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Ironman Hawaii „Jan legt erst auf Hawaii die Karten auf den Tisch“

Der Ironman-Vizeweltmeister Sebastian Kienle spricht im Interview über seine Bindung an die legendäre Insel, sein Verhältnis zu Topfavorit Jan Frodeno und das an den Rand gedrängte Dopingthema.

Ironman
Trainiert schon seit einem Monat auf Hawaii für den Ironman: Sebastian Kienle. Foto: afp

Herr, Kienle, Sie reisen als einer der Topstars extrem früh zum Ironman Hawaii. Seit wann sind Sie vor Ort?
Seit fast einem Monat. Wir sind am Dienstag nach der Ironman 70.3-WM in Chattanooga/Tennessee von Atlanta (12. September, Anm. d. Red.) hierher geflogen. Das war auch alles genauso geplant. Für mich ist das hier daher fast ein zweites Stück Heimat geworden.

Warum ist die frühe Anreise so sinnvoll?
Die Bedingungen, die Kona am ähnlichsten sind, hat man halt vor allem in Kona. Es streiten sich ja die Triathlon-Gelehrten, ob das der einzige richtige und wahre Plan ist, aber für mich hat das immer gut funktioniert. Ich mache vorher gerne die Halbdistanz-WM, die in den USA auch örtlich günstig liegt, weil die Anreise nach Hawaii sich in zwei Etappen mit zweimal sechs Stunden Zeitverschiebung aufteilt. Die Alternative, lange in Deutschland zu bleiben, wäre immer mit dem Risiko verbunden gewesen, bereits richtig schlechtes Wetter zu haben. Und dann sitzt man vielleicht schon mit einem geschwächten Immunsystem im Flieger.

Sie werden von Ihrer Frau Christine, Ihrem Trainer Lubos Bilek und einem Physiotherapeuten auf Hawaii unterstützt. Wie hat man sich das zu vorzustellen: Alle wohnen im Apartment und fiebern dieser großen Mission im Mekka des Ironman entgegen?
So schaut es aus (lacht). Das funktioniert nur, weil wir gut eingespielt sind und uns alle gut kennen – und jeder weiß, wo die Macken des anderen sind. Letztlich müssen vor allem die drei anderen auch meine Launen aushalten ...

... Launen?
Ja, Kleinigkeiten, die ich leider an den Menschen auslasse, die mir am meisten bedeuten. Ich gebe mir dann wenig Mühe, zu unterdrücken, dass mich gerade etwas ankotzt. Das hat damit zu tun, dass auch die Festplatte, der Kopf, im wörtlichen Sinne heißläuft. Ich habe aber mit der Zeit gelernt, dass auf Hawaii nur eine innere Ruhe hilft und ich mich auf das beschränke, was ich selbst direkt beeinflussen kann.

Hawaii hat viele Tücken. Wo sind die Schlüsselstellen?
Wir sind nicht bei einer Tour de France, wo sich vorher leicht sagen lässt, jetzt kommt der Mont Ventoux und wer dort am schnellsten hochfährt, der gewinnt. Beim Ironman Hawaii kann das fast überall passieren.

Wenn wir die Disziplinen durchgehen ...
... sind beim Schwimmen die ersten 500 Meter der Schlüssel, gerade für mich. Am Anfang sortieren sich die Gruppen – entweder bist du in den vorderen drin oder nicht. Beim Radfahren ist es oft am Anstieg nach Hawi entschieden worden, weil dort die ganz heftigen Winde kommen. Beim Laufen kommt es nach dem Wendepunkt im Energy Lab drauf an: Wenn du an dieser Stelle noch Kraft hast, geht was. Wenn du dich nicht mehr gut fühlst, merkst du es leider auch.

Im Vorjahr sind Sie und Jan Frodeno zeitweise Seite an Seite gelaufen. Nostalgiker wünschen sich einen „Ironwar“ wie zwischen Dave Scott und Mark Allen einst 1989. Ist so etwas überhaupt möglich?
Ich glaube, dass an solch einem Kriegsspielchen jetzt noch ein paar mehr Parteien teilnehmen können. Ich habe in den USA mit Ben Hoffmann trainiert, dem ist viel zutrauen. Ich kann mir vorstellen, dass der Brite Tim Don in diesem Jahr seinen Zenit erreicht. Und auch der Australier Nick Kastelein, Jans Zauberlehrling, wird sich die ersten sechs Rennstunden weit vorne aufhalten. Und nicht zu vergessen Patrick Lange, dem selbst ein größeres Defizit auf dem Rad nicht viel ausmacht. Dass er in Frankfurt nicht ganz vorne war, kann für Hawaii mitunter sogar helfen.

Also kein Duell Frodeno versus Kienle mehr?
Ich will das nicht ausschließen. Und mit Sicherheit sind wir aktuell der Stärkste und Zweitstärkste, wenn wir die vergangenen zwei, drei Jahre anschauen. Und da Menschen am liebsten die Vergangenheit heranziehen, um Vorhersagen für die Zukunft zu treffen, kann das wohl wieder so sein (lacht).

Besteht der Kontakt zu Frodeno noch oder hat das Verhältnis etwas gelitten?
Wir haben deswegen weniger zu tun, weil er die eine Hälfte im Jahr in Australien lebt, die andere Hälfte in Girona. Deshalb sehen wir uns eigentlich gar nicht, was auch mit unserem nun völlig unterschiedlichen Rennkalender zusammenhängt. Wir schreiben uns noch regelmäßig. Wenn sich unser Verhältnis wirklich verschlechtert, würde das daran liegen, dass ich in diesem Jahr in Kona gewonnen hätte (lacht) ...

Sie haben vor Monaten betont, dass Frodeno nicht unschlagbar sei. Wie ist jetzt der Status?
Er ist der Favorit, aber wir treten auf Augenhöhe gegeneinander an. Im vergangenen Jahr war Jan nahe an einer Niederlage. Und in diesem Jahr habe ich die besseren Ergebnisse gemacht. Jan legt erst auf Hawaii die Karten auf den Tisch. Er steht aber auch mehr unter Druck: Alles andere als ein Sieg wäre eine Niederlage für ihn. Diese maximale Fallhöhe hat er sich erarbeitet.

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