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Schwimmen In zwei Goggos nach Budapest

Die harte Norm für die Schwimm-WM in der ungarischen Kapitale haben nur drei Sportler erfüllt.

Franziska Hentke
In Weltjahresbestzeit zum WM-Ticket: Europameisterin Franziska Hentke hat die Norm erfüllt. Foto: imago

Die neue Präsidentin des Deutschen Schwimmverbandes hat zu Beginn der 129. Deutschen Meisterschaft in Berlin bemerkenswert offen darüber gesprochen, welche Last das Amt für die Software-Unternehmerin aus Elmshorn bedeutet. „Ich fühle mich von der Fülle der Aufgaben fast erschlagen,“ sagte Gabi Dörries. Der gewaltige Druck, der schon vor den Titelkämpfen auf der 56-Jährigen lastete, die einer der Kernsportarten Olympischer Sommerspiele vorsteht, ist in den vier Wettkampftagen nicht geringer geworden – im Gegenteil. Die von Chef-Bundestrainer Henning Lambertz geforderte WM-Norm, die Chancen auf das Erreichen der WM-Finals eröffnen soll, haben nur ein Schwimmer und zwei Athletinnen erreicht. Franziska Hentke, Philip Heintz und überraschend Lisa Graf könnten zusammen mit dem Cheftrainer in zwei Goggos in die ungarische Hauptstadt reisen und mit einem historisch niedrigen Reiseetat ihren (unfreiwilligen) Beitrag zum Sparen beitragen.

 

Dem seit Jahren international notorisch erfolglosen Schwimmverband werden in den kommenden Jahren die Fördergelder um mehr als ein Viertel gekürzt. Weniger Geld, um aus der Krise herauszukommen, Grummeln bei Schwimmern und Trainern über die knallharten Normen, das neue Kraftkonzept und die rücksichtslose Durchsetzung der auch vom Deutschen Olympischen Sportbund geforderten Zentralisierung des Spitzensports. Es ist schweres, stürmisches Wasser, in welchem sich die Schwimmer bewegen. Größtes Problem dabei – sie kommen nicht schnell genug voran, schwimmen, als hätten sie Blei an den Füßen und auf der Seele.

Darüber können auch die beiden Glanzleistungen von Hentke und Heintz nicht hinwegtäuschen. Der für Heidelberg schwimmende Heintz hat sich über 200 Meter Lagen in 1:55,76 Minuten an die Spitze der Weltrangliste gesetzt. Eine Traumzeit für den Olympiasechsten, der scherzhaft sagte, eigentlich müsste er seine Karriere nach diesem Rennen sofort beenden. Der für Heidelberg startende BWL-Fernstudent hatte nach der Enttäuschung von Rio de Janeiro lange gegrübelt, ob er weiter schwimmt. Nach den bitteren Tränen von Rio hatte Heintz gesagt, er fühle sich, als ob ein Kreisligist gegen einen Champions-League-Teilnehmer antrete. Heintz, der mit seiner Berliner Zeit bei Olympia Silber gewonnen hätte, setzt sich für die Reformen ein. Er hat Glück gehabt, einen Arbeitgeber gefunden, der den Weg nach Tokio 2020 mitgeht. Pikanterweise trainiert der aktuelle Primus bei Michael Spikermann, der den Posten als Bundesstützpunktleiter in Heidelberg aufgegeben hat und jetzt dort als Landestrainer im Grunde außerhalb des Machtbereichs von Lambertz auch die Frankfurterin Sarah Köhler zu den Spielen in drei Jahren bringen will.

Bis zu 15 Sportler werden in Ungarn ins Wasser gehen

Franziska Hentke gehört ebenfalls zu der Garde deutscher Schwimmer, die an der Copacabana am meisten über sich selbst enttäuscht waren. Die Magdeburgerin, „die im Training teilweise ihr eigenes Ding durchzieht“, ordnete ihre Weltjahresbestzeit über 200 Meter Schmetterling (2:06,18 Minuten) deutlich nüchterner ein als ihr männlicher Kollege. Die 28 Jahre alte Europameisterin wollte „noch einen Ticken schneller schwimmen“, ist sie sich doch ziemlich sicher, dass mit dieser Zeit bei der WM kein Lorbeer zu gewinnen ist.

Nichts zu lachen werden in Budapest auch jene „Junioren-Sportler“ haben, für die Lambertz eine deutlich sanftere U-23 Norm erfand. Jüngere Schwimmer sollen Erfahrungen bei einem Großereignis sammeln, die große weite Welt des Schwimmsports erschnuppern. Für den Chefcoach selbst enttäuschend, „dass nur drei Leute“ diese Hürde nahmen. Es wäre ein Wunder, wenn einer aus dieser Gruppe in Budapest den Vorlauf überstehen würde.

Die Staffeln, in einer längst vergangenen Zeit mal Aushängeschilder und Kitt in einem immer wieder mal gerne auseinanderdriftenden Verband, sind nun Paradebeispiele für die Misere des deutschen Schwimmsports. Freistilstaffeln spielen schon seit einiger Zeit international keine Rolle mehr, die eine oder andere Lagenstaffel wird dabei sein, zum Rettungsschwimmer des Deutschen Schwimmsport taugt aber keines der Quartette. Es fehlt auch hier am Turbo. Zehn bis 15 Schwimmer und Schwimmerinnen werden Deutschland Mitte Juli in Budapest repräsentieren. Ein kleiner Mannschaftsbus wird für An- und Abreise also ausreichen. Und Gabi Dörries wird noch eine Weile an der Last des nicht vergnügungssteuerpflichtigen Amtes zu tragen haben.

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