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TSG Hoffenheim La Ola beim Training

Hoffenheim staunt über die erstaunliche Aufwärtsentwicklung unter dem neuen Trainer Markus Gisdol.

21.05.2013 16:38
Tobias Schächter
Kein Ärger, sondern Jubel: TSG-Trainer Markus Gisdol. Foto: REUTERS

Der Weg führte abwärts. Noch ein letzter Blick auf das Stadion „Rote Erde“ in Dortmund und Markus Gisdol stand am Samstagabend mit ein paar Journalisten im Aufzug auf dem Weg nach unten, in die Kabine. Hat er schon einmal ein solches Drama erlebt? Einmal, erzählte Gisdol, etwas Ähnliches an einem letzten Spieltag bei meiner ersten Mannschaft in der Bezirksliga. Ging es da auch um den Abstieg? Gisdol lachte kurz und sagte dann: „Bei mir ging es immer um den Aufstieg.“ Gisdol ist ein selbstbewusster Mann, das merkt man an solchen Sätzen, die er zwar mit einem Schmunzeln mitteilt, aber auch nicht ohne Ernst.

Kompromisslos wie einst Rangnick

Gisdol ist seit sieben Wochen Trainer der TSG 1899 Hoffenheim, der 43 Jahre junge Mann wirkt dabei ähnlich selbstgewiss und kompromisslos wie sein Mentor Ralf Rangnick. Er degradierte den Transferflop Tim Wiese und musterte Fehleinkäufe seiner Vorgänger ebenso konsequent aus wie er auf die Jugend und Offensivfußball setzt. Auch durch Rückschläge lässt er sich nicht vom Weg abbringen. Nun darf er weiter vom Verbleib mit der TSG in Liga eins hoffen. Nach einem wundersamen Drama beim 2:1-Sieg am Samstag beim Champions-League-Finalisten Borussia Dortmund. „Wahnsinn“, sagt Gisdol.

Die zwei verwandelten Elfmeter von Sejad Salihovic, die aus dem 0:1 plötzlich ein 2:1 machten (78., 81.) waren Drama genug. Doch Minute 94 trieb die Ereignisse noch einmal auf die Spitze: Schiedsrichter Jochen Drees und sein Assistent Tobias Christ gaben ein Tor von des Dortmunders Marcel Schmelzer zunächst. Hoffenheim war da wieder abgestiegen. Aber Drees bewies Mut: Nach einer folternd langen Minute der Diskussion verweigerte er schließlich dem Tor die Anerkennung. Zu Recht: Robert Lewandowski stand im sogenannten aktiven Abseits.

Verdammt viel Glück, der Mut des Schiedsrichters und eine Steigerung nach einer Stunde Spielzeit brachten der TSG die zwei Relegationsspiele gegen den 1. FC Kaiserslautern. An eine solche Chance hat vor sieben Wochen niemand mehr geglaubt.

Alexander Rosen, neuer Leiter Profifußball in Hoffenheim, sagte: „Es hat sich unheimlich viel entwickelt zuletzt. Ich habe das Gefühl, die Leute glauben an das, was wir machen.“ Glaubwürdigkeit war ja eine Währung, die in Hoffenheim nichts mehr wert war, nach all den sinnlosen Personal- und Richtungswechseln der vergangenen Jahre.

Vor sieben Spieltagen stand die TSG mit dem miesepetrigen Trainer Marco Kurz und dem phrasenmächtigen Manager Andreas Müller schier hoffnungslos auf einem direkten Abstiegsplatz. Irgendwer hatte in Hoffenheim dann zur Abwechslung eine gute Idee: Müller und Kurz mussten gehen, Gisdol und Rosen kamen. Als eine der ersten Maßnahmen luden die beiden Journalisten zu einem auflockernden Hintergrundgespräch bei Kaffee und Kuchen ein. Ähnlich schnell entkrampfte Gisdol das Verhältnis zu den Spielern, auch die Profis glauben wieder, was der Trainer sagt. Das war vorher nicht so: Weder unter dem grundlos übermütigen Markus Babbel, noch unter dem chancenlosen Übergangstrainer Frank Kramer und schon gar nicht unter dem überforderten Kurz.

Gisdol als Glücksfall

Am Sonntagmorgen standen 300 Leute beim Auslaufen der Helden am Trainingsplatz in Zuzenhausen, der Verein spendierte spontan 100 Liter Freibier. Die Spieler wurden mit frenetischem Applaus empfangen, La Ola erlebte eine Renaissance. Beim Training! In Hoffenheim!

Profis und Fans klatschten sich ab. In den Monaten zuvor froren meist nur 20 Unentwegte beim Training und schimpften über das Chaos im Klub. Nun aber wirkt alles plötzlich wie ein Aufbruch. Die Richtung des Fahrstuhls zeigt in Hoffenheim also wieder nach oben. Markus Gisdol, von dem Ralf Rangnick am Sonntag sagte, er sei ein „Glücksfall“ für die TSG, will die gute Stimmung natürlich mit in das Heimspiel gegen den 1.FC Kaiserslautern am kommenden Donnerstag nehmen. Bis dahin ist Regeneration angesagt. Leistungsträger wie Salihovic und Rudy waren lange verletzt, andere wie Volland oder Abraham zuletzt angeschlagen. Gisdol ist trotz allen Selbstbewusstseins schlau genug zu sagen: „Wir haben noch nichts erreicht.“

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