Lade Inhalte...

Sporternährung vegan Leistungsschub durch vegane Ernährung

Vegane Ernährung macht vor dem Profifußball nicht Halt: Darmstadts Teamarzt stellt eine Studie vor, Frankfurts Fitnesstrainer sieht einen neuen Trend.

13.10.2015 13:48
Darmstadts Cheftrainer Dirk Schuster überwacht die Koordinationsübung mit Marco Sailer (2. von rechs). Foto: imago/Jan Huebner

Ein saftiges Steak auf dem Teller ergibt einen kernigen Schuss aufs Tor. Wer an Fußball denkt, hat zwar die Gleichung nicht sofort parat, aber der Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Höchstleistung schien über Generationen verankert. Doch gerade setzt ein Umdenken ein, das auch die lange in ihren vorgefertigten Mustern gefangene Branche erfasst hat. In der in dieser Woche erstmals erscheinenden „Sportärztezeitung“ heißt ein zentraler Beitrag zum Thema Sporternährung nämlich: „Fleischlos in der Bundesliga“.

Hintergrund: Vegane Ernährung liegt im Trend und macht auch vor Profifußballern nicht Halt. Die Grundlagen einer sportgerechten Ernährung und die Möglichkeiten des Fleischverzichts auch für hochklassige Spieler, erläutert der Darmstädter Sportmediziner Klaus Pöttgen, zugleich Teamarzt beim Bundesliga-Aufsteiger SV Darmstadt 98.

Für den Klub spielt Bartträger Marco Sailer, der mutmaßlich markanteste Profi, der sich für eine komplett vegane Ernährung entschieden und einige Vorteile erkannt hat. „Ich fühle mich fitter, stärker, einfach besser“, sagt der 29 Jahre alte Publikumsliebling, der mit den „Lilien“ den Durchmarsch aus der Dritten Liga mitgemacht hat.

Pöttgen unterfüttert die erstaunlichen Ergebnisse mit belastbaren Daten – betont aber auch, dass vegane Ernährung bei einem Spitzensportler professionell begleitet werden sollte. Den Sportmediziner stellt das vor eine Herausforderung – genau wie bei jenen Spielern, die eine Lactose-Intoleranz mitbringen, „die in jeder Profimannschaft vorkommen“.

Denn es gilt, mittels geeigneter und reiner Nahrungsergänzungsmittel, jede Art von Nährstoffmangel zu vermeiden. Vegane Eiweißriegel und hochwertige Eiweißpulver kommen zum Einsatz, um den erhöhten Proteinbedarf – statt 0,8 bis 1,2 Gramm bis zu zwei Gramm pro Kilo Körpergewicht täglich – zu decken.

„Ich will aus unserem Team keine reine Veganer-Mannschaft machen“, stellt Pöttgen allein vor dem Hintergrund der Evolution klar, in der die Fleischfresser den Pflanzenfressern irgendwann überlegen waren. Der 51-Jährige hat festgestellt, dass sich an fleischloser Kost interessierte Kicker viel mehr mit ihrem Körper beschäftigen würden. Und da nun gelte, „du bist, was du isst“, ergeben sich Vorteile aus dem Vormarsch der veganen oder vegetarischen Verköstigung, die im Spitzensport teils seit längerem prominente Beispiele kennt.

Sprintlegende Carl Lewis war einer der wichtigsten Vorreiter, aktuell sind Basketballstar Dirk Nowitzki, Tennis-Ass Venus Williams oder Schwimm-Weltmeister Marco Koch leuchtende Vorbilder für vegane Athleten. Die hat auch Christian Kolodziej wie auf Knopfdruck parat: Seitdem der Fitness- und Konditionstrainer vor vier Jahren zu Eintracht Frankfurt kam, sind die Sinne für gesunde Ernährung geschärft. Seit dieser Saison mehr denn je.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

„Wir haben nicht komplett umgestellt, sondern ein zusätzliches Angebot neben Fisch und Fleisch geschaffen. Den Konsum von Milchprodukten haben wir extrem eingeschränkt: Auf Milchreis oder Eis wird am Tag vor dem Spiel beispielsweise verzichtet. Vom Speiseplan sind auch Weizenprodukte wie Weißmehlbrötchen oder –brot gestrichen“, erklärt Kolodziej. „Dazu bieten wir für interessierte Spieler Sojaprodukte oder Dinkelmilch an, damit die Proteine über den veganen Weg aufgenommen werden können.

Jedes Mannschaftshotel, das wir vor einem Auswärtsspiel beziehen, bekommt eine komplette Liste geliefert, wie wir uns die Ernährungsprodukte vorstellen.“ Das sei nicht jedesmal derselbe Plan, „denn wir wollen ja nicht jedes Wochenende Linsencurry servieren“.

Generell sei tierische Ernährung für den Körper nicht gut, meint der 46-Jährige, der selbst fast weitgehend auf Fleisch verzichtet. „Führende Universitäten empfehlen eine pflanzliche Ernährung und raten nicht umsonst von Milchprodukten ab, die für den Säure-Base-Haushalt schädlich sind. Dieser Trend basiert also auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und stellt keine Esoterik dar.“ Der Sportwissenschaftlicher sieht in der Bundesliga einen generellen Trend und würde sich am liebsten zehn Eintracht-Profis wünschen, die sich vegan ernähren – er weiß aber, dass er Akteure Anfang 30 kaum mehr umerziehen kann. Aber mit jungen Spielerin wie Luca Waldschmidt oder Marc Stendera ging er immerhin schon in ein veganes Restaurant, um sie auf einen anderen Geschmack zu bringen.

Einen Weg, den auch die Kollegen bei Borussia Dortmund einschlagen. Seitdem Thomas Tuchel das Sagen hat, gelten neue Speisenpläne und andere Ernährungsregeln als unter Vorgänger Jürgen Klopp. Wo früher noch regelmäßig der Pasta-Service am Trainingszentrum in Dortmund-Brackel vorfuhr, wird nun gesünder gegessen. „Normale Milch konsumiere ich beinahe gar nicht mehr, Käse auch viel weniger. Und ich versuche, nicht jeden Tag Fisch oder Fleisch zu essen“, verriet kürzlich Mats Hummels.

Er ernähre sich noch nicht vegan,  habe aber einige Lebensmittel aus diesem Bereich in seinen Haushalt aufgenommen. Beispielsweise Sojamilch. Wenn Quinoa, die eiweißreichen Samen von Gänsefußgewächsen, auf den Tisch komme, dann schmecke das fantastisch lecker, betonte der Nationalspieler kürzlich im FR-Interview. Und: „Viele meiner Dortmunder Mitspieler sagen, dass sie sich sehr fit fühlen.

Das liegt sicher nicht nur an der Ernährung, aber auch daran. Das ist ein Puzzleteil.“ Genau wie Hummels haben auch Ilkay Gündogan oder Marcel Schmelzer seit der Ernährungsumstellung ihr Gewicht um bis zu vier Kilo reduziert.

Für Pöttgen sind aber noch ganz andere Stellschrauben im Alltag eines Fußball-Bundesligisten wichtig. Er habe von internistischer Seite viel verändert, „was Ernährung im Training, beim Spiel und bei Verletzungen angeht“. Cheftrainer Dirk Schuster vertraut dem Experten und setzte bewusst in seinem Verein auf Teamwork. „Dr. Pöttgen ist ein ausgezeichneter Teamarzt mit viel Erfahrung auch aus anderen Sportarten“, sagt Schuster der „Sportärztezeitung“.

Zwei Stunden vor dem Spiel wird beim Neuling letztmals feste Nahrung zugeführt, dann nur noch Drinks oder Energiegels. Proteinriegel und Shakes seien direkt nach dem Training einzunehmen, erklärt ihr lange im Triathlon tätiger Teamarzt, der bis an die Grenzen des Erlaubten geht: Bei einem Vortrag im Rahmen einer Fortbildungsveranstaltung für den Bund Deutscher Fußballlehrer (BDFL) stellte Pöttgen heraus, dass auch Kreatin verabreicht werde.

Das ist eine körpereigene Säure, die vor allem in den Muskelzellen vorkommt, aber zeitweise in Verruf geriet. Viele Sportler versprechen sich davon in Verbindung mit dem Training einen schnelleren Muskelaufbau, nur ist dieser Effekt nicht erwiesen. Problematisch war Kreatin, wenn aus den Abfüllanlagen Verunreinigungen von Anabolika darin auftauchten.

Auf der Dopingliste steht Kreatin jedoch nicht, weshalb Pöttgen in seiner Studie schreibt: „Die Wirkung von Kreatin ist ... bei der Aufrechterhaltung von Sprunghöhen während wiederholten Sprungtests bei Fußballspielern belegt. Kreatin kann daher sinnvoll von Veganern zur Leistungssteigerung supplementiert werden.“

Dafür sind andere Zugaben beim SV Darmstadt 98 komplett gestrichen: „Bananen und Kuchen vor dem Spiel oder in der Halbzeit gehören bei uns nicht in die Kabine.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum