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Wembley-Stadion Feld der Träume

Das Londoner Wembley-Stadion ist die berühmteste Sportarena der Welt – und es ist der Ort, an dem nicht nur einmal deutsche Fußballgeschichte geschrieben wurde. Heute spielen dort der FC Bayern München und Borussia Dortmund um den Titel in der Champions League.

24.05.2013 19:17
Die „Kathedrale des Fußballs“, wie Pele einmal sagte: Das Wembley Stadion. Foto: imago sportfotodienst

Das Londoner Wembley-Stadion ist die berühmteste Sportarena der Welt – und es ist der Ort, an dem nicht nur einmal deutsche Fußballgeschichte geschrieben wurde. Heute spielen dort der FC Bayern München und Borussia Dortmund um den Titel in der Champions League.

Ein Fußballergebnis ist eine eindeutige Sache – 0:0, 3:2, 4:2. Doch alle Logik endet, wenn man nach Wembley kommt. Hier wird ein 3:2 zweideutig, mehrdeutig, dreidimensional; hier wird es mit Bedeutung aufgepumpt, bis es prall und rund ist wie Lederball und von allen Seiten mit dem gleichen Anspruch auf Wahrhaftigkeit ausgelegt werden kann.

Bei der Besucher-Tour durchs Stadion von Wembley wird vorgemacht, wie das geht: Der Stadionführer erzählt dieser Tage, vor dem Champions-League-Finale zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund, die Geschichte vom WM-Endspiel 1966 zwischen England und Deutschland. Und zwar zunächst für die britischen Zuhörer in seiner Gruppe: Demnach war der Treffer von Geoff Hurst, bei dem der Ball von der Unterkante der Latte nach unten knallte, „etwa zwei Fuß hinter der Torlinie“ – das wären umgerechnet gut und gerne sechzig Zentimeter.

Dann legt er die Version für seine deutschen Besucher nach, die traditionell in ganzen Busladungen zur Arena kommen. In dieser deutschen Version war der Ball nur knapp hinter der Linie: Zentimeter, Millimeter vielleicht. Möglicherweise, so gibt der Stadionführer schließlich zu, mit vollem Umfang auch überhaupt nicht. Fakt ist nur, sagt er dann, dass diese Torlatte „das wichtigste Stück Holz in der Geschichte des englischen Fußballs ist“. Und dass dieses Stück in diesem Moment genau über den Köpfen der Besucher hängt.

Heute schmückt die Torlatte des Finales von 1966, in dem die Engländer dank eines sowjetischen Linienrichters zu ihrem bis dato einzigen WM-Titel kamen, als Ausstellungsstück den Eingangsbereich des neuen Wembley-Stadions. Sie wurde unter die Decke gezogen, ähnlich einem Dinosaurierknochen in einem Naturkundemuseum. Dass direkt unter dieser Latte die Tickets für die Teilnehmer der Besichtigungstour abgeknipst werden, sagt einiges über den Umgang der Briten mit dem Stadionmythos.

„It’s monstrous.“

Dietmar Hamann, der frühere deutsche Nationalspieler, der seit fünfzehn Jahren in England lebt, findet es ebenfalls schwer, gegenüber Wembley eine eindeutige Gefühlslage zu finden. Im alten weißen Oval mit den berühmten Zwillingstürmen ist ihm ein wahrhaft historischer Treffer gelungen. Sein Freistoßtor am 7. Oktober 2000 zum 1:0 gegen England besiegelte nicht nur das Schicksal der Elf von Kevin Keegan in der WM-Qualifikation, sondern auch das Ende des damals 77 Jahre alten Stadions. Es war nur ein Kullerball, aber das letzte Tor, das im alten Wembley fiel. „Das alte Stadion atmete Geschichte“, schwärmt Hamann, heute 39 Jahre alt: „Es war ein bisschen in die Jahre gekommen, aber trotzdem die wahrscheinlich berühmteste Fußballarena der Welt.“ Und den Neubau mag er nicht? „No“, sagt er in schnörkellosem Liverpooler Englisch: „It’s monstrous.“ Also: Grässlich. Monströs.

Nach Hamanns Tor rollten die Bagger ins Stadion. Ein 35 Tonnen schwerer Bulldozer deutscher Fertigung mit dem Namen Goliath walzte die Tribünen platt; die britische Presse kommentierte es mit bitterer Ironie. Sieben Jahre dauert es, bis der neue Rundbau stand mit der henkelartigen, von Norman Foster entworfenen Dachkonstruktion. Nichts vom alten Gebäude ist übriggeblieben. Nur die Trümmer der Zwillingstürme, heißt es, liegen unterm Fundament des Rasens. Form, Flair, Fassaden sind verschwunden. Doch der Mythos lebt.

