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Rugby Der Traum vom ersten WM-Ticket

Die deutsche Rugby-Nationalmannschaft bekommt dank kurioser Umstände eine neue Chance.

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Will den maximalen Erfolg: Sean Armstrong. Foto: imago

Der November ist im Weltrugby der Monat der großen Testmatches. So fordert diesen Samstag in Twickenham vor 80 000 Zuschauern unter anderem England den amtierenden Weltmeister aus Neuseeland heraus. Doch im Schatten der großen Spiele kämpft ab diesem Wochenende in Marseille die Deutsche Rugby-Nationalmannschaft um den letzten Teilnehmerplatz für die WM im kommenden Jahr in Japan. Am Sonntag trifft Deutschlands 15 auf Hongkong, eine Woche darauf auf Kanada und zum Abschluss des sogenannten Repechage-Turniers auf Kenia. Noch nie nahm Deutschland an einer Weltmeisterschaft teil. Dass die „Schwarzen Adler“, wie sich die Deutsche Rugby-Nationalmannschaft seit Neuestem nennt, diese Chance nun bekam, nennt Sean Armstrong „kurios“. 

Verbände zurückgestuft

2007 war der Australier aus Brisbane auf eine Schnuppertour für drei Monate nach Deutschland gekommen – und blieb in Heidelberg, auch der Liebe wegen. Lange Jahre war der Gedrängehalb Kapitän der deutschen Auswahl. Mittlerweile ist Armstrong 31 Jahre alt, er hat die Entwicklung der letzten Jahre im Deutschen Rugby mitgeprägt, nun sagt er: „Dieses Turnier ist der Höhepunkt, wir wollen unbedingt den maximalen Erfolg.“ Die Chance auf die WM-Teilnahme bekam die DRV-Auswahl nur, weil der Weltverband Belgien, Rumänien und Spanien zurückstufte. Deren Verbände hatten in der Qualifikation angeblich nicht gemeldete Spieler eingesetzt. 

Die Nachricht, es nun doch über das Viererturnier in Marseille nach Japan schaffen zu können, fiel in eine Zeit, als das Deutsche Rugby weltweit negative Schlagzeilen produzierte. Die besten Spieler, unter anderem Armstrong und der neue Kapitän Michael Poppmeier, bestreikten damals Spiele der Nationalmannschaft, weil sie der damaligen Verbandsführung Amateurhaftigkeit vorwarfen. Anlass für die aufsehenerregende Aktion war das Zerwürfnis zwischen Großsponsor Hans-Peter Wild und der Verbandsführung.

Der Milliardär aus Heidelberg investierte in den vergangenen 15 Jahren rund 20 Millionen Euro in die Förderung des Rugbysports, an seiner Wild-Rugby-Academy (WAR) sind die meisten Nationalspieler wie Armstrong noch bis Ende November angestellt, dann schließt Wild die WAR. Als Einzelkämpfer will der 77-Jährige nicht weitermachen. Nach dem Rücktritt des alten Präsidiums und der plötzlichen Chance, sich doch für die WM zu qualifizieren, unterstützt der Unternehmer aber die Nationalmannschaft wieder. Die Hälfte der 600 000 Euro, die die zehnwöchige Vorbereitung und das Turnier kosten, übernimmt Wild, dessen Familie mit dem Softdrink-Unternehmen Capri Sonne, heute Capri Sun, reich geworden ist. Seit Dienstag logiert der DRV-Tross in Aix-en-Provence. 

In den nächsten zwei Wochen in Südfrankreich geht es um die Zukunft des Rugbysports in Deutschland: Gelingt die WM-Teilnahme, hat das Spiel mit dem Ei, das gerade weltweit expandiert, vielleicht eine Zukunft im Land. Wild hat angekündigt, dem Verband bis 2024 zwei Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung zu stellen zu wollen, sollte dieser drei weitere Sponsoren finden, die dieselbe Summe investieren. Eine WM-Teilnahme würde diese Suche vermutlich erleichtern und helfen, der Randsportart mehr Öffentlichkeit zu bescheren. Wilds Plan, mit dem deutschen Serienmeister Heidelberger RK als „Wild-Titans“ ein international konkurrenzfähiges Vereinsteam aufzubauen, scheiterte am Einspruch des europäischen Verbandes.

Trainer Mike Ford engagiert

Wild gehört bereits der Großklub Stade Français in Paris, in Frankreich hat Rugby einen ungleich höheren Stellenwert, in der Top 14-Ligue spielen die besten Spieler der Welt, die Stadien sind voll. Das Sponsoring von zwei Klubs auf europäischer Ebene aber untersagte der Verband. „Schade“, findet das Sean Armstrong, der wie viele seiner Kollegen nun nicht weiß, wie es ab Dezember für ihn weitergeht. Das sei natürlich eine Belastung, sagt er, aktuell konzentriere sich das Team aber voll auf den ersten Gegner Hongkong. 

Darauf pocht auch der neue Trainer Mike Ford, 52, der für diese Kampagne engagiert wurde. Der Engländer ist ein großer Name im kleinen deutschen Rugby, er fungierte in der Vergangenheit als Defensivcoach der irischen und der englischen Nationalmannschaft sowie der Spitzenteams Bath und Toulon. „Seine Verpflichtung pusht das Team“, sagt Sean Armstrong, die Konditionseinheiten seien knallhart gewesen. Kanada, bisher bei jeder WM dabei, gilt als härtester Herausforderer in Marseille. 

Der Traum von der ersten WM-Teilnahme hält das deutsche Rugby zumindest für die kommenden zwei Wochen zusammen. An das, was danach kommt, will Sean Armstrong nicht denken, er sagt: „Ich hoffe, unser Traum erfüllt sich.“

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