Lade Inhalte...

Australian Open Julia Görges jagt den großen Pokal

Weil Julia Görges so erfolgreich ist wie nie, gilt sie als Mitfavoritin bei den Australian Open.

Julia Görges
Kapituliert vorm eigenen Glück: Julia Görges. Foto: dpa

Der Jahreswechsel war völlig überflüssig aus der Sicht von Julia Görges, wäre es nach ihr gegangen, hätte 2017 ruhig ein paar Monate weitermachen können. Wer braucht schon ein neues Jahr, wenn das alte gerade hervorragend funktioniert? Mit zwei aufeinanderfolgenden Turniersiegen hatte die 29-Jährige die vergangene Tennissaison ja beschlossen, sowohl im Oktober in Moskau triumphiert als auch einen Monat später in Zhuhai, China, bei der etwas despektierlich genannten B-Weltmeisterschaft, und am Ende ihres erfolgreichsten Karrierejahres fand sie sich auf Weltranglistenplatz 14 wieder. Persönlicher Bestwert.

Görges hat dem neuen Jahr dann doch eine Chance gegeben. Sie begrüßte es gar sehr freundlich im großen Internet-Bilderbuch namens Instagram, mit einem Herzen anstelle der Null im Pyro-Schriftzug „2018“, und 2018 gab die Herzlichkeit dann umgehend zurück: Gleich in der ersten Woche der frischen Spielzeit hatte Görges erneut einen Pokal in der Hand und posierte in der strahlenden Sonne Neuseelands für die Fotografen. Schon wieder gewonnen, diesmal beim ATP-Turnier in Auckland. 6:4 und 7:6 im Finale gegen die Dänin Carolin Wozniacki. 

„Es fühlt sich unglaublich an, muss ich sagen“, sagte Görges hinterher: „Es geht nicht nur darum, hier zu gewinnen, sondern auch um die Beständigkeit, die ich in den letzten Wochen und Monaten hatte. Das macht mich stolzer, und ich genieße jeden Moment davon.“ Den geplanten Start in Sydney sagte sie dann ab, nicht etwa aus Bescheidenheit, um den anderen auch mal eine Chance auf einen Turniersieg zu lassen, sondern weil das rechte Knie zwickte. Angeblich. Womöglich wollte die Bad Oldesloerin sich aber auch schonen, für die Australian Open, die in der Nacht von Sonntag auf Montag (MESZ) in Melbourne beginnen. 

Ein erster Grand-Slam-Erfolg scheint jedenfalls in Reichweite für Görges, der als Weltranglistenzwölften nun besten deutschen Tennisspielerin – auch, weil die Weltspitze aktuell so ausgeglichen wie nie ist. Keine andere kann derzeit einen derart erstaunlichen Lauf vorweisen, mit drei aufeinander folgenden Turniersiegen; nicht Simona Halep aus Rumänien, die Nummer eins, nicht Sloane Stephens aus den USA, US-Open-Siegerin, und schon gar nicht Serena Williams, die zurzeit Babypause macht. „Jule ist im Hinblick auf die Australian Open mental und spielerisch für alles bereit“, glaubt Barbara Rittner, die weiterhin mit dem bedauerlichen Titel „Head of Women’s Tennis“ im Deutschen Tennis-Bund leben muss.

Kerber gewinnt in Sydney

Görges‘ Leistungsexplosion ist bemerkenswert, bis zum Coup in Moskau hatte sie sechs Jahre lang kein Turnier mehr gewonnen. Den entscheidenden Schritt hin zu körperlicher und mentaler Stabilität scheint die Rechtshänderin 2015 gemacht zu haben. Damals trennte sie sich von Sascha Nensel, ihrem langjährigen Trainer, wechselte zu Michael Geserer, zog deshalb extra nach Regensburg, um den Neuanfang auch zu verräumlichen, und dann sind Görges und Geserer gemeinsam mit Florian Zitzelsberger, dem Fitness- und Athletikcoach, der auch privat ihr Partner ist, zu einem kleinen und effizient arbeitenden Team zusammengewachsen. Dem Team Jule, wie Görges es selbst nennt, was ein bisschen wie eine Kinderbuchreihe über eine Abenteurer-Bande klingt. Neuester Titel: Team Jule und die Jagd nach dem großen Pokal.

Alles ist möglich. Die 1,80-Meter-Frau, die 2011 in Stuttgart ihren Premierensieg auf der ATP-Tour feierte, besticht inzwischen durch sagenhafte Fitness, verletzt ist sie eigentlich nie, und psychologisch schwierige Momente übersteht sie mit der Kunst des positiven Denkens. In Auckland neulich verhinderte Dauerregen gleich an zwei Tagen in Folge jegliches Freilufttennis, doch Görges reüssierte anschließend unbeeindruckt mit ihrem druckvollen Allround-Spiel, mit dem sie hinten an der Grundlinie ebenso zu Hause ist wie vorne am Netz. Der Aufschlag gehört ohnehin zum besten, was die Tour gerade zu bieten hat. 41 direkte Punktgewinne verbuchte sie im Auckland-Finale gegen Wozniacki.

Den Fed-Cup-Auftritt gegen Weißrussland im Februar hat Görges bereits abgesagt, aus Regenerationsgründen, genau wie Angelique Kerber, die andere deutsche Spitzenspielerin. Kerber, 29, war der kletternden Görges im vergangenen Jahr in der Weltrangliste rasend schnell entgegengekommen, von Rang eins stürzte sie bis auf Rang 21. Aber im neuen Jahr ist sie, beflügelt von einem Trainerwechsel (der Belgier Wim Fissette ersetzte Torben Beltz), wieder gut in Form, gewann das Turnier in Sydney und nährt die Hoffnung auf ein gutes deutsches Abschneiden bei den Australian Open. 

„Ich bin glücklich mit meiner Leistung“, sagt Angelique Kerber. Für sie hätte das Seuchenjahr 2017 ruhig ein paar Monate früher zu Ende gehen können.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen