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Daviscup Tennisspieler mit Köpfchen

Für den Frankfurter Daviscup-Spieler Tim Pütz ist der Beruf Tennisprofi viel mehr, als nur Tennis zu spielen.

Tim Pütz
Immer auf Achse: Tim Pütz. Foto: Imago

Auch im abgelaufenen Jahr, kurz nach Weihnachten, stieg Tim Pütz in ein Flugzeug, um ans andere Ende der Welt zu fliegen. In Indien begann für den 31-Jährigen Tennisprofi aus Frankfurt die neue Saison, beim ATP-Turnier in Pune, Westindien, nahm er die Jagd nach Weltranglistenpunkten wieder auf. Außerdem begann für Tim Pütz: Das Leben auf der Tour.

Er hatte zuletzt viele, viele Wochen daheim in Frankfurt verbracht, mit Familie und Freunden und Freundin. Wegen einer Entzündung am Zeh musste Pütz – 60. in der Doppelweltrangliste, im Einzel auf Platz 41 – das Tennisjahr 2018 schon Mitte September beenden. „Zehn Wochen am Stück daheim waren auch mal ganz schön“, sagt er, „das Leben auf der Tour habe ich da überhaupt nicht vermisst. Das Tennis habe ich vermisst, meinen Job, und das Hinterherjagen nach Punkten. Ständig in einem Flugzeug zu sitzen und in Hotels einzuchecken, ist die negative Seite dieses Berufs. Aber ich weiß natürlich auch, dass es Schlimmeres gibt, als ein bisschen in der Gegend rumzufliegen und auf Turnierkosten in St. Petersburg im Four Seasons zu übernachten.“

Pütz, seit 2017 fester Bestandteil im deutschen Daviscup-Team, ist ein intelligenter Mensch, nach seinem Abitur 2007 schloss er in den USA ein VWL-Studium mit Bachelor ab, im Rahmen eines Tennisstipendiums. Für ihn geht das Leben als Tennisspieler weit über das Tennisspielen hinaus, er plant die Saison weitestmöglich durch, bucht die Flüge, die Hotels, stellt Einnahmen und Ausgaben gegenüber. Er ist sozusagen sein eigener Manager.

„Das kommt alles mit der Erfahrung“, sagt Pütz: „Es macht mir ja auch Spaß, dass ich mir rundum Gedanken machen muss, das Rumüberlegen und Rumorganisieren. Statt den ganzen Tag nur Tennis zu spielen. Das ist dann ein bisschen wenig, da kann einem schnell mal langweilig werden. Ich meine, wir fahren morgens zur Tennisanlage wie andere Menschen ins Büro, und dann spielen wir Tennis, und dann spielen wir ein zweites Mal Tennis, zwischendurch essen wir was, und den Rest des Tages hängt man irgendwie im Hotel rum.“

Überhaupt ist das Rumhängen ein großes Thema für einen Tennisprofi, und Tim Pütz findet, man kann so rumhängen und so. „Mir ist es wichtig, was zu tun zu haben, und wenn es nur Lesen ist. Sinnfrei dazusitzen und aufs Handy zu starren, geht mir auf die Nerven.“ Er tut gerne etwas für seinen Kopf, er kann ihn ja auch gut gebrauchen, den Kopf, wenn er vor der Saison und während der Saison mit all den Zahlen und Daten jonglieren muss.

