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Union Berlin Die Seele des Fußballs

Unions Präsident Dirk Zingler spricht im Interview über Fußballkultur an der Alten Försterei, bescheidene Erfolge und die Idee, ein halbes Stadion an die Fans zu verkaufen.

05.11.2011 07:00
Maxim Leo und Thomas Vögele
Unions Präsident Dirk Zingler spricht im Interview über die besondere Anziehungskraft seines Vereins. Foto: Markus Wächter

Unions Präsident Dirk Zingler spricht im Interview über Fußballkultur an der Alten Försterei, bescheidene Erfolge und die Idee, ein halbes Stadion an die Fans zu verkaufen.

Das alte Forsthaus steht an der Wuhlheide. Die Wände sind weiß, die Fensterläden sind rot gestrichen. „Eisern Union“ steht am Tor. Unter dem Dach des alten Forsthauses hat Dirk Zingler sein Büro, der Präsident des 1. FC Union. Er sitzt auf einem schwarzen Ledersofa, raucht Marlboro und zeigt auf ein Poster, das der Verein gerade drucken lässt. Von der Seele des Vereins ist auf diesem Poster die Rede.

Herr Zingler, wie sieht denn die Seele des 1. FC Union aus?

Tja, ich weiß gar nicht, ob Seelen irgendwie aussehen. Ich kann Ihnen aber sagen, wo sich die Seele unseres Vereins befindet. Nämlich hier in der Alten Försterei. Unser Stadion ist die Seele. Hier kommen die Fans hin. Um ihre Mannschaft zu sehen, um zu singen und zu feiern. Dieses Stadion ist ihr Zuhause.

Ein Zuhause, dass sich die Fans selbst eingerichtet haben.

Ja, das begann vor dreieinhalb Jahren. Mehr als zweitausend Fans haben dann dreihundert Tage in mehr als 140.000 Stunden dieses Stadion aufgebaut. Mehr muss man vielleicht gar nicht sagen, um das Verhältnis der Fans zu diesem Verein zu beschreiben. Ich habe in dieser Bauzeit Hunderte Leute kennengelernt. Wir haben zusammen geredet und zusammen gearbeitet. Ich habe da erst richtig begriffen, welche Bedeutung dieser Ort für die Menschen hat. Hier hat die Union-Fußballkultur ihre Heimat.

Was ist so besonders an ihrem Stadion?

Die Art, wie Fußball hier erlebt werden kann. Wir nennen es „Fußball pur“. Bei uns stehen die Fans. Weil Menschen anders jubeln und singen und ein Spiel genießen, wenn sie auf beiden Beinen stehen. Sie sind aktiver, sie sind mehr dabei. Hinzu kommt das, was wir "dosierte Kommerzialisierung" nennen. Das heißt, ein Eckball wird bei uns nicht von einem Sponsor präsentiert. Er findet einfach statt. Ohne Firlefanz, ohne Unterbrechung. Es gibt keine Fanfaren zwischendurch, keine Werbespots. Nichts, was die Atmosphäre stört, was einen vom Spiel ablenkt.

Und den Stadion-Namen wollen Sie wahrscheinlich auch nicht ändern?

Nein, auf gar keinen Fall. Das ist die "Alte Försterei", und die wird nie die Hakle-feucht-Arena sein. Ich sehe doch, was in anderen Sportarten passiert. Da gibt es Mannschaften, die sind nach einem Arzneimittel benannt, weil eine Pharmafirma die Namensrechte gekauft hat. Da läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Die kriegen eine ganze Menge Geld dafür, aber sie verlieren das ganz Entscheidende: ihren Charakter, ihre Glaubwürdigkeit.

Das, was Sie "Fußball-Kultur" nennen?

Die begreifen nicht, wie wichtig dieses Zuhause ist. Wie toll es ist, einen authentischen Ort zu haben. Etwas Echtes, Einzigartiges. Seit 1920 wird in der Alten Försterei Fußball gespielt. Das kann man doch nicht einfach so wegwischen.

