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NBA Einen Kniefall wird es nicht geben

NBA-Chef Adam Silver mag mündige Athleten, aber beim „Star Spangled Banner“ wird gestanden. Am Dienstag startet in den USA die neue Basketballsaison.

Adam Silver
Adam Silver Foto: rtr

Es war schon immer eine Freude, Gregg Popovich dabei zuzuhören, wie er über Basketball philosophiert. Es gibt kaum jemanden in der NBA, der ein so tiefes Verständnis des Spiels besitzt, wie der langjährige Coach der San Antonio Spurs und dazu noch die Gabe, dieses Wissen elegant in Worte zu fassen. Doch beim Medientag zum Saisonstart der Basketball-Liga in dieser Woche waren von dem Erfolgstrainer ganz andere Qualitäten gefordert.

Popovich kam kaum dazu, über Basketball zu sprechen. Stattdessen stand er zum Thema der sozialen und rassischen Ungerechtigkeit und der Verflechtung der beiden Problematiken in den USA Rede und Antwort. Popovich meisterte die Aufgabe bravourös. Er zeigte sich belesen, wach und nicht minder klug, als wenn er über die Dreiecks-Offensive und Zonenverteidigung redet. Der 67-Jährige plauderte so souverän über „Weißheit“ – Whiteness – und „weißes Privileg“ als soziale Konstruktionen, als würde er ein Hauptseminar über Rassismus in den USA unterrichten.

Bei anderen Teams liefen die Pressegespräche nicht anders. Warriors-Coach Steve Kerr sprach über die Bürgerpflicht seiner Spieler, sich öffentlich gegen Rassismus und Polizeigewalt zu stellen. LeBron James nahm Donald Trump in die Pflicht, die Nation zu einen, anstatt Zwietracht zu sähen. Und der neue türkische Center der New York Knicks, Enes Kanter, in seiner Heimat als vermeintlicher Terrorist auf Erdogans Fahndungsliste geraten, erklärte seine Solidarität mit seinen US-Kollegen im Kampf gegen Rassismus und Donald Trump.

Die Über-Mannschaft aus Oakland

Bei all dem konnte man beinahe vergessen, dass von Dienstag an in den Basketballarenen des Landes wieder gedribbelt und geworfen wird und 29 Mannschaften sich daran abmühen werden, die Dominanz der Über-Mannschaft aus der San Francisco Bay Area um Stephen Curry und Kevin Durant zu brechen. Sport und Politik sind derzeit in den USA so stark miteinander verwoben, dass man sie nicht mehr voneinander unterscheiden kann.

Befeuert wurde die Politisierung der Arenen durch die jüngste Einmischung Donald Trumps in die Angelegenheiten der Football-Liga (NFL) sowie seine beleidigte Reaktion auf Stephen Currys Abneigung gegen ihn. So steht der NBA-Start ganz im Zeichen der Frage, wie viel politischen Protest die Liga duldet und aushält.

Dabei scheint die NBA im Gegensatz zur NFL geradezu ein Refugium der offenen Opposition gegen Trump und des Widerstands gegen systematischen Rassismus zu sein. Während in der NFL der Urheber der derzeitigen Protestwelle, Colin Kaepernick, noch immer keinen Job hat (sein Anwalt klagt nun gegen diesen kollektiven Ausschluss durch die Teambesitzer), kann LeBron James den Präsidenten ungestraft einen „Penner“ nennen. Ligachef Adam Silver sagt dazu sogar, dass er stolz darauf ist, wie sich seine Spieler für die drängenden Themen der Zeit engagieren.

Keine klassischen Trump-Wähler

Diese Liberalität im Basketball mag sich zum Teil daraus erklären, dass Adam Silver New Yorker Jude ist – eine Bevölkerungsgruppe, die klassischerweise einen ausgeprägten Sinn für soziale Gerechtigkeit hat. Das war zuletzt auch daran abzulesen, dass Silver das Allstar-Spiel aus North Carolina abzog, nachdem dort der Gouverneur ein diskriminierendes Gesetz gegen die Lesbisch-Schwule-Transgender-Gemeinde verabschiedete.

Purer Idealismus dürfte es allerdings nicht sein, die Silver zu seiner offenen Haltung führt. Im Basketball sind nicht nur die überwiegende Mehrheit der Spieler nicht-weiß, sondern auch die Mehrheit der Fans. Klassische Trump-Wähler, wie beim Football, verirren sich eher selten auf die Ränge der Basketballarenen.

Wie tief die Offenheit der NBA geht, wird sich allerdings erst beim Anpfiff am Dienstagabend zeigen. Adam Silver hat in dieser Woche bekräftigt, dass die NBA-Regel für die Spieler, beim Abspielen der Nationalhymne aufzustehen, nach wie vor in Kraft sei. Offenbar endet die Toleranz für Meinungsvielfalt und Kritik auch im Basketball am Spielfeldrand.

Ob Silver die Politisierung seines Sports auf diese Weise begrenzen kann, ist allerdings eher zweifelhaft. Wenn die vergangenen Wochen etwas gezeigt haben, dann ist es, dass es ein bisschen Politik im Sport nicht gibt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

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