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Weltmeister der Springreiter Der belgische Pferdeflüsterer

Mit dem letzten Ritt hätte Philippe le Jeune alles verderben können. Acht Strafpunkte durfte der belgische Springreiter sich in Lexington noch leisten - und bewies dann mit einem fehlerfreien Ritt, dass er ein würdiger Weltmeister ist.

10.10.2010 17:49
War in Lexington nicht aufzuhalten: Philippe Le Jeune. Foto: dpa

Carsten-Otto Nagel saß auf der Tribüne und applaudierte dem neuen Weltmeister. Philippe Le Jeune hatte mit vier Nullfehlerrunden das Finale der Springreiter gewonnen und Belgien das zweite Einzel-Gold der WM-Geschichte beschert, nachdem sein Landsmann Jos Lansink 2006 in Aachen diesen Erfolg feiern durfte. „Eine ganz starke Leistung, ein verdienter Sieger“, sagte Nagel, der als bester Deutscher auf Rang fünf das Viererfinale der Weltreiterspiele von Lexington hauchdünn verpasst hatte.

Le Jeune bedankte sich nach seinen glanzvollen Ritten zuerst bei allen vier Pferden mit kräftigen Umarmungen. Der 50-Jährige verwies im Finale mit Pferdewechsel immerhin den Olympiasieger Eric Lamaze (Kanada/Platz 3) und Rodrigo Pessoa (Brasilien/4) auf die Plätze. Silber holte überraschend Abdullah Al Sharbatly aus Saudi Arabien.

„Ich liebe Pferde mehr als Menschen. Ich bin glücklich, wenn sie sich wohlfühlen“

Bester Reiter des Turniers aber war Le Jeune, der sich in allen neun Runden keinen Abwurf erlaubte und zum wahren Champion avancierte. „Ich bin glücklich“, sagte der neue Weltmeister, für den der Pferdewechsel kein Problem, sondern ein Vergnügen dargestellt hatte. „Ich hatte viel Spaß. Ich habe abgewartet, welches Gefühl ich auf dem Rücken der anderen Pferde haben werde“, sagte der Mann aus Lennik unweit von Brüssel. „Mein Vater hat mir beigebracht, dass ich Tiere lieben soll. Ich liebe sie mehr als die Menschen“, sagte der Vater zweier Söhne und erklärte: „Ich bin glücklich, wenn sich Pferde bei mir wohlfühlen.“ Für den Pferdeflüsterer schloss sich in Lexington auf rührende Art und Weise der Kreis. Seinen bislang größten Erfolg hatte er 2002 bei der WM mit Bronze in der Mannschaft gefeiert. Sein Pferd war damals Nabab du Reve, Vater von Vigo, der ihn acht Jahre später in Lexington zu Teambronze und zum alles überstrahlenden Einzelgold trug. „Eine fantastische Geschichte, die es wohl nur einmal gibt“, jauchzte Le Jeune.

Der untersetzt wirkende Reit-Profi gehörte schon im Alter von 20 Jahren zum belgischen Team. Er hat viele Turniere gewonnen, der ganz große Sprung gelang ihm allerdings erst spät mit Vigo. „Als ich das Pferd 2007 bei der EM in Mannheim dabei hatte, wusste ich, dass es ein WM-Pferd wird“, sagte der neue Weltmeister.

Die große Entdeckung war Abdullah Al Sharbatly aus Saudi Arabien

Erlernt hat Le Jeune das Reiten ausgerechnet bei Rodrigo Pessoas Vater Nelson in der Nachbarschaft. Auch Lamaze und Al Sharbatly haben ihre Europa-Camps unweit von Brüssel. „Alle Final-pferde sind in Belgien zu Hause“, sagte der Sieger nicht ohne Stolz.

Pessoa war der große Verlierer des Abends. Mit Vigo leistete sich der Brasilianer zwei Abwürfe, am Ende wurde der Weltmeister von 1998 Vierter. Dennoch war Pessoa glücklich, immerhin liegen mit Scheidung und Doping-Affäre unglückliche Jahre hinter dem Olympiasieger von 2004. Lamaze, 2008 in Hongkong Olympiasieger, konnte sich immerhin damit trösten, dass sein Pferd Hickstead als einziger Vierbeiner im Finale keinen Fehler machte.

Die große Entdeckung war jedoch Al Sharbatly. Der 28-Jährige hatte ausgerechnet mit seinem Pferd Seldana zwei Abwürfe. Anschließend legte er mit den Pferden der Konkurrenz drei blitzsaubere Runden hin und ritt zu Silber. „Ich wollte mich hier eigentlich nur für Olympia 2012 qualifizieren“, erklärte der Araber mit den jugendlichen Gesichtszügen: „Nun freue ich mich. Das ist ein historischer Moment. Noch nie hat ein Springreiter aus dem Mittleren Osten bei Weltmeisterschaften eine Medaille gewonnen.“ ( sid)

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