Sie stellen sich quer zu dem, was alle anderen machen. Ob in der Bundesliga oder international. Oder ist das auch nur ein Trick, um sich selbst das Image des letzten echten Vereins zu verleihen, der Rebellen von der Wuhlheide?

Das ist kein Trick. Das ist Überzeugung. Wir wollen ganz klar Kante und Haltung zeigen. Wenn eine Firma wie Red Bull sich einen Verein kauft, um ihre Produkte besser verkaufen zu können, dann wird eine Grenze überschritten. Ich habe nichts dagegen, wenn vermögende Menschen sich in Vereinen engagieren. Ob dass Herr Hopp in Hoffenheim ist oder Herr Abramowitsch bei Chelsea. Wenn sich aber die Reihenfolge verschiebt, wenn erst ein Produkt da ist und dann der Fußballverein dazu gekauft wird, dann führt das den Sport ad Absurdum. Dem wollen wir bewusst etwas entgegensetzen.

Wie denn?

Wir haben beschlossen, unsere Seele zu verkaufen. An unsere Vereinsmitglieder.

Was heißt das?

Wir werden zwischen dem 1. Dezember und dem 31. Dezember bis zu 58 Prozent der Eigentumsanteile unseres Stadions an unsere Vereinsmitglieder und Sponsoren übertragen. Die Stadiongesellschaft ist in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden, in deren Satzung wir festgelegt haben, dass die Vergabe des Namensrechtes, die Vergabe der Cateringrechte und alle anderen wesentlichen Rechte, die mit dem Stadion zu tun haben, nur von mindestens 51 Prozent der Hauptversammlung ausgeübt werden können. Beim Stadionnamen braucht man für einen Änderungsbeschluss sogar eine Zweidrittel-Mehrheit. Das heißt, wir legen das Schicksal des Vereins in die Hände derjenigen, die sich zu unserer Fußballkultur bekennen. Das können auch Menschen sein, die noch keine Unioner sind, aber unseren Weg unterstützen möchten.

Wie verhindern Sie, dass ein Einzelner sich die Mehrheit zusammenkauft?

Es darf jeder nur maximal zehn Aktien besitzen. Aktien können verschenkt, vererbt oder weiterverkauft werden. Aber nur an Personen, die dadurch nicht diese Obergrenze überschreiten. Dem müsste die Hauptversammlung zustimmen. Damit ist eine breite Streuung gewährleistet. Eine Aktie kostet fünfhundert Euro.

Das ist viel Geld für viele Fans.

Ja, aber auch da wird es Angebote geben. Die neuen Eigentümer der Stadiongesellschaft können in monatlichen Raten bezahlen. Fünf mal hundert Euro. Auch noch kleinere Raten werden möglich sein. Ich möchte nicht, dass irgendjemand das aus finanziellen Gründen nicht machen kann.

Wie viele Aktien werden ausgegeben?

10.000 Stück. Wir haben 7 500 Mitglieder und 200 Sponsoren. Ich denke, bis zum 1. Dezember werden noch ein paar Leute in den Verein eintreten, um mitmachen zu können. Am Ende werden wir vielleicht 10 000 Bezugsberechtigte haben. Also rechnerisch eine Aktie pro Person. Ergibt eine Summe von fünf Millionen Euro, die wir als Kapitalerhöhung einnehmen.

Kann man mit der Aktie auch was verdienen?

Die Aktionäre sind die Eigentümer des Unternehmens. Sie bekommen Ausschüttungen, haben Mitbestimmungsrechte. Wie jeder Aktionär in jedem Unternehmen. Aber ich sage Ihnen ganz offen: Das ist keine Geldanlage, das ist eine Wertanlage. Der Wert, das ist die Fußballkultur, die wir hier haben. Wer die faszinierend findet, wer die beschützen will, der soll mitmachen. Es geht also nicht darum, aus den 500 Euro in ein paar Jahren 5 000 zu machen. Es geht darum, Miteigentümer eines Ortes zu werden, der einem am Herzen liegt.

Was machen Sie mit dem Geld der Neu-Aktionäre?

Die neue Haupttribüne ist bereits voll finanziert und kann unabhängig von der Aktienausgabe in Angriff genommen werden. Das Geld, das wir über die Aktienausgabe hereinbekommen, wird dazu benutzt, bereits vereinbarte Kredite oder Darlehen nicht in Anspruch zu nehmen. Das erhöht unsere Unabhängigkeit. Am Ende haben wir das Stadion mit nur 30 bis 40 Prozent Fremdkapital gebaut, das ist im bundesdeutschen Vergleich ein sensationeller Wert.

Im Grunde bitten Sie aber genau die zur Kasse, die das Stadion bereits aufgebaut haben. Ist das fair?

Wir alle haben in den letzten Jahrzehnten an diesem Stadion mitgebaut – ohne Erwartung einer Gegenleistung. Es ist fair, dass es uns nun auch gehören kann. Die Immobilie, das Stadion und die damit verbundenen Rechte sind am Ende erheblich mehr wert, als die fünf Millionen Euro, mit denen man 58 Prozent der Gesellschaft erwirbt. Ich glaube, das ist auch für jeden freiwilligen Stadionbauer ein gutes Geschäft. Abgesehen davon ist es aber richtig, dass wir die Baukosten sozialisieren, also auf die Gesellschaft umlegen. Das machen übrigens alle deutschen Stadionbauer. Meistens im Nachhinein. Indem Steuergelder verwendet werden, für Betriebszuschüsse oder städtische Bürgschaften. Oder indem hohe Eintrittsgelder verlangt werden. Da kostet dann die Karte 35 Euro.

Und Sie legen die Kosten schon vorher um.

Ja, aber offen und ehrlich. Vor allem freiwillig. Und die Leute wissen, was sie dafür bekommen: Ein solide finanziertes Stadion, in dem der Fußball stattfindet, den sie mögen. Unsere Fans haben ihre drei Stehplatzseiten selbst gebaut. Jetzt werden sie Eigentümer des ganzen Stadions und helfen dabei mit, unsere Idee von Fußball zu erhalten. Sie sind nicht mehr nur Mitwirkende, sie sind Teilhaber. Das ist der Unterschied.

Wie kam es überhaupt zu der Idee, das Stadion an die Fans zu verkaufen? So etwas hat es im deutschen Fußball ja noch nie gegeben.
Seit dem Stadionbau habe ich mir darüber Gedanken gemacht, was aus dieser Energie, diesem Engagement, dieser einzigartigen Verbindung von Fans, Stadion und Verein werden könnte. Wie man diese Verbindung bewahren kann. Denn im Grunde war es ja so, dass die Fans schon damals Besitz von der Alten Försterei ergriffen haben. Sie haben sich wie Eigentümer verhalten, insofern lag es nahe, sie auch irgendwann zu Eigentümern zu machen.

Und eines Morgens sind Sie aufgewacht und haben gesagt: Okay, jetzt werden alle Aktionäre?

Ich wollte klare Verhältnisse schaffen, bevor die neue Haupttribüne gebaut wird und eventuell durch das dann vollendete Stadion Begehrlichkeiten geweckt werden. Im letzten Winterurlaub habe ich mir viele Gedanken gemacht und habe meinen Kollegen dann in der Präsidiumssitzung im Januar vorgeschlagen, das Stadion zum Eigentum der Mitglieder und Sponsoren zu machen.

Und wie haben die Leute im Präsidium reagiert?

Erst mal haben die mich angeguckt, als wäre ich verrückt geworden. Das hat bei dem einen drei Sekunden und bei dem anderen drei Minuten gedauert. Und dann fanden eigentlich alle die Idee ziemlich cool. Nachdem das alles ein bisschen verdaut war, ging es los mit den Details. Auf einmal mussten wir uns mit Aktienrecht und solchen Sachen beschäftigen.

Und alles musste diskret ablaufen. Nur ein kleiner Zirkel war eingeweiht.

Ja, die letzten zehn Monate waren eine tolle Zeit und ich danke allen, die mitgemacht haben. Ich meine, bis heute hat nichts davon in der Zeitung gestanden. Das zeigt auch, was für eine verschworene Truppe wir sind.

Und warum erzählen Sie das nun unserer Zeitung, zehn Tage vor der Mitglieder-Versammlung am 13. November, auf der die Fans offiziell über Ihre Pläne informiert werden sollen?

Ich hätte dieses Interview gerne erst nach der Mitgliederversammlung gegeben. Aber das Risiko, dass Informationen nach draußen dringen, falsch wiedergegeben werden und unsere Mitglieder verunsichern, wurde immer größer. Mir liegt sehr viel daran, dass die Öffentlichkeit nicht mit Bruchstücken oder Halbwahrheiten konfrontiert wird.

Ist Ihnen klar, was Sie mit ihrer Aktion im deutschen Fußball auslösen könnten?

Das hat uns ehrlich gesagt nur zweitrangig interessiert. Uns geht es vor allem darum, unsere Angelegenheiten zu regeln.

Ihr Beispiel könnte dennoch Schule machen.

Ich will das alles nicht größer machen, als es ist. Wir wollen zeigen, dass wir einen Weg für uns gefunden haben. Eine echte Alternative zum elenden Wettlauf des Geldes. Eine Alternative zur übertriebenen Vermarktung. Zur hemmungslosen Verschuldung. Eine Alternative zu einem Weg also, den wir für falsch halten. Die anderen Vereine müssen für sich entscheiden, ob sie sich davon inspirieren lassen oder nicht.

Gibt es unter Ihren 35 Präsidenten-Kollegen in der Bundesliga Brüder im Geiste?

(Denkt lange nach.) Die Frage ist nicht, ob ich Brüder im Geiste habe, sondern ob ich Brüder in der Tat habe.

Vor der Tat steht meist der Geist ...

Ich glaube schon, dass es einige gibt, die ganz gerne ein paar Schrauben wieder zurückstellen würden. Weil sie auch aus einer alten Fußballzeit kommen, dreißig, vierzig Jahre im Geschäft sind. Und sich fragen, warum sie eigentlich nicht mehr so wie früher Fußball erleben können. Aber mir ist keiner bekannt, der was anschiebt. Und einer muss ja immer den Anfang machen.

Sie sagen, Sie wollen Ihr Projekt nicht so hoch hängen. Wir würden es gerne noch etwas höher hängen. Wir erleben doch gerade, wie die Logik des Kapitals in vielen Bereichen zur Zerstörung führt. Nicht nur im Fußball, auch in den Unternehmen, bei den Banken. In ganzen Staaten. Und am Ende auch im alltäglichen Leben der Menschen.

Es sieht so aus, als würden wir auf einen großen Crash zusteuern. Und alle machen immer weiter.

Aber es gibt doch eine Sehnsucht der Menschen nach einfachen, logischen, gesunden, vernünftigen Dingen. Es ist so, als wollten die Leute ihr Leben wieder ein wenig selbst in die Hand nehmen.

Der ursprüngliche Fußball gehört auch in diesen Trend. Die Freude am echten Erleben, die Sehnsucht nach einem Ort, der etwas mit einem zu tun hat.

Es geht um die Frage, wie man leben will. Ob das Leben immer eine große Show sein muss, oder ob es auch kleiner, bescheidener zugehen kann.

