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Wimbledon Kerber und Görges kämpfen ums Finale

Angelique Kerber und Julia Görges schreiben eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte. Letztmals standen 1931 zwei deutsche Spielerinnen im Halbfinale von Wimbledon.

Angelique Kerber
Angelique Kerber stand schon einmal im Finale von Wimbledon - jetzt soll der Titel her. Foto: rtr

An ihre Prinzipien hat sich Julia Görges auch diesmal gehalten. Anders als nahezu alle ihre Kolleginnen, wie zum Beispiel auch Angelique Kerber, wohnt sie nicht in einem angemieteten Haus in unmittelbarer Nähe des All England Lawn Tennis Clubs im Südwesten von London. Görges hat sich für ein Hotel entschieden und ihr Zimmer dort ist bis zum Abschluss des Rasenklassikers in Wimbledon reserviert. „Ich buche immer bis zum Ende durch“, verriet die 29-Jährige. Offiziell sind praktische Gründe der Ursprung dieses Procedere. „Ich mache das, damit es keine Komplikationen gibt.“ Gut möglich, dass sich diese eigenwillige Vorgehensweise nun auszahlt.

Zusammen mit Kerber hat Görges bei der 132. Auflage der „Championships“ das geschafft, was es in der Historie zuvor nur ein einziges Mal gegeben hat. 1931 waren Cilly Aussem und Hilde Krahwinkel die letzten beiden deutschen Spielerinnen, die bis ins Halbfinale dieses bedeutendsten Tennisturniers vorgestoßen sind. Die beiden bestritten danach sogar das Endspiel.

Noch jeweils einen Sieg sind Görges, die Powerspielerin mit dem formidablen Aufschlag, und Kerber, die zurückgekehrte Kämpferin mit den Konterqualitäten, davon entfernt, das „Fräuleinwunder“, wie es die Engländer nennen, perfekt zu machen. Dieser sagenumwobene Centre Court mit seinem auf exakt acht Millimeter gestutzten heiligen Rasen, für Boris Becker das Wohnzimmer schlechthin, könnte für die beiden Fed-Cup-Kolleginnen zum Theater ihrer Träume werden.

„Ein deutsches Finale, das klingt wirklich cool“, sagte Görges vor der ultimativen Herausforderung gegen die 23-malige Major-Gewinnerin Serena Williams (USA) am Donnerstag. Während Kerber in ihrer märchenhaften Saison 2016 schon einmal das Wimbledonendspiel erreicht hat, war für Görges auf Grand-Slam-Ebene bereits die Runde der letzten Acht Neuland. Bis jetzt.

Bei ihrem 42. Grand-Slam-Turnier gelang es Görges endlich, die Schallmauer des Achtelfinales zu durchbrechen. Und das ausgerechnet in Wimbledon, wo sie zuletzt fünf Erstrundenpleiten hintereinander kassiert hatte. „Dass das alles hier passiert“, sagte die Bad Oldesloerin Görges schmunzelnd, „das ist überraschend und fühlt sich auch nicht real an.“

Die Weltranglisten-13. macht keinen Hehl daraus, dass ihr der Bezug zum Rasen bis vor kurzem abging, „außer vielleicht im Garten“. Doch sie hat, auch mit Hilfe von Ex-Profi David Prinosil, ihre Einstellung zum unberechenbaren Belag geändert. Wenn es mal wieder „Banane aussieht“, weil man einen versprungenen Ball nicht trifft ... was soll’s!

Der Coup an der Church Road ist auch ein Indiz dafür, wie sehr die Realistin mit dem trockenen Humor in den vergangenen Jahren gereift ist – und auf dem Weg dorthin auch vor radikalen Umbaumaßnahmen nicht zurückschreckte. Vor rund drei Jahren entschied sich Görges für eine Trennung von ihrem Coach Sascha Nensel, drückte den „Resetknopf“. Nach dem Turniersieg in Stuttgart 2011 waren die ganz großen Ergebnisse ausgeblieben.

Der Aufschlag als Schlüssel zum Erfolg

Symptomatisch für die Kurskorrektur, dass Görges vom hohen Norden in den Süden nach Regensburg zog. Ihr Trainer wurde der besonnene Michael Geserer. In Florian Zitzelsberger engagierte Görges einen eigenen Physio- und Fitnesscoach, der zu ihrem Lebenspartner wurde.

Die zwei Männer erweiterten den Horizont der Chefin. „Durch die beiden habe ich gesehen, dass es noch etwas anderes außer Tennis gibt: das Leben“, erzählte sie über die psychische Neuausrichtung, die einherging mit der Justierung einzelner spielerischer und physischer Elemente. Görges weiß ihre Waffen einzusetzen. In dieser Saison führt sie die meisten Aufschlagstatistiken der WTA-Tour an.

Der Aufschlag könnte auch der Schlüssel sein für einen Erfolg über Serena Williams. Unter anderem. „Jule kann Serena schlagen. Entscheidend wird sein, dass sie nicht hektisch wird mit dem Wimbledonfinale vor Augen. Denn die Emotionen können einen erdrücken“, mahnte Barbara Rittner. Die Chefin der DTB-Spielerinnen kennt Görges seit frühester Jugend.

So wie sie auch Kerber bestens kennt und ihr im anderen Halbfinale gegen die ehemalige French-Open-Siegerin Jelena Ostapenko (Lettland) beste Chancen auf den Einzug ins Endspiel einräumt. Bei Kerber führte ebenfalls ein Trainerwechsel zum erwünschten Erfolg. Wim Fissette brachte die zweimalige Grand-Slam-Siegerin wieder auf Kurs. Kerber ist die konstanteste Spielerin in diesem Jahr und hat bei allen bisherigen drei großen Turnieren mindestens das Viertelfinale erreicht. „Ich bin wieder auf dem richtigen Weg“, sagte die 30-Jährige: „Aber die Reise hier ist noch nicht zu Ende.“

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