Kartenbesitzer empfinden normalerweise das Gegenteil, wenn sie den breiten Olympic Way vom U-Bahnhof Wembley Park zum Stadioneingang hinuntergehen: gelöste Vorfreude. Zudem sind Champions-League-Finals meist relativ entspannte Veranstaltungen, und Londons Polizei will das Erlebnis für die ausländischen Zuschauer so angenehm wie möglich machen, gerade nach der Terrorattacke auf einen Soldaten am anderen Ende der Stadt vor drei Tagen. Für die Polizei ist es Routine, in jeder Fußballsaison die Sicherheit bei den Heimspielen von sechs Londoner Erstliga-Klubs zu garantieren; die Einsatzpläne haben sich zuletzt beim Londoner Marathon und bei den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr bewährt. 1?200 zusätzliche Beamte schickt Scotland Yard auf die Straßen; Fußballfans, heißt es, könnten sich ohne Bedenken auf dem Weg nach Wembley machen.

Wie Trockenschwimmen

Einen Vorgeschmack auf das, was beim Finale zu erwarten ist, haben die Stadion-Tour-Besucher vor zwei Wochen erlebt, ehe die Arena in der Vorbereitung auf das Ereignis für das Publikum schloss. Die Besichtigung von menschenleeren Sportstätten, wie grandios auch immer, ist ein bisschen wie Trockenschwimmen. Aber als die bunt gemischte Gruppe in den Pressekonferenzraum kam, brach sich dann doch Begeisterung Bahn. Nach den Engländern setzten sich, anfangs zögerlich, auch Dortmunder Schüler auf den Platz, auf dem in der Nacht nach dem Spiel auch Dortmunds Trainer Jürgen Klopp sitzen wird. Die Umstehenden packten ihre Handy-Kameras aus und fragten grinsend in bester Sportschau-Manier: „Na, Kloppo, wie war das Spiel?“ Anschließend schritten sie die vier riesigen, in edlen Anthrazit- und Holztönen gehaltenen Kabinen ab – zwei für jedes Team. „Im alten Stadion waren die Umkleiden und Sanitäranlagen nichts, mit dem man hätte prahlen können“, sagt Dietmar Hamann. „Aber man hätte sich sogar in der Putzkammer umgezogen, um in Wembley spielen zu dürfen.“

Ein Teil des Mythos’ ist seiner Meinung nach darauf zurückzuführen, dass Wembley in seiner langen Geschichte ausschließlich als Schauplatz bedeutender Spiele diente. Das 1923 als „Empire Stadium“ für die Britische Weltreich-Ausstellung errichtete Rund hatte niemals einen Klub als Mieter. Es war Schauplatz der Olympischen Spiele 1948, Konzert-Arena und Ort für Hunderennen. Daneben sicherte sich der englische Fußball-Verband das Recht, hier seine Pokal-Finals und Länderspiele auszurichten. Unterklassiges Ballgestocher hat der heilige Rasen nie erlebt. „Wer immer hier spielte, durfte in der Überzeugung antreten: Dieses Match ist wichtig“, sagt Hamann. Ein Feld der Triumphe zu sein, ist Wembleys Bestimmung. Der Rasen, „glatt wie ein Billardtisch“, wie Günter Netzer einmal schwärmte, wurde mitunter zweimal am Tag gemäht.

Doch Wembley fand auch einen festen Platz in der deutschen Sportgeschichte. Das liegt nicht nur an dem umstrittenen Tor von 1966. Sondern auch daran, wie Deutschland, Westdeutschland vor allem, seinen Fußballbetrieb organisiert.

„Kathedrale des Fußballs“

Ostdeutschland hatte seinen festen Platz für alle wichtigen Sportereignisse: das Leipziger Zentralstadion. In der alten Bundesrepublik hingegen wurde mal in Hamburg, mal in München, dann in Köln oder Nürnberg gespielt: Es gab nichts, was einem Nationalstadion glich – wenn überhaupt, so kam über viele Jahre Wembley dieser Idee am nächsten. Denn in Wembley, der „Kathedrale des Fußballs“, wie Pele einmal sagte, verlor eine deutsche Mannschaft 1966 ihr unglücklichstes WM-Finale. In Wembley wurde 1972 die vielleicht beste DFB-Elf überhaupt geboren, mit Netzer, Beckenbauer, Müller: Das junge Team trat damals im Viertelfinal-Hinspiel der Europameisterschaft gegen eine überragende englische Mannschaft an und gewann 3:1 – es war der erste Sieg in Wembley, zwei Jahre darauf wurde diese Mannschaft Weltmeister. 1996 schließlich, ebenfalls in Wembley, nahm die Elf mit Sammer und Klinsmann den EM-Pokal aus den Händen der Queen entgegen. Und dann kam im Jahr 2000 der Hamann-Treffer, mit dem im alten Rund der Vorhang fiel. Das Spiel jedoch geht immer weiter. Um 20.45 Uhr ist am Sonnabend Anstoß: Dann wird in Wembley wieder Geschichte geschrieben.

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