Bei welchem Turnier macht es Sinn, einen Trainer mitzunehmen, vielleicht sogar einen Physiotherapeuten? Der Profi rechnet jetzt vor. „Eine Australienreise mache ich natürlich lieber alleine, als einen Trainer mitzunehmen. Was das kostet: Reisekosten, Hotelkosten, dazu der Tagessatz des Trainers, der ja auch ein Auskommen braucht.“ Mit Trainer und eigenem Physiotherapeuten zu reisen, glaubt Pütz, das können sich vielleicht zehn Spieler auf der ganzen Welt leisten. „Da fängt das Jahr ja schon mit minus 250.000 Euro an. Das kannst du natürlich nur machen, wenn das Geld eh egal ist. Die Top-Spieler verdienen ja mit ihren Werbeverträgen auch dann noch Millionen, wenn sie kein einziges Spiel im Jahr spielen.“

Bei einem Berufsspieler der Klasse Pütz – bestes Einzel-Karriereranking Platz 163 – ist das Geld eher nicht egal. Er wird nicht reich mit seinem Beruf, kein Vergleich natürlich zur Glamourwelt der Topstars wie Roger Federer und Rafael Nadal. Aber er kann gut leben vom Leben auf der Tour. „Ich hab’s bisher immer geschafft, eine gute Balance zu finden zwischen Investition und Sparen“, findet er. 2018 hat er gut verdient, obwohl er die Saison vorzeitig hatte beenden müssen, in etwa vergleichbar mit dem Jahreseinkommen eines Oberarztes. „Also es geht schon. Aber: Man muss mitdenken.“ Im Sommer hat er in der Doppelkonkurrenz das ATP-Turnier in Stuttgart gewonnen, dafür gab es einen ordentlichen fünfstelligen Betrag, den er sich mit seinem Partner Philipp Petzschner teilen musste. „Das war schön viel Geld auf einen Schlag, aber ich bin dann nicht gleich los und habe mir ein Auto gekauft. Das gibt’s ja auch.“

Pütz ist da vorsichtig geworden, denn er weiß, wie hart die Returns des Schicksal sein können. 2014 war das beste Jahr seiner bisherigen Karriere, in Wimbledon schaffte er es im Einzel durch die Qualifikation ins Hauptfeld und dort in die zweite Runde. „Ich hatte dann Riesenpläne, wollte mir Autos kaufen und was weiß ich was. Aber da war ich 27 und dachte, das geht so weiter, ich stehe immer im Hauptfeld der Grand Slams und verdiene 200.000 im Jahr.“ Aber so ging es nicht weiter. Er verletzte sich 2015 am Knie, wurde operiert, konnte ein Jahr lang nicht spielen. Im Sport ist das Glück höchstens so stabil wie der eigene Körper.

Tim Pütz will noch ein bisschen weitermachen auf der Tour, vier, fünf Jahre vielleicht, so lange es sich lohnt und es Spaß macht jedenfalls. Anfang Februar schon wartet erst einmal ein besonderes Karrierehighlight, der gebürtige Frankfurter trifft mit dem deutschen Daviscup-Team in Frankfurt auf Ungarn. In der Vorrunde des reformierten Turnierformats kann sich die Mannschaft um Superstar Alexander Zverev und Teamchef Michael Kohlmann fürs einwöchige Finalturnier Ende des Jahres qualifizieren, in Madrid. Pütz wird aller Voraussicht nach wieder im erfolgreichen Doppel mit Jan-Lennard Struff antreten.

„Wir hatten drei schöne Auswärtsspiele, aber ich habe mir die ganze Zeit ein Heimspiel gewünscht“, sagt Pütz: „Jetzt haben wir eins und es ist auch noch in Frankfurt. Ich freue mich sehr drauf.“ Vom neuen, höchst umstrittenen Daviscup-Format hält Pütz zwar nicht sonderlich viel. „Aber wer weiß, vielleicht kriegt der Daviscup dadurch den erhofften Aufwind. Der ist in den letzten Jahren ja ein wenig ausgeblieben. Wir werden gegen Ungarn versuchen, ein schönes Heimspiel hinzulegen und uns für die Finalwoche zu qualifizieren. So sehr man darüber schimpft – das hätte natürlich etwas historisches.“

Den Flug nach Madrid und das Hotel müsste er dann ausnahmsweise mal nicht selbst buchen. Das erledigt selbstverständlich der Deutsche Tennis-Bund.

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