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ATP-Finals Frühreifer Spätzünder

Der Bulgare Grigor Dimitrow gewinnt die Tennis-WM und wird den hohen Erwartungen allmählich gerecht.

Grigor Dimitrow
Jubelschrei im Konfettiregen: Grigor Dimitrow. Foto: afp

Wenn die grauen Herbstwolken, wie dieser Tage, tief über den Dächern von London hängen, dann scheint der Himmel tatsächlich zum Greifen nah. Der bulgarische Tennisspieler Grigor Dimitrow hätte am späten Sonntagabend durchaus guten Grund gehabt, auf Wolke sieben zu klettern, als in der riesigen Arena von North Greenwich das Konfetti über ihm herabsank: Tennis-Weltmeister war er geworden, nach einem spannenden Dreisatzsieg im Endspiel des ATP-Finales gegen den Belgier David Goffin (7:5, 4:6, 6:3), und nun geht er auf Weltranglistenplatz drei in die Winterpause. Ein Karrierehoch. 

Doch Dimitrow, 26, orientierte sich lieber in die andere Richtung, nach unten statt nach oben. Erde statt Himmel. „Das wichtigste ist, auf dem Boden zu bleiben und noch härter zu arbeiten“, sagte er: „Ich will jetzt nicht ausflippen.“ 

Dimitrow sprach nach dem größten Erfolg seiner bisherigen Tennislaufbahn von einem „tollen Fundament“, auf dem er für das Jahr 2018 aufbauen könne. Für einen, der sich bislang sehr schwer tat, Tritt zu fassen in der Weltspitze, in die er alleine kraft seiner Begabung gehört, ist eine stabile Basis vermutlich das schönste der Gefühle. Er weiß ja, wie schnell einem ein Tennishimmel auf den Kopf fallen kann.

„Baby Fed“ ohne die mentale Stärke eines Topspielers

Einst galt er als legitimer Thronfolger Roger Federers, und wer den ganz jungen Dimitrow spielen sah, mit schwebender Eleganz und einhändiger Rückhand, sah immer irgendwie auch den Schweizer Großmeister vor sich. Schnell verpasste man ihm den Spitznamen „Baby Fed“, keine Überraschung in einem zu Vergleichen neigenden Sport. Und die dazugehörigen Luftschlösser stellte man ihm mietfrei daneben. 

Mit 23 brach er erstmals in die Top Ten ein, 2014, er stand im Halbfinale von Wimbledon, die Erwartungen schienen sich langsam zu erfüllen, aber während das spielerische Potenzial von Anfang an unbestritten war, ging ihm die mentale Stärke eines Topspielers stets ab. Schlagzeilen machte er vornehmlich mit seinen glitzernden Beziehungen, anfangs Tennis-Ikone Maria Scharapowa, zurzeit Popsängerin Nicole Scherzinger.

Im August 2016 war er bis auf Rang 40 der Weltrangliste abgeschmiert, aber er traf dann eine gute Entscheidung. Dani Vallverdu wurde sein neuer Trainer, ein 31-jähriger Venezolaner, der schon die Branchengrößen Andy Murray und Tomas Berdych zu Höchstleistungen animierte. „Ohne ihn“, sagte Dimitrow nun in London, „wäre ich nicht der, der ich heute bin.“ Fitnesstrainer Sebastien Duran und Azdine Bousnana komplettieren das Team um Dimitrow, der schon Ende 2016 wieder in den Top 20 war und nun, als Mittzwanziger, als so zielstrebig wie nie beschrieben wird von nahen Beobachtern.

„Ich musste mit meinen Dämonen ringen, um wieder beständiger zu werden“, beschrieb Dimitrow jüngst seinen inneren Kampf. „In dieser schwierigen Zeit hätte ich nie gedacht, dass ich einmal das ATP-Finale gewinne. Aber diese Periode hat mir enorm geholfen, ich habe sie gebraucht“, sagte er.

Frühreifer Spätzünder?

Eigentlich galt als ausgemacht, dass die Erben der Altstars um Roger Federer, der nach einer äußerst erfolgreichen Saison etwas ermüdet im Halbfinale Goffin unterlag, die Dimitrow-Generation überspringen würde, dass die Weltspitze also direkt an die Nachfolger der Nachfolger ginge: An den Österreicher Thiem, 24, oder den Franzosen Pouille, 23, vor allem aber an Alexander Zverev, 20, in London in der Vorrunde gescheitert. 
Frühreifer Spätzünder?

Gerade den aber hat Dimitrow nun im letzten Atemzug der Saison von Weltranglistenplatz drei verdrängt. Nicht auszuschließen, dass er nun zu einem frühreifen Spätzünder wird, ähnlich dem Schweizer Stan Wawrinka, der seinem Potenzial erst Ende 20 gerecht wurde und nun, mit 32, drei Grand-Slam-Titel vorweisen kann.

Nach derartigen Erfolgen strebt auch Grigor Dimitrow, aber erstmal wird er nun Urlaub machen. „Wenn ich morgens aufwache und machen kann, was ich will. Diese Freiheit hat man als Tennisprofi nicht besonders oft.“ Ganz normal, ganz bodenständig. Und ganz bestimmt unter blauem Himmel.

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