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Das Ausnahmetalent

Alhassane Baldé ist einer von wenigen deutschen Para-Sportlern mit Einwanderungsgeschichte.

Para Leichtathletik-EM
Wurde im Alter von Jahren von seinen Eltern aus Guinea nach Deutschland geschickt: Alhassane Baldé. Foto: dpa

Mit kräftigen Armbewegungen lenkt Alhassane Baldé seinen Rennrollstuhl durch das Jahnstadion, Runde für Runde. Wenn er an der Tribüne vorbeikommt, wird der Applaus noch etwas lauter. Als der Wettkampf vorbei ist, blickt er hoch zur Familie. Da sitzt sein leiblicher Vater aus Guinea, den er seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hat. Und da sind Onkel und Tante, die ihn in Düsseldorf großgezogen haben. „Sie haben mich zu dem gemacht, der ich bin“, sagt Baldé, sichtlich gerührt.

Alhassane Baldé, 32, kam in Conakry zur Welt, der Hauptstadt Guineas. Wegen eines Arztfehlers ist er seitdem querschnittsgelähmt. „Es gibt in Guinea kaum befestigte Straßen“, sagt er. „Die hygienischen Bedingungen sind schwierig und behinderte Menschen werden oft versteckt.“ Die Ärzte sagten ihm geringe Lebenschancen voraus, daher schickten ihn seine Eltern mit fünf Jahren nach Deutschland. Auf einer Messe stieß er auf einen Minirennrollstuhl, er wollte unbedingt damit fahren. Es ließ ihn nicht mehr los.

Über die Jahre entwickelte sich Baldé zum besten deutschen Rennrollstuhlfahrer. Er sammelte Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften, nahm seit 2004 an drei Paralympics teil, und in Tokio möchte er seine Laufbahn 2020 vollenden. Nun bei der Para-Europameisterschaft in Berlin gewann er Silber über 5000 Meter, am Sonntag startet er über 1500 Meter. Doch Baldé ist auch aus einem anderen Grund ein Ausnahmeathlet: Als einer von wenigen deutschen Paralympiern hat er eine Einwanderergeschichte. Er verdeutlicht, dass es neben der Behinderung ganz andere Herausforderungen geben kann: kulturell, humanitär, politisch.

In Deutschland leben zwei Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, die auch eine Behinderung haben. Viele von ihnen werden doppelt diskriminiert, doch darüber wird hierzulande kaum gesprochen. Etliche Gastarbeiter ab den 1960er Jahren haben durch ihre schwere Arbeit eine Behinderung davongetragen. In einigen ihrer Kulturen gilt das als Prüfung oder Gottesstrafe, erzählt Jürgen Schwarz, Leiter der Interkulturellen Beratungsstelle der Lebenshilfe, einer Selbsthilfevereinigung.

Jürgen Schwarz und seine Kollegen haben in Neukölln rund 4000 Menschen aus neunzig Nationen beraten. Die Lage ist vielschichtig, doch gerade in bildungsfernen Milieus herrscht Unwissenheit über Pflege- und Förderung. Menschen mit Spastik gelten mitunter als „besessen“, Eltern schämen sich für ihre geistig behinderten Kinder. „Es reicht nicht, dass die Kinder satt und sauber auf der Couch sitzen“, sagt Schwarz. „Wir möchten ihnen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.“ Seit dem Ankommen der Flüchtlinge ist die Lage komplexer: Viele von ihnen sind behindert, als Folge von Krieg und Terror. Oder leiden unter Traumatisierung, manche bis ans Lebensende.

Für ihre Zukunft ist Teilhabe ein zentraler Begriff, in Bildung und Beruf, und auch der Sport kann eine kleine, aber keine unbedeutende Rolle spielen. „Wenn ich mehr Menschen zu Sport und Bewegung motivieren kann, dann nehme ich diese Rolle gern an“, sagt Alhassane Baldé. Er spricht unaufgeregt über Migration und Politik. Von weltweit einer Milliarde Menschen mit einer Behinderung leben achtzig Prozent in Entwicklungsländern. Vor einigen Jahren schicke Baldé einige Rollstühle nach Guinea. Einige Monate später erfuhr er, dass diese dort kaum genutzt werden. Denn damit würde man als reich gelten und Missgunst auf sich ziehen.

Dass das Thema Behinderung und Migration gesellschaftlich kaum erörtert wurde, merkt man auch im Deutschen Behindertensportverband. Wenn man Trainer und Funktionäre danach fragt, nennen sie zwei oder drei Paralympier mit Einwanderbiografie. Dass Migranten damit stark unterrepräsentiert sind, fällt ihnen nicht auf, schließlich haben 24 Prozent der deutschen Bevölkerung einen Migrationshintergrund.

Die Ursachen dafür möchte Özcan Mutlu ins Blickfeld rücken, der ehemalige Bundestags-Abgeordnete der Grünen ist neuer Präsident der Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbandes in Berlin. Mutlu knüpft Kontakte zu Migrantenorganisationen, etwa zum Türkischen Bund in Berlin-Brandenburg. „In vielen Communities wissen behinderte Menschen gar nicht, dass sie durch Sport auch Erfolge feiern können“, sagt Mutlu und verweist auf Ali Lacin. Der unterschenkelamputierte Sprinter aus Berlin hat türkische Wurzeln, über 200 Meter gewann er Silber. Wie Alhassane Baldé ist auch Lacin für viele ein Vorbild, weit über den Sport hinaus reicht.

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