Ich sehe allerdings auch eine ganze Menge Leute, die gar nicht wissen, wie sie ihr Leben gestalten sollen. Darum haben wir als Verein eine große Verantwortung. Menschen kommen zu uns und machen unseren Verein zu ihrem sozialen Mittelpunkt. Sie wollen sich auf uns verlassen können, sie suchen Orientierung. Und sie genießen diese ganz einfachen Sachen. Sie wissen, dass sie bei uns zu Hause sind.

Und dass sie gebraucht werden.

Ja, manche standen morgens um sieben Schlange vor dem Baucontainer, als wir das Stadion modernisiert haben. Die wollten mitmachen. Das war für einige die wichtigste Aktion in ihrem ganzen Leben. Deshalb ist so ein Verein immer viel mehr als Fußball. Die ganze Existenz hängt da mit drin.

Hat sich denn die Stimmung im Stadion verändert seit der gemeinsamen Bauaktion?

Es gibt Unioner, die kommen seitdem in Hausschlappen zu uns. Weil sie sagen: Das ist doch unser Zuhause. Warum soll ich da anders rumlaufen als in meiner Wohnung? Dieses Gefühl sollte unbedingt bleiben. Das wollen wir erhalten.

Die Entscheidung für den Erhalt Ihrer Fußball-Tradition ist aber auch mit der Einschränkung der sportlichen Ambition verbunden. Weniger Geld einzunehmen bedeutet, weniger teure Spieler zu bekommen, weniger Aufstiegschancen zu haben. Sie begnügen sich also mit der zweiten oder dritten Liga.

Nein. Die erste Liga ist unser sportliches Ziel. Für mich wäre die Bundesliga aber wie ein Urlaub, auf den ich lange gespart habe. Ich würde gerne mal da oben mitmachen, durch alle Bundesligastadien tingeln, in Dortmund vor der Südtribüne spielen mit 26 000 Menschen. Das ist ja gar keine Frage. Aber es wäre eben eher wie ein Ausflug. Es wäre nicht das, was wir immer haben werden. Am Ende wäre ich wahrscheinlich froh, nach einer Saison wieder bei mir zu Hause zu sein. In der etwas kleineren Fußballwelt. Wir könnten nicht wir bleiben, wenn wir dauerhaft in der Bundesliga spielen würden.

Klingt sehr bescheiden.

Wir definieren uns nicht vor allem über den sportlichen Erfolg. Weil wir sonst mitmachen müssten in diesem Kapitalwettstreit. Sie haben es ja gesagt: Wer siegen will, muss Geld mitbringen. Das kann nicht unsere Logik sein. Viele Vereine wollen so erfolgreich wie Bayern München werden. Und dabei verschulden sie sich maßlos. Gott sei Dank haben wir ja in Berlin zwei grundverschiedene Angebote zur Auswahl.

Aber Sie wollen doch nicht ständig verlieren? Sie wollen doch nicht die authentischen Loser aus der Wuhlheide sein?

Nein, auch wir wollen jedes Jahr besser werden. Aber eben im Rahmen unserer Möglichkeiten. Und nicht um den Preis, uns selbst zu verlieren. Unser Ziel kann es doch nicht sein, international zu spielen oder die deutsche Meisterschaft zu gewinnen. Unser Ziel muss es sein, im Alltag zu bestehen, 34 Zweitliga-Spiele, von denen viele eher trist sind, zu einem geilen Erlebnis werden zu lassen. Das schafft man nur in einem Rahmen, wo die Leute sich wohlfühlen. Wo es darum geht, zusammen etwas zu erleben. Wo man Gänsehaut hat, egal ob der Gegner der FSV Frankfurt oder Eintracht Frankfurt heißt.

Das Publikum selbst ist also der eigentliche Held im Stadion.

Klar, die Energie kommt von den Rängen. Ich kriege nicht Gänsehaut, wenn Franck Ribéry einen tollen Pass macht. Ich kriege Gänsehaut, wenn 20 000 Leute singen. Und wenn Union verliert, dann stehen die Fans trotzdem noch eine halbe Stunde nach Abpfiff auf den Tribünen. Man sagt ja immer, der Funke müsse vom Rasen auf die Ränge überspringen. Bei uns wechselt das. Mal kommt der Funken von den Spielern, mal vom Publikum.

Haben Sie nicht Angst, dass das Publikum irgendwann mal mehr will? Dass es ihm nicht mehr reicht, sich an sich selbst zu begeistern?

Ich glaube, alles hängt davon ab, wie man mit den Fans umgeht. Ob man ehrlich zu ihnen ist, oder ob man ihnen irgendwelche Versprechungen macht, die dann nicht eingehalten werden können.

Herr Zingler, lassen Sie uns noch etwas über ihre Vereinskarriere sprechen. Sie sind als Fan mit Union groß geworden. Was sind Ihre ersten Erinnerungen an den Klub?

Ich weiß noch, wie ich mit meinem Großvater, der in Zeuthen wohnte, immer am Wochenende hierhergekommen bin. Mein Großvater war ein alter Gewerkschafter, und für den war klar: Union ist mein Verein. Ich war so sieben, acht Jahre alt. Und später, als Jugendlicher, habe ich was gesucht, wo ich meine Zeit verbringen konnte. Zu Hause gab es nur einen Schwarz-Weiß-Fernseher, und der gehörte meinem Vater. Also bin ich in die Alte Försterei gegangen. Das war für mich und meine Kumpels der Freizeit-Mittelpunkt. Wir haben alle im Rhythmus des Vereins gelebt. Und wenn wir in Eichwalde in die S-Bahn gestiegen sind, war der Zug knallvoll. Die Party ging schon los, bevor wir im Stadion angekommen sind.

Und Ihre Frau hat das später so mitgemacht?

Sie wusste, ich bin Union-Fan. Das Wochenende war dadurch gebongt. Meine Kinder sind damit aufgewachsen, erst mussten sie mit, dann wollten sie auch unbedingt. Dann kam die Wende, wir sind ins Olympiastadion gerannt, haben das erste Freundschaftsspiel zwischen Hertha und Union gesehen. Aber der Reiz des Neuen war schnell weg. Und das Stadion war blöd, weil das Spielfeld so weit weg war. Und dann gehst du wieder zurück nach Hause. Dahin, wo du hingehörst.

In den Neunzigerjahren ging es dann bergab mit Union ...

Ich bin 2003 mit meiner Baustoff-Firma Sponsor geworden, zu einer Zeit, als der Verein große Probleme hatte. Ich habe dann den Wirtschaftsrat des Vereins gegründet, habe mich engagiert. Und wie es immer so ist, wenn man was macht, dann schmeißt einem jemand den Hut auf den Kopf. So wurde ich Präsident. Am 1. 7. 2004.

Seitdem hat sich der Verein finanziell solide entwickelt, Union ist in die Zweite Liga aufgestiegen, das Stadion wurde neu gebaut. Sie scheinen dem Verein gut zu tun.

Wenn Sie das sagen.

Wie wird es jetzt weitergehen mit Ihrem Projekt?

Wir werden unsere Mitglieder am nächsten Wochenende umfassend informieren. Bis zum 30. November hat jeder die Möglichkeit, Mitglied oder Sponsor des Vereins zu werden. Dann beginnt am 1. Dezember die Zeichnungsfrist für die Aktien. Wir hoffen, dass die Alte Försterei das erste Stadion im deutschen Profifußball sein wird, das mehrheitlich im Besitz der Mitglieder und Sponsoren des Vereins sein wird.

Sind Sie ein bisschen aufgeregt?

Die nächsten sechs Wochen werden eine sehr spannende Zeit sein. Ich würde mir wirklich wünschen, dass unser Angebot angenommen wird und wir ein bisschen Fußball-Geschichte schreiben.

Das Gespräch führten Maxim Leo und Thomas Vögele.

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