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VfL Bochum Die Rückkehr des Bekloppten

Schnodderschnauze Peter Neururer findet, er sei genau der Richtige zur Rettung des Zweitligisten VfL Bochum. Der Trainer wartet seit mehr als drei Jahren auf ein solches Angebot.

08.04.2013 18:03
Jan Christian Müller
Peter Neururer wird der neue Trainer des Fußball-Zweitligisten VfL Bochum. Foto: dpa

Schnodderschnauze Peter Neururer findet, er sei genau der Richtige zur Rettung des Zweitligisten VfL Bochum. Der Trainer wartet seit mehr als drei Jahren auf ein solches Angebot.

Am Sonntagmittag hat bei einem der bekanntesten Fußballtrainer außer Dienst das Mobiltelefon geklingelt. Hans-Peter Villis, der Aufsichtsratsvorsitzende des VfL Bochum, meldete sich ein wenig aufgeregt. Da ahnte der TV-Experte Peter Neururer schnell, dass es ein guter Tag werden könnte. Denn Villis bat den 57-Jährigen um ein persönliches Gespräch. Am besten sofort. Vier Winter lang hatte Neururer auf einen solchen Anruf gewartet, und dann hat er „keine einzige Minute überlegt“.

Man traf sich im Kaminzimmer von Neururers bevorzugtem Golfclub, nicht weit von jenem Wasserhindernis am Loch 17 entfernt, an dem er im Juni vorigen Jahres einen Herzinfarkt erlitten hatte und hinterher drei Tage lang ins künstliche Koma versetzt werden musste. Peter Neururer ist ein erfahrener Öffentlichkeitsarbeiter in eigener Sache, und natürlich hatte er bald darauf zum Fototermin ins Krankenzimmer geladen und in stabiler Seitenlage den Daumen in die Höhe gereckt: Seht her, ich komme wieder.

Seitdem hat er sich zwar das Rauchen abgewöhnt und ernährt sich gesünder, doch zurückgekommen auf die große Fußballbühne war er nicht. Das Herz hat sich bald erholt, „nach vier Wochen war ich wieder fit.“ Aber die Seele hat gelitten in den vielen öden Stunden der Tatenlosigkeit, des sich nutzlos Fühlens daheim in Gelsenkirchen-Buer. Peter Neururer, der Heißmacher, hat das Nichtstun als puren Stress empfunden, umso mehr ist er jetzt „heiß, wieder anzufangen“. Er sei „kein Freizeittyp, der Status quo ging mir auf die Nerven“.

Neben Coach Karsten Neitzel muss auch Sportchef Jens Todt gehen. Neururer bedeutete dem Herrn Villis am Sonntag bei Kaffee und Kuchen also folgerichtig sein gesteigertes Interesse an einem Engagement beim VfL Bochum, sprach von einer „Herzensangelegenheit“ und versicherte dem Chef des Kontrollgremiums, dass er sich bei bester Gesundheit befinde. Er muss überzeugend gewesen sein, und außerdem war die Verzweiflung beim Drittletzten der Zweiten Bundesliga groß, weshalb am Sonntagabend im Beisein von Bochums Finanzchef Ansgar Schwenken alles klar gemacht wurde. Der nach einem 0:3 gegen Erzgebirge Aue auf den Relegationsrang 16 abgerutschte Klub stellte sowohl Trainer Karsten Neitzel als auch Sportvorstand Jens Todt frei.

Neururer soll es jetzt richten, und natürlich findet er, dass er ziemlich genau der Richtige für diesen wenngleich „sehr, sehr schweren“ Job ist. Oder vermutlich gerade deshalb, auch nach dreieinhalb Jahren, die er weitgehend mit TV-Einsätzen als Co-Kommentator bei Zweitligaspielen von Sport1, als Begleiter von Leserreisen bei bedeutenden Fußballspielen, als Sachverständiger bei Benefizveranstaltungen oder Laudator bei diversen Provinzgalas und schließlich als Co-Autor seiner eigenen Biografie überbrückte. Dreieinhalb Jahre, die er aber auch täglich, stündlich, minütlich auf diesen einen Anruf wartete ? und am Ende die Hoffnung fast aufgegeben hatte, als er verkündete: „Wenn kein Angebot mehr kommt, werde ich nicht mehr als Trainer und Sportdirektor arbeiten. Es sei denn, Köln, Schalke oder Bochum kommen.“

Dass es sich bei ihm um einen lebenden Anachronismus im deutschen Lizenzfußball handeln könnte, weist er entschieden von sich. „Das sehen Sie falsch“, sagt er sehr bestimmt am Handy, derweil im Hintergrund schon wieder das Festnetz klingelt. Dass Fürth lieber Frank Kramer als Peter

Neururer holte und Hoffenheim Markus Gisdol, Nachwuchsexperten alle beide, nun ja, das findet Neururer durchaus verständlich, denn hier wie dort sei in erster Linie nicht der kurzfristige Erfolg das Ziel, „da geht es nicht darum, zeitnah ein Problem zu lösen.“ Eilige Problemlöser, findet der Mann mit dem Schnauzer, bräuchten Erfahrung, „ein Verein, der sich in einer fast aussichtslosen Lage befindet, der wird keinen Trainer holen, der keinerlei Erfahrung hat.“ Erfahrung hat der zur Umtriebigkeit neigende Neururer reichlich. Seit bald 30 Jahren ist er Trainer, mehr als 500 Spiele in erster und zweiter Liga sind bis zum Rauswurf im Herbst 2009 beim MSV Duisburg zusammengekommen.

Für 15 Vereine hat er gearbeitet, oft genug als Feuerwehrmann im akuten Schadensfall, zwischen Dezember 2001 und Juni 2005 auch beim VfL Bochum, mit dem er 2004 gar in den Uefa-Cup einzog. Meist aber hatte sich Peter Neururer mit seiner sympathischen Schnodderschnauze schnell abgenutzt. Sein Selbstvertrauen hat darunter geraume Zeit nicht gelitten. Wenn es darum ging, hat er mal gesagt, dass der der Trainer mit dem größten Fachwissen ? Psychologie, Trainingslehre, alles Drum und Dran ? den größten Verein trainieren dürfte,. Und dann, na klar, „dann wäre ich bei Real Madrid.“

Nun also der VfL Bochum, ein Punkt und vier Tore schlechter als Dynamo Dresden davor auf dem ersten Nichtabstiegsplatz. Mit „äußerster Disziplin, Akribie und Leidenschaft“ will er seiner Arbeit nachgehen, verspricht er. Am Mittwochmorgen bittet er erstmals zum Training, Sonntag folgt das Auswärtsspiel bei Energie Cottbus. Er sei, bedeutet Neururer, auch im Wartestand „immer ein Thema“ gewesen, zweite Liga Ausland, dritte Liga Inland, es habe halt „nie gepasst“, auch wenn er sein Anspruchsdenken im Vergleich zu früher spürbar zurückgefahren hat.

Er habe damals, erzählte er mal dem Wochenblatt Zeit, „aus Überheblichkeit zu lange meine Situation verkannt“. Hat Anfragen aus dem Kellergeschoss der ersten Liga abgelehnt und erst recht aus der zweiten Liga, „irgendwann rief leider keiner mehr an. Da bin ich in ein verdammtes Loch gefallen.“

Es sind noch ein paar Löcher hinzugekommen ? für Neururer und für den VfL. Man kann jetzt gemeinsam wieder rauskrabbeln. Am Dienstag hat Peter Neururer mit Eintracht Frankfurts Boss Heribert Bruchhagen telefoniert. „Er hat gesagt, dass ich ein Bekloppter bin.“

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