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Novak Djokovic Raus aus dem Irrgarten

Novak Djokovic schreibt beim Masters ins Cincinnati Tennisgeschichte. Als erster Profi gewinnt er alle neun Turniere der ATP-Serie.

Novak Djokovic
Come on! Novak Djokovic bejubelt seinen Finalsieg in Cincinnati. Foto: afp

Novak Djokovic hat sie jetzt alle. Er hat die Trophäe des Paris Masters, ein baumartiges Konstrukt, jene des Shanghai Masters, sie ähnelt einer langen, spitzen Krone. Auch den einem, nun ja, Erwachsenenspielzeug nicht unähnlichen Pokal der Madrid Open nennt er sein eigen, und außerdem den aus Indian Wells und den aus Miami und den aus Monte Carlo und den aus Rom und den aus Toronto, und nun also stellt sich Djokovic die Frage: Wo passt da noch das große Keramikgefäß mit der Blumenverzierung hin, das man ihm am Sonntag Cincinnati überreichte?

Der 31-jährige Serbe hat historisches geschafft. Keiner vor ihm konnte alle neun Turniere der Masters-Serie für sich entscheiden, verstreut über den gesamten Globus, nicht einmal der längst in den Halbgottstatus aufgestiegene Schweizer Roger Federer, den Djokovic passenderweise im Finale von Cincinnati besiegte, souverän mit 6:4 und 6:4. „Das ist einer der größten Momente in meiner Karriere, keine Frage“, sagte der derzeitige Weltranglistensechste. „Das kleine Baby hier ist jetzt endlich da“, sagte er bei der Siegerehrung, die seltsame Vase im Arm tragend.

Zum sechsten Mal stand Djokovic in Cincinnati im Endspiel, fünfmal hatte er verloren, zweimal gegen den Briten Andy Murray, dreimal gegen Federer. „Ich bin immer wieder hierher gekommen, und um ehrlich zu sein: Der Druck wurde von mal zu mal größer.“ Nun sei er erfreut und stolz und befriedigt, gab der 13-malige Grand-Slam-Sieger an. „Geschichte zu schreiben in dem Sport, den ich wahrhaftig liebe, ist ein großes Privileg und eine große Ehre. Ich werde für den Rest meines Lebens stolz darauf sein“, versicherte Djokovic. Dauerrivale Federer – am Sonntag gab es das Duell zum 46. Mal auf der Profitour – hatte wenig Interesse, über eigene Versäumnisse zu sprechen und verwies lieber auf die geschichtsträchtige Leistung seine Gegners. „Am Ende blickt man zurück auf alles, was man erreicht hat, und fragt sich: ‚Okay, was ist das coolste von allem?‘“, erklärte der 37-jährige Schweizer: „Und für Novak wird das vielleicht dieser Rekord hier sein. Abgesehen von allem anderen, das er schon erreicht hat in seiner Karriere.“

Djokovic sucht sein Auto

Djokovic hat Federer, dem noch die Titel in Rom und in Monte Carlo in seiner Masters-Sammlung fehlen, und dem anderen ewigen Kontrahenten Rafael Nadal eine zweite historische Leistung voraus im Tennis, der wie fast kein anderer Sport auf historische Leistungen fixiert ist: Zwischen 2015 und 2016 gewann er alle vier Grand-Slam-Titel (vor den Masters die wichtigste Turnierserie) in Folge – als erster Spieler der modernen Ära.

Während seiner triumphalen Woche in der Großstadt am Ohio River hatte Novak Djokovic nur einmal die Orientierung verloren. Ein Handyvideo existiert, auf dem zu sehen ist, wie der Serbe auf dem großen Parkplatz der Anlage herumirrt, durch den Regen, auf der Suche nach seinem Auto, halb verzweifelt, halb belustigt ruft er ‚Mamma Mia, wo ist mein Auto!‘, auf der Regenjacke trägt er einen Reflexstreifen, als wolle er sicher gehen, dass er im Dunkeln selbst nicht verloren geht. Schließlich findet Djokovic seinen Wagen, er steht direkt am Eingang.

Djokovic weiß, wie das ist: Auf der Suche zu sein, und nicht alles lässt sich so leicht finden wie eine Luxuskarre auf einem eingezäunten Parkplatz. Er hat in Cincinnati ja ein erstaunliches Comeback gekrönt, mal abgesehen davon, dass er im Juli schon Wimbledon gewinnen konnte, es war eine Überraschung. Auch für ihn selbst. „Es ist fast ein wenig unwirklich, auf diesem Level zurück zu sein“, befand er nun, „ich habe nicht immer geglaubt, das noch einmal zu schaffen.“

Nach seinem Erfolg bei den French Open in Paris 2016 war Djokovic in eine tiefe Krise gerauscht, Motivationsprobleme lähmten ihn, Verletzungen. Er warf seine langjährigen Trainer und Betreuer raus, inklusive Boris Becker, fand beim dubiosen Esoterikguru Pepe Imaz Zuflucht, war ein Suchender, blieb ein Suchender, bis ihm klar wurde: Alles Bullshit.

Demütig kehrte er Anfang 2018 zu seiner Tennisfamilie zurück, zum alten Coach Marijan Vajda und dem glatzköpfigen Fitnesstrainer Gebhard Gritsch aus Österreich, die Djokovic rausführten aus dem inneren Irrgarten.

„Gewaltige Fehler“ habe er gemacht, räumte er ein: „Ich bin zwischenzeitlich total vom Weg abgekommen, habe nicht mehr gesehen, wer wichtig für mich ist.“ Novak Djokovic, die serbische Tennislegende, hat sie jetzt wieder alle.

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