicht austrainierte Rückkehrer Claudio Pizarro keinen Halt geben, dann bricht das wankelmütige Gebilde wie ein Kartenhaus zusammen. Der Pizarro-Effekt ist verpufft. Dessen erster Auftritt über 90 Minuten wirkte ernüchternd: Der bald 37-Jährige lief lediglich 9,86 Kilometer und gewann nur jeden dritten Zweikampf – wenn er ihnen nicht vorher bereits aus dem Weg ging.

Trotzdem beteuerte Skripnik: „Claudio war unser cleverster Mann.“ Klug war es vom peruanischen Publikumsliebling aber gewiss nicht, nach dem Sieg in Hoffenheim das Wort Champions League in den Mund zu nehmen. Davon sind die Hanseaten derzeit weiter weg als die Erde vom Mond. Und ganz nebenbei: Für die Königsklasse hat auch der erfolgreichste ausländische Torjäger der Bundesligageschichte nicht mehr die Klasse. Auch für ihn kann es bei seinem Herzensverein eigentlich nur darum gehen, sich den guten Ruf nicht noch mit einem Abstieg zu ruinieren. Aber wie sagte Skripnik: „Die Qualität nicht abzusteigen, haben wir zu 100 Prozent